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Marburg „Alle wollen die Illusion, immer“
Marburg „Alle wollen die Illusion, immer“
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13:00 08.10.2021
Die Künstlerin Susanne Kutter zeigt im Kunstverein die Ausstellung „Stille im Auge des Zyklons“.
Die Künstlerin Susanne Kutter zeigt im Kunstverein die Ausstellung „Stille im Auge des Zyklons“. Quelle: Foto: Uwe Badouin
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Marburg

Bis 18. November sind neue Arbeiten der Video-, Objekt- und Installationskünstlerin im Marburger Kunstverein zu sehen. Die Ausstellung mit dem Titel „Stille im Auge des Zyklons“ wird heute Abend um 18 Uhr eröffnet.

Es ist eine sehr eigene, etwas sperrige und keineswegs leicht zugängliche Ausstellung, die die 1971 in Wernigerode geborene und heute in Berlin lebende Künstlerin zeigt. „I will kill you anyway“ – ich werde dich ohnehin umbringen – leuchtet eine Schrift in geschwungenen roten Neonröhren an einer Wand im Erdgeschoss. Im Treppenaufgang lesen Besucherinnen und Besucher: „Hau ab!“ Der Schriftzug ist als Rußspur auf einer dünnen und zerbrechlichen Betonplatte zu lesen, gelegt mit einer Zündschnur, die sie angezündet hat.

Mit Zündschnüren arbeitet sie oft in ihren Wandobjekten: „I’m Very Sick, I Must Sleep, Please“ (Ich bin sehr krank, ich muss schlafen, bitte) steht auf einer weiteren Platte aus gegossenem Zement. Es waren – angeblich – die letzten Worte von Pop-Superstar Michael Jackson. „T’es a moi“ (Du gehörst (zu) mir) oder „Be mine“ (Sei mein) steht auf anderen Platten – immer als Rußspur. Oder auf Persisch und in der geschwungenen persischen Schrift „Jeegaret-o bokhoram“ (Ich esse deine Leber). Letzteres ist kein Satz aus einem Horrorfilm oder einem Thriller à la Hannibal Lecter, sondern eine persische Liebeserklärung im Sinne von „Ich habe dich zum Fressen gern“, erklärt sie.

Menschenfeindliche Welt

Diese Gegensätze im Verhältnis von Menschen unter- und zueinander faszinieren die vielfach preisgekrönte Künstlerin. Es sind künstlerische Reaktionen auf Gewalt, auf Nähe, auf Liebe, auf Distanz, auf Besitzanspruch. Fast 20 Jahre lang habe sie sich künstlerisch mit Naturkatastrophen beschäftigt, bevor sie 2001 nach dem Attentat auf das World Trade Center in New York die „Angst vor der Gewalt von anderen“ beschäftigte, sagt Susanne Kutter im Gespräch.

Das Verhältnis Natur – Mensch zeigt eine große Arbeit im Erdgeschoss, eigens für diesen Raum konzipiert und aufgebaut. Und sie wird in dieser Form auch nur in Marburg zu sehen sein, denn nach der Ausstellung wird sie zerstört. „Nichts ist für die Ewigkeit“, meint die Künstlerin. Dort entsteht eine Stadtlandschaft. Aus zersägten Holzstücken in unterschiedlichen Größen breitet sich auf dem Fußboden eine Großstadt aus. Es könnte eine US-amerikanische Stadt sein, aber auch eine asiatische. Es ist belanglos, ihre Stadt ist Symbol für eine urbane, menschenfeindliche Welt. Die Holzklötzchen werden mit einer dünnen Betonmasse fixiert. In dieser Stadt gibt es kein Grün, kein Mensch, kein Tier kann dort leben. Diese Stadt ist zwar klein wie von Kinderhand aufgebaut und doch ist sie monströs, kalt, abweisend.

„Der Wald steht schwarz und schweiget“ nennt sie die raumgreifende Installation, zu der eine Soundcollage zu hören sein wird: Ihre 18-jährige Tochter singt „Der Mond ist aufgegangen“, heute ein Schlaflied für Kinder nach einem Text des Romantikers Matthias Claudius. Der Wald schweigt in dieser Stadt, denn sein Holz ist zersägt. „Das Chaos der Natur wird dem menschlichen Denken untergeordnet, indem man es in den rechten Winkel presst“, sagt Susanne Kutter.

Auch im Hauptraum im Obergeschoss ist eine große Mixed-Media-Installation zu sehen: „Luxury, Power, Beauty“ – Luxus, Macht, Schönheit hat Susanne Kutter diese Arbeit betitelt. Es ist ihr neuestes Werk, ein Mix aus Videokunst, Installation und im weitesten Sinne Bildhauerei – oder sollte man besser Architektur sagen.

Kritik an Kunstmarkt

Die Inspiration sei ihr beim Betrachten eines Schaufensters eines Juweliers in der norditalienischen Modemetropole Mailand gekommen, erzählt sie. Dort wurde der wertvolle Schmuck jeden Abend aus Angst vor Dieben aus dem Schaufenster geräumt. Zurück blieben leere Hüllen und Kartons. Susanne Kutter hat sie nachgebaut – in klein und in groß. Man sieht eine kleine (Schaufenster)-Bühne, die in groß auf den gesamten Raum übertragen wird. Und man sieht an der Wand das Video vom Befüllen und Entleeren des Schaufensters. Niemand will die Wahrheit, die Realität. „Alle wollen die Illusion, immer“, betont sie.

Die Ausstellung im Marburger Kunstverein wurde ermöglicht durch eine Förderung der Stiftung Kunstfonds Bonn. Anders wäre sie nicht zu finanzieren. Zumal Künstlerinnen und Künstler in der Regel keine Gage für Ausstellungen erhalten, im Gegenteil: Sie haben Kosten. „Es gibt weder Richtlinien oder (noch nicht einmal) Empfehlungen von offizieller Seite, Honorare zu zahlen, wenn Künstler für staatliche oder städtische Institutionen arbeiten“, beklagte Susanne Kutter 2018 in einem offenen Brief zur Grundrentendebatte – und sprach damit vielen Künstlerinnen und Künstlern aus dem Herzen.

Die Ausstellung ist bis zum 18. November zu sehen; geöffnet dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr, mittwochs von 11 bis 20 Uhr. Jeden Samstag finden ab 16 Uhr öffentliche Führungen statt. Der Eintritt ist frei.

Von Uwe Badouin

08.10.2021
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