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Marburg Suche nach neuen Wirkstoffen im Kampf gegen Bakterien
Marburg Suche nach neuen Wirkstoffen im Kampf gegen Bakterien
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20:40 11.12.2020
Professor Bernd Schmeck ist Sprecher des neuen Loewe-Forschungszentrums.
Professor Bernd Schmeck ist Sprecher des neuen Loewe-Forschungszentrums. Quelle: Fotos: Thorsten Richter
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Marburg

Derzeit steht die weltweite Gefährdung der Menschen durch das Coronavirus im Dauerfokus der Medien. Dabei gerät die Tatsache in den Hintergrund, dass nicht nur von Viren, sondern auch von Bakterien schwere und oft tödlich verlaufende Infektionen verursacht werden können, wie beispielsweise die Lungenentzündung und die Sepsis.

Dabei sind Bakterien vor allem für ältere Menschen mit Vorerkrankungen mindestens so gefährlich wie Viren. Das erklärt der Marburger Medizin-Professor Bernd Schmeck, Spezialist für Atemwegserkrankungen. „Bakterien können direkt die menschlichen Immunzellen von außen angreifen und zerstören“, erläutert Schmeck im Gespräch mit der OP. Zudem gebe es Hunderte von unterschiedlichen Bakterienarten, von denen diese Frontalangriffe ausgehen können.

Kampf um Nährstoffe

Was an den Grenzen zwischen den Bakterien und menschliche Fresszellen (Makrophagen) passiert, beschreibt Bernd Schmeck auch als eine Art Kampf um die Nährstoffe wie Zucker oder Eisen. Fresszellen erkennen normalerweise Bakterien, Pilze oder Viren, die den Körper krank machen können. Sie „fressen" diese Keime auf und verdauen sie. Wenn die Fresszellen es jedoch nicht schaffen, sich gegen die Bakterien zur Wehr zu setzen, dann gewinnen die Bakterien die Oberhand und eine Infektion breitet