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Marburg Polizei war treibende Kraft bei Aufklärung
Marburg Polizei war treibende Kraft bei Aufklärung
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00:19 15.11.2018
Der Garten des Gedenkens in der Marburger Universitätsstraße. An dieser Stelle stand die Synagoge, die in der Nacht zum 10. November 1938 zerstört wurde. Foto: Thorsten Richter
Der Garten des Gedenkens in der Marburger Universitätsstraße. An dieser Stelle stand die Synagoge, die in der Nacht zum 10. November 1938 zerstört wurde. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Als sich in der Nacht zum 10. November 1938 einige Männer des SA-Reservesturms III in Zivil gekleidet aufmachen, den Befehl später nicht mehr ausfindig zu machender SS-Funktionäre aus Kassel auszuführen, können sie sich sicher sein, dass ihnen daraus kein Nachteil entstehen wird. Es ist die Reichspogromnacht, in der sich im ganzen Deutschen Reich angeblich spontan der „Volkszorn“ gegen die Juden entfesselt. Synagogen brennen, Geschäfte werden geplündert und zerstört, tausende Juden angegriffen, verhaftet, ermordet. Offizieller Anlass für die Pogrome war das Attentat an einem Diplomaten, dem Gesandtschaftsrat Ernst Eduard vom Rath in Paris durch den Juden Herschel Grynszpan am 7. November 1938.

Doch der „Volkszorn“ in den folgenden Nächten ist generalstabsmäßig geplant, vorbereitet und gesteuert, inklusive der Hinweise an Polizei, nur Plünderungen zu verhindern, sich sonst aber zurückzuhalten. Auch in der Marburger Universitätsstraße war die Brandstiftung keine spontane Tat – selbst wenn die gleichgeschaltete Oberhessische Zeitung, ein Vorläufer der OP, damals die Mär vom spontanen Wutausbruch der Bürger bereitwillig weiterverbreitete (siehe Kasten).

Aufklärung erst nach Kriegsende

Die Ermittlungen gegen Unbekannt direkt nach der Tat wurden schnell eingestellt. Die Nazijustiz hatte aus naheliegenden Gründen kein Interesse an der Bestrafung der Täter. Wie es wirklich war, haben Gerichte erst nach dem Ende des „1000-jährigen Reichs“ festzustellen versucht. Doch sie konnten nach Kriegsende nur mit dem arbeiten, was noch zu ermitteln war. Weitreichende Geständnisse von Beschuldigten waren Fehlanzeige. Viele Zeugen und Beschuldigte erinnerten sich viele Jahre nach der Nacht nicht mehr, stritten ihre Beteiligung ab oder belasteten andere. Das lässt sich heute aus den Akten herauslesen, die im Hessischen Staatsarchiv in Marburg lagern.

Erschwert wurde die juristische Arbeit dadurch, dass einige der möglichen Täter oder Mittäter noch in Kriegsgefangenschaft waren und bei den ersten Prozessen noch nicht zur Sache befragt werden konnten. Und so ergeben die Ermittlungsunterlagen und Prozessprotokolle bis heute kein ganz klares Bild über Tat und Täter. Mehrere Strafkammern des Marburger Landgerichts beschäftigten sich zwischen 1947 und 1952 mit der Frage nach den Brandstiftern.

Einer der Täter hatte sich durch seine Prahlerei verraten

Die Ergebnisse wirken aus heutiger Sicht nicht zufriedenstellend. Von den fünf Angeklagten im ersten Prozess wurden im November 1947 zwei Männer freigesprochen. Der SA-Sturmführer Hans Steih als Rädelsführer wurde zunächst wegen vorsätzlicher Brandstiftung in Tateinheit mit Land- und Hausfriedensbruch zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt, die Mitangeklagten Friedrich Groos und Paul Piscator als Mittäter zu einem Jahr und sechs Monaten beziehungsweise einem Jahr.

