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Marburg Symbiose aus Laden und Online-Handel
Marburg Symbiose aus Laden und Online-Handel
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17:55 15.06.2020
Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (links) und Roman Degenhardt während der Eröffnung von „Shoes and More“. Quelle: Andreas Schmidt
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Marburg

Wenn zur Eröffnung eines Schuhgeschäfts nicht nur hochrangige Vertreter von Handelsverbänden, Geschäftsführer großer und kleiner Handelsgeschäfte sowie Online-Plattformen kommen, sonder auch der Hessische Wirtschaftsminister, dann ist klar: „Shoes and More“ in der Wettergasse 24 ist kein gewöhnlicher Laden. Es ist bemerkenswert, dass mitten in der Corona-Krise ein Schuhgeschäft eröffnet. Inhaber Roman Degenhardt sagt dazu: „Trotz des Shutdowns durch die Corona-Pandemie habe ich mich Mitte März entschlossen, neben meinen zehn bestehenden Geschäften ein weiteres Schuhgeschäft in der Marburger Oberstadt zu eröffnen und genau anders als die meisten in der Branche zu handeln.“

Die Oberstadt ist für den Unternehmer kein neues Pflaster: Bis vor knapp zehn Jahren hatte er bereits einen Laden – unmittelbar gegenüber des nun neuen Standorts. „Dann wurde die Situation schwieriger, also haben wir uns zurückgezogen“, so Degenhardt im Gespräch mit der OP. Doch Marburg sei immer reizvoll für ihn geblieben, auch als „Lückenschluss“, denn: „Wir haben Läden in Gießen, Kassel und Göttingen, da ist Marburg eine logische Konsequenz.“ Dennoch war es keine Bauchentscheidung. Degenhardt hat den Markt analysiert, „wir schauen nach Märkten, wo Birkenstock eine Stärke haben kann“. So wie beispielsweise in Ramstein auf der Air Base: „Bei den Amerikanern ist Birkenstock immens beliebt.“

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Zwei Jahre lang hat Degenhardt die Oberstadt beobachtet, war mit der Entwicklung zufrieden – er sieht ein „großes Potenzial“ im „Marburger Schatzkästchen“. Als die Entscheidung gefallen war, wandte sich Degenhardt an das Stadtmarketing – schnell kristallisierte sich das ehemalige Ladenlokal von Spielwaren-Schaaf mit seinen 160 Quadratmetern als idealer Standort heraus.

Die Planungen waren schnell vorangeschritten, der Vertrag unterschriftsreif – doch dann kamen Corona und der Lockdown. Das hielt Roman Degenhardt aber nicht von seinen Plänen ab. Er habe mit der Vermieterin verhandelt, „dass der Mietvertrag erst dann beginnt, wenn die Läden wieder öffnen dürfen“, erzählt er. Hat er durch die Corona-Krise zurückgezuckt – oder sind die zehn weiteren Ladengeschäfte im Rücken ein Polster, mit dem das Risiko überschaubarer wird? „Sagen wir so: Wir sind stark im Internethandel, leben Multichannel. Jeden Schuh hier im Laden gibt es beispielsweise bei Zalando – und häufig wird er dann von uns geliefert“, sagt Degenhardt. Auch auf anderen Plattformen ist das Unternehmen präsent. „Sonst könnte ich einen solchen Laden nur mit dem Umsatz aus Marburg nicht fahren“, ist Degenhardt sicher. Vergangenes Jahr „hat unser Online-Handel erstmals mehr Umsatz generiert als alle unsere zehn Geschäfte“ – nämlich 53 Prozent.

Ohne das Online-Geschäft käme es zum Teufelskreis: „Der Online-Handel nimmt dem stationären Handel Umsätze weg – dann haben wir schlechtere Abverkaufszahlen, müssten Marken auslisten, der Laden wird unattraktiver“, beschreibt Degenhardt. Durch das Multichannel-Angebot wird dieser Kreis durchbrochen.

2001 ging Degenhardt, der bereits mit 13 Jahren im Laden seiner Eltern mithalf, den zusätzlichen Weg ins Netz, verkaufte hauptsächlich Birkenstock-Schuhe auf Ebay. Er ist davon überzeugt, dass Online- und stationärer Handel sich gegenseitig befruchten. Gerade jetzt, in Zeiten der Krise, sei es immens wichtig, „dass die Händler Teilhabe am Internet bekommen – auch wenn es nur bei Facebook oder Instagram ist“ – dafür stehe er auch mit Rat und Tat zur Seite.

Für Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) ist klar: „Es ist ein äußerst positives Zeichen, wenn in so schwierigen Zeiten für den Einzelhandel ein weiteres Geschäft geöffnet und damit in die Zukunft des Betriebs investiert wird.“ Von einem gesunden Einzelhandel hänge viel ab: Arbeitsplätze, wohnortnahe Versorgung, Lebensqualität von Städten und Dörfern.

Das Land unterstützt Unternehmen bei der Digitalisierung ihrer Geschäftsprozesse mit bis zu 10 000 Euro. Diesen Zuschuss hat Degenhardt zur Entwicklung einer Software genutzt, die Warenbestände des Lagers, der stationären Geschäfte und des Online-Vertriebs synchronisiert. Auch von der – ebenfalls vom Land geförderten – Digitalisierungskampagne „handel.digital“ hat das Unternehmen profitiert.

„Die Symbiose zwischen Stadt und Handel gerät nicht zuletzt in Zeiten von Corona weiter unter Druck“, sagt auch Jochen Ruths, Präsident des Handelsverbands Hessen. „Ich bin daher sehr froh, dass Unternehmer wie Roman Degenhardt Verantwortung übernehmen und ein neues Konzept eröffnen.“ Es zeige sich, dass die Verzahnung von On- und Offline „in Zukunft noch sehr viel wichtiger für den Handel sein wird“, so Ruths.

Von Andreas Schmidt

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