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Marburg Surreale Dichter-Fabel rund um Tolstoi
Marburg Surreale Dichter-Fabel rund um Tolstoi
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17:28 12.09.2013
Der russische Schriftsteller Viktor Pelewin. Foto: Alexander Viktorov
Marburg

Literatur-Science-Fiction oder surreale Dichter-Fabel: Auf jeden Fall stellt der russische Autor Viktor Pelewin in seinem jetzt auf Deutsch übersetzten Roman „Tolstois Albtraum“ aus dem Jahr 2009 wieder einige literarische Genres auf den Kopf.

Im Original heißt das Buch schlicht T. und ist nach der Hauptfigur, dem Grafen T. benannt, der selber gar nicht so genau weiß, wer er eigentlich ist. Stellenweise liest sich Pelewins Werk kafkaesker als Franz Kafka selbst seine Bücher geschrieben hat.

Wer ist nun der ominöse Graf T., der zunächst als Geistlicher verkleidet in einem Eisenbahn-Abteil einem Geheimpolizisten gegenübersitzt und auf der Flucht von einer Eisenbahnbrücke in einen Fluss hinunterspringt? Es mehren sich die Anzeichen, dass sich hinter Graf T. eigentlich der berühmte Schriftsteller Lew Tolstoi (1829 bis 1910) verbirgt. Und der muss den schnellsten Weg zu einem geheimnisvollen Ort namens Optina Pustyn finden. Was er da soll und wo sich dieser Ort befindet, das weiß er eigentlich selber nicht genau.

Die Identitätsfindung des Grafen T. bekommt spätestens dann eine absurd-surreale Komponente, als ihm in mehreren Verkleidungen ein Engel oder Geist namens Ariel erscheint. Dieser gibt sich als Vertreter einer Kooperative von Schriftstellern zu erkennen, die im Russland des 21. Jahrhunderts die Aufgabe haben, rund um Tolstoi und dessen genau so berühmten Schriftsteller-Kollegen Fedor Dostojewski (1821 bis 1888) einen Bestseller zu kreieren. Da gehören Sex in Gestalt einer jungen Schönen und Crime in Form von wilden Verfolgungsjagden und Kämpfen natürlich hinzu.

Graf T. ist also einfach nur eine getriebene Marionette - also eine literarische Kunstfigur und kein Mensch aus Fleisch und Blut! Oder ist alles nur ein wirrer Albtraum Tolstois?

Geschickt spielt Autor Viktor Pelewin in seinem Buch mit der Vermischung verschiedener Wirklichkeits- und Zeitebenen. Dabei gelingen ihm durchaus amüsante Passagen, in denen er unter anderem Dan Browns Mystery-Thriller parodiert oder den überhitzten Literaturbetrieb der Gegenwart gewaltig auf die Schippe nimmt.

Allerdings ist „Tolstois Albtraum“ auch gespickt mit Anspielungen auf die klassische russische Literatur, die sich teilweise nur dem Kenner russischer Gegebenheiten erschließen. Auch der sehr anspruchsvolle Schreibstil macht es dem Leser nicht immer ganz einfach. Immerhin ist dem Buch ein Anmerkungsapparat hinzugefügt, der einige der Namen und Besonderheiten erklärt. Und wer einmal im Bann dieses literarischen Albtraums gefangen ist, den lässt er so schnell nicht los.

Viktor Pelewin: Tolstois Albtraum. Luchterhand Literaturverlag. 448 Seiten. 21,99 Euro.

von Manfred Hitzeroth

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