Steih hatte als Führer seines Reservesturms den Befehl seines Vorgesetzten Stollberg angenommen und mit seinen Männern das Vorgehen in der Nacht zum 10. November geplant und schließlich umgesetzt. Außerdem belastete ihn seine spätere Prahlerei gegenüber Zeugen darüber, dass er die Streichholzschachtel noch bei sich führe, mit der er die Synagoge angezündet habe. Andere Zeugenaussagen legten nahe, dass er zu diesem Zeitpunkt vor allem die Lorbeeren für die Tat selbst einsammeln wollte. Er behauptete später, dass er erst auf das Gelände der Synagoge gelangt sei, als das Gebäude schon brannte.

Was geschah in dieser Nacht?

Bereits im Laufe des 8. November 1938 waren von unbekannten Tätern die Fenster der Marburger Synagoge eingeworfen worden. Am Morgen des 9. November 1938 bekam der damalige Standartenführer Stollberg von SS-Leuten aus Kassel den Befehl, die Synagoge in Brand zu setzen. Sie ließen demnach erkennen, dass die Synagoge in jedem Fall, also auch ohne seine Mitwirkung, zerstört werden würde. Am Abend des 9. November fand zunächst eine Gedenkfeier zum Hitlerputsch im Jahr 1923 statt, anschließend versammelte sich der SA-Reservesturm III mit dem Sturmführer Steih im Fronhof, es kamen auch noch Angehörige anderer SA-Stürme dazu. Nach Mitternacht erschien Stollberg im Fronhof und beauftragte Steih mit der Tat. Der beriet sich mit Freiwilligen in einem Nebenzimmer der Gaststätte, es soll auch Fußbodenöl aus dem benachbarten Landgrafenhaus als Brandbeschleuniger herbeigeschafft worden sein. Steih und Groos erkundeten, wie man am besten an die Synagoge herankommen könnte. Die Täter drangen schließlich in Zivil von der Westseite her in die Synagoge ein. Die Synagoge brannte gegen 4 Uhr, SA-Leute und Polizei sicherten im Anschluss den Brandort ab, die Feuerwehr wurde erst gegen 6 Uhr alarmiert und beschränkte sich darauf, die Nachbarhäuser zu schützen, während die Synagoge völlig ausbrannte.

Steih und Piscator griffen das Urteil an – anders als Groos, der so letztlich als einziger wegen aktiven Inbrandsetzens rechtskräftig verurteilt wurde. Piscator wurde in der Berufungsinstanz vom Vorwurf der schweren Brandstiftung freigesprochen, ihm blieben sechs Monate Haftstrafe. Steih erwirkte 1952 in einem Wiederaufnahmeverfahren eine Verringerung der Strafe auf ein Jahr und neun Monate wegen Aufforderung zur schweren Brandstiftung, Land- und Hausfriedensbruchs. Nach Ansicht des Gerichts war ihm – auch im Lichte neuer Zeugenaussagen – die aktive Brandstiftung nicht nachzuweisen.

Der in der Hierarchie über Steih stehende Befehlsgeber,  SA-Brigadeführer Stollberg, wurde nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft wegen Anstiftung zum schweren Landfriedensbruch in Tateinheit mit Aufforderung zur schweren Brandstiftung zu einem Jahr und sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Die beiden namentlich unbekannten Befehlsgeber in SS-Uniform aus Kassel, von denen Stollberg den Auftrag erhalten haben wollte, blieben unbehelligt. Ungeklärt blieb auch die Rolle von Mitgliedern des SA-Sturms IV, der sich am Abend und zur Tatzeit ebenfalls in der Nähe aufhielt.

Ermittlungen wurden schnell aufgenommen

Doch es gibt auch offene Fragen abseits der eigentlichen Tat. Denn nur wenige Tage nach der kampflosen Übergabe der Stadt an die amerikanischen Truppen am 28. März 1945 wurden bei der Marburger Kriminalpolizei erstaunlicherweise die 1938 – eilig mit dem Bemerken „Täter nicht zu ermitteln“ – ad acta gelegten Ermittlungen gegen Unbekannt wieder aufgenommen. Wer oder was trieb die Beamten dazu? In einer chaotischen Zeit, als es noch eher darum ging, die Ordnung wiederherzustellen, die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen und die Kraft in den Neuaufbau einer unbelasteten Polizei und Verwaltung fließen zu lassen, kümmerte sich die Polizei um ein sieben Jahre zurückliegendes Verbrechen. Irgendwen in der Marburger Polizei ließ das ungesühnte Verbrechen offenbar nicht ruhen.

