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Marburg Schock im Südviertel: Müssen Mieter gehen?
Marburg Schock im Südviertel: Müssen Mieter gehen?
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12:36 19.11.2019
„Das Mindestgebot für das Bürogebäude samt Grundstück beträgt eine Million Euro“ heißt es vom Verkäufer – und ab dem 20. November werden die eingegangenen Angebote bewertet.  Quelle: Björn Wisker
Marburg

Noch hängt das Schild der Innungskrankenkasse (IKK) an der gelben Fassade in der Schückingstraße. Noch wohnen in den anderen Geschossen jene, die mitunter seit einem Vierteljahrhundert als Mieter in dem Haus leben. Doch ob das so bleibt, daran zweifeln die Bewohner – und haben die Kommunalpolitik eingeschaltet. In einem Schreiben, das auch der OP vorliegt, rufen sie um Hilfe in dieser „hochproblematischen Situation“, wie sie es nennen.

Einige Auszüge: „Vor wenigen Wochen erhielten wir einen Anruf eines entfernten Bekannten, der sich als potenzieller Kaufinteressent bezeichnete. Er sprach unumwunden vom Plan, nach einem erfolgreichen Kauf die Wohnungen in Eigentumswohnungen umwandeln und dann auch selber eine der Wohnungen beziehen zu wollen. Er orientierte sich an einem Kaufpreis von mindestens 3.000 Euro pro Quadratmeter“, heißt es von den Autoren, die nach eigenen Angaben seit langem in dem Haus wohnen. Es sei „damit zu rechnen, dass auch die anderen Kaufinteressenten diesen Plan verfolgen, schließlich handele es sich um eine attraktive Immobilie.

„Als Folge ist zu befürchten, dass alle Mieter ihre Wohnungen aufgeben müssen. Die Hausgemeinschaft – es seien sechs Mietparteien und die IKK-Geschäftsstelle – zeichnet sich durch „eine große soziale und altersmäßige Vielfalt aus: Studierende, eine alleinerziehende Mutter mit Kind, Berufstätige im mittleren Alter, Rentnerinnen sowie ein Pensionär, die teilweise über 80 Jahre beziehungsweise 90 Jahre alt sind. Wir Mieter wohnen bereits sehr viele Jahre, einige mehrere Jahrzehnte, fast 50 Jahre im Haus. Eine Umwandlung in Eigentumswohnungen käme praktisch einer Kündigung gleich.“

Zum einen fühle man sich persönlich in der Wohnsituation betroffen, zum anderen sei man aber auch „wütend und empfinden es als skandalös, dass einmal mehr Immobilienträger oder Privatpersonen auch in Marburg Mietwohnungen vernichten beziehungsweise diese sich unter den Nagel reißen, um sie offensichtlich lediglich aus gewinnträchtigen Gründen einer zahlungskräftigen Klientel zu offerieren“.
Günstiger Wohnraum sei in der Innenstadt ohnehin kaum mehr zu bekommen. Dieser Verkauf, die drohende Umwandlung in Eigentumswohnungen würde „die Situation nochmals verschärfen“.

Man sehe den Einzelfall im Gesamtkontext der problematischen Wohnungssituation in der Universitätsstadt – als einen Fall von Gentrifizierung, dem die Stadtpolitik entgegenwirken solle. Der Magistrat sah zuletzt nach eigenen Angaben keine Gentrifizierungs-Tendenzen in der Stadt.

Grüne und Linke forderten bereits vor einem Jahr vergeblich eine Erhaltungssatzung samt „Milieuschutz“ für Teile der Stadt, vor allem Oberstadt, Weidenhausen und Südviertel. Mehrere Ortsbeiräte unterstützen das Ansinnen, da Mietsteigerungen etwa nach Häuser- oder Apartment-Sanierungen vermehrt zu Umzügen der Bewohner führen. Das Schückingstraßen-Haus könnte also die nächste Immobilie sein, aus der Alteingesessene raus müssen – zuletzt traf es unter anderen die linke Szenekneipe Havanna8 gegenüber der Alten Universität.

Laut Makler-Portfolio endet am 19. November ein Bieterverfahren für das 1912 errichtete Wohn- und Geschäftshaus, das Mindestgebot für das denkmalgeschützte Gebäude lag bei einer Million Euro. Aktuell erwirtschaftet der Eigentümer nach eigenen Angaben jährlich 35.000 Euro Netto-Mieteinnahmen von sechs Mietparteien; die Geschäftsfläche ist 80 Quadratmeter, die Wohnbereiche mehr als 700 Quadratmeter groß.

von Björn Wisker