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Marburg Jeden Tag sterben 25 Menschen durch Suizid, obwohl es vermeidbar wäre
Marburg Jeden Tag sterben 25 Menschen durch Suizid, obwohl es vermeidbar wäre
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00:50 21.03.2022
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Marburg

Es sind erschreckende Zahlen. Tag für Tag sterben in Deutschland 25 Menschen durch Suizid, alle fünf Minuten versucht ein Mensch, sich das Leben zu nehmen. In der Altersgruppe der 15 bis 25-Jährigen gehört Suizid zu den häufigsten Todesursachen. „Diese Zahlen müssen runter!“, sagt Professorin Katja Becker mit Nachdruck. Für die Leiterin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des UKGM ist Suizidprävention eine Herzensangelegenheit. Seit Jahren kämpft sie darum, für das Thema zu sensibilisieren. Erst kürzlich war Katja Becker in Eckhart von Hirschhausens Fernsehsendung „Hirschhausens Quiz des Menschen“ zu Gast. Ganze 20 Minuten widmete die Sendung dem Thema seelische Gesundheit, Depression und Suizidalität. Im Beitrag unterhält sich von Hirschhausen mit einem ehemaligen Patienten von Prof. Katja Becker – dem 18-jährigen Johannes (Name geändert). Er berichtet anonym, wie er im Jugendalter mit „schwarzen, tieftraurigen Tagen“ zu kämpfen hatte. Wie er nicht weiter wusste und einfach wollte, dass dieses überwältigende Gefühl der Hoffnungslosigkeit endet. „Ich stand schon einmal am Bahnsteig“, gibt der junge Mann offen zu. Ein Freund war es, der ihn dann noch rechtzeitig vom Äußersten abgehalten habe. „Er hat mich um halb drei Uhr nachts vom Bahnhof abgeholt“, erinnert sich Johannes dankbar. Heute geht es ihm gut. Weil er sich für den richtigen Ausweg entschieden hat – eine Therapie. Vier Monate verbrachte er stationär in der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Ortenberg und lernte wieder, dass das Leben lebenswert ist.

Das „Tabu“ Suizid

Katja Becker ist stolz auf Johannes, dass er so offen über seine Krankheit spricht. Durch Drüber-reden und Öffentlichkeit könne die Tabuisierung von Suizid endlich gebrochen werden. Deshalb ist die Marburger Ärztin auch dankbar für jeden Prominenten, der über seine Depressionen in den Medien spricht. Und darüber, dass sie behandelbar sind, wie körperliche Erkrankungen auch. Weil es jeden treffen kann. Dies trage immens dazu bei, seelische Erkrankungen zu entstigmatisieren. Außerdem ist es wichtig, nicht nur über Suizidzahlen zu sprechen. Denn die Zahl der Menschen, die in einer dunklen Phase für sich vorübergehend keinen anderen Ausweg sahen, aber aus diesem schwarzen Tal, mit oder ohne Unterstützung, wieder raus kamen ist noch viel größer. Und diese können Vorbild sein für andere in akuten Krisen. Wie Johannes, der sich Hilfe holte und dem es heute wieder gut geht.

Jedes fünfte Kind habe psychische Probleme, aus Scham werde aber zu selten darüber gesprochen und genau das sei das Problem. Das Thema seelische Gesundheit müsse dringend raus aus der Tabuzone. Vor allem im Bereich Suizidprävention liege noch sehr viel im Argen. Dabei sei Suizid im Grunde gut verhinderbar. „Neun von zehn Menschen sprechen vor einem Suizid darüber“, erklärt Katja Becker und ergänzt: „keiner bringt sich gerne um“. Genauso wie sich niemand Krebs aussuche, suche sich jemand ein psychisches Leiden aus. Doch gebe es bei Suizidalität oft Fehlannahmen, erläutert die Expertin. „Nicht jeder, der nicht mehr leben will, ist depressiv oder hat eine andere schwere psychische Erkrankung“, erläutert Becker. Es sei vielmehr eine akute Situation, in der sich ein suizidaler Mensch total alleine in großer seelischer Not fühle und aktuell keinen Ausweg mehr sehe.

Wie erkenne ich, dass mein Kind Suizidgedanken hat?