In den Akten der Strafprozesse in dieser Sache findet sich keine Erklärung für diesen Befund, wohl aber der Beweis für die wiederaufgenommenen Ermittlungen – deutlich bevor ein halbes Jahr später der Auftrag vonseiten der Staatsanwaltschaft erteilt wurde. So gaben die Zeugen Paul Penzler und Hans Schneider bereits mit Datum 15. April 1945 – also gut zwei Wochen nach der Besetzung Marburgs – gegenüber einem Kripo-Beamten namens Zeckey Aussagen zu Protokoll, die den damaligen Sturmführer Steih belasteten.

Viele offene Fragen bleiben

Auch für den Marburger Rechtshistoriker Dr. Georg Falk war dies eine Überraschung. Er sei zuvor davon ausgegangen, dass es der erste Leiter der Staatsanwaltschaft Marburg nach dem Krieg, der später berühmte Adolf Arndt gewesen war, der die Ermittlungen vorangetrieben hatte.

Dieses Detail wird möglicherweise ebenso wenig aufzuklären sein wie die noch offenen Fragen, was die Brandstiftung selbst angeht. Das Wissen darum, wer genau das Feuer in Marburg entzündet hat, ist 80 Jahre danach aber auch nicht mehr so wichtig wie kurz nach dem Krieg. Für Nachgeborene taugt es gleichwohl als Mahnung – als anschaulich gewordener Baustein im dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte – der staatlich organisierten systematischenVernichtung jüdischen Lebens in Europa.

Im Wortlaut: „Ein Fanal der Vergeltung“

So berichtete die Oberhessische Zeitung am Tag nach dem Brand vom 10. November 1938 über die Vorkommnisse: „Als gestern in den Abendstunden die Nachricht von dem Ableben des Gesandtschaftsrats 1. Klasse vom Rath infolge des Anschlages des jüdischen Meuchelmörders Grünspan bekannt wurde, bemächtigte sich in unserer Stadt aller Volksgenossen eine gewaltige Erregung. Wo man hinhörte war eine ungeheure Empörung über den Mord festzustellen. Zumal es gerade der Totengedenktag der Bewegung war, an dem dieser letzte Blutzeuge des Großdeutschen Reiches sein Leben beschloß.
Da kann man verstehen, daß die erregten Volksgenossen ihrer Wut in irgend einer Form Ausdruck geben mußten. Die Synagoge war das Opfer. Dieser Bau, der den Mittelpunkt des jüdischen Ungeistes vorstellt, ging heute in den frühen Morgenstunden in Flammen auf. Die Feuerwehr war in eifriger Pflichterfüllung bemüht, das Feuer von den umliegenden Häusern fernzuhalten, was ihr auch vollkommen gelang. Die SA, die schnell alarmiert wurde, sorgte in Gemeinschaft mit Polizeibeamten für die Sicherheit der die Universitätsstraße benutzenden Bevölkerung durch Absperrung der Brandstätte. Auch bemühte sie sich, das Eigentum des in dem Kellergeschoß des Judentempels wohnenden Volksgenossen in der gegenüberliegenden Schule in Sicherheit zu bringen. Selbstverständlich hatte sich an der Brandstelle eine größere Menschenmasse eingefunden, die ihrer Entrüstung über den feigen jüdischen Mord und ihre Befriedigung über diese – verhältnismäßig geringfügige – Vergeltungsmaßnahme zum Ausdruck brachte, sich dabei aber vorbildlich diszipliniert verhielt. ,,Der Bau ist vollkommen ausgebrannt, sodaß nur noch die Umfassungsmauern stehen. Damit ist gleichzeitig ein Gebäude verschwunden, das infolge seines asiatischen Stils und seiner klobigen Gestalt unser schönes Stadtbild empfindlich verschandelte.“
zitiert nach: Günter Rehme/Konstantin Haase, „Mit Rumpf und Stumpf ausrotten... – Zur Geschichte der Juden in Marburg und Umgebung nach 1933“ (Marburger Stadtschriften zur Geschichte und Kultur 6), Marburg 1982

von Michael Agricola