Im Jahr 2020 haben sich in Deutschland 155 Jugendliche im Alter zwischen 15 bis unter 20 Jahre das Leben genommen, bei den Kindern im Alter zwischen 10 bis unter 15 Jahre waren es 25. „Das könnte man verhindern“, sagt Prof. Katja Becker. Sie kämpft mit einer Petition für eine verbesserte Suizidprävention (siehe Infobox unten). Neben einer spezifischen Hilfehotline könnten auch Awareness-Programme in Schulen, sowie die Fortbildung von Lehrern und Schulsozialarbeitern dazu beitragen, Suiziden vorzubeugen. Wie aber erkennt man, dass ein Kind suizidal ist? „Es kapselt sich ab, zieht sich zurück und lässt einen nicht an sich ran“, erklärt Becker. Es gebe akute Verhaltensänderungen. Was tun? „Ansprechen! Das Kind fragen, ob alles ok ist, ihm verdeutlichen, dass man sich Sorgen macht und ihm gern helfen möchte“, so Becker. Wichtig sei, dass man dem Kind vermittle, dass man es in jeder Situation unterstütze, vom Gespräch bis hin zum Gang zum Hausarzt oder in die Kinderpsychiatrie.

Suizid-Gedanken

„Ein suizidaler Mensch möchte einfach, dass das, was sich gerade so schlimm anfühlt, aufhört“, erklärt Becker. Es gibt vielfältige Ursahen für dieses ausweglose Gefühl. Sie reichen von Mobbing bei Schülern bis hin zu Beziehungsproblemen bei Erwachsenen. „Es sind Dinge, wo man in der akuten Situation denkt, man halte es so nicht mehr aus“, so die Expertin. Hilfe bedeute in dem diesem Fall, den Suizid zu verhindern und andere Lösungswege aufzuzeigen und dabei zu unterstützen. „Und es muss noch viel besser bekannt sein, für Betroffene, für Angehörige und für Menschen, die beruflich mit anderen Menschen zu tun haben, wie man Suizidalität frühzeitig erkennt und was dann zu tun ist“, so Becker. Mit Prävention sei die Zahl der Suizide deutlich reduzierbar, sind sich Expertinnen und Experten einig.

Deshalb müsse dringend eine gesetzliche Grundlage her, um Suizidprävention bundesweit und nachhaltig zu fördern. „Jeder dritte Notarzteinsatz ist aufgrund eines psychiatrischen Notfalls“, betont Becker und kritisiert, dass zeitgleich in der Ausbildung von Rettungskräften noch zu wenig Fokus auf psychiatrische Notfälle gelegt werde. Das müsse sich ändern. Aus diesem Grund hat Katja Becker eine Petition gestartet und hofft auf rege Unterstützung. „Wir brauchen eine nachhaltige Förderung und Ausbau der Angebote der Suizidprävention“, zählt Becker eine der Forderungen auf. 

Sie hofft, dass durch die Petition möglich wird, eine bundesweite Koordinationsstelle der Suizidprävention für Betroffene, Angehörige, Hinterbliebene, nahestehende Personen und Helferinnen und Helfer einzurichten. Dringend notwendig sei vor allem die Einrichtung einer bundeseinheitlichen kostenlosen Hilfe-Rufnummer. „Wir brauchen eine Hotline mit einer eingängigen Nummer, die ein suizidaler Mensch Tag und Nacht anrufen kann“, fordert Becker. Das könne Leben retten.

Die Petition

Suizid hinterlässt immer große Lücken: bei Eltern, Kindern und Geschwistern, im Freundeskreis, bei Mitschülerinnen und Mitschülern, Kolleginnen und Kollegen, in der Nachbarschaft. Ein Suizid beendet ein Leben für immer.
Über 9.000 Mal im Jahr (also etwa alle 56 Minuten) erleben weit mehr als 100.000 Menschen (das heißt etwa 500 Menschen am Tag) einen Verlust durch einen Selbstmord. Meistens erfolgt ein Suizid oder ein Suizidversuch in einem Zustand großer seelischer Not. Meistens geht es nicht darum, sterben zu wollen, sondern darum, so nicht mehr weiterleben zu können. Unterstützung in seelischer Not ist möglich und Suizidprävention hilft. Deshalb fordern Prof Katja Becker, Leiterin der Kinder-und Jugendpsychatrie in Marburg, sowie ihre Kollegin Dr. Ute Lewitzka die Politik auf, Suizidprävention gesetzlich zu verankern.
Sie fordern: 1. eine nachhaltige Förderung und Ausbau der Angebote der Suizidprävention 2. die Einrichtung einer bundesweiten Koordinationsstelle der Suizidprävention für Betroffene, Angehörige, Hinterbliebene, nahestehende Personen und Helferinnen und Helfern. 3. Eine bundeseinheitliche kostenlose Hilfe-Rufnummer, bei der Menschen in suizidalen Krisen die für sie passende Hilfe bekommen. Damit jeder Mensch in einer suizidalen Krise, der Hilfe sucht oder benötigt, auch die richtige Hilfe findet.

Hier geht’s zur Online-Petition.

Von Nadine Weigel

20.03.2022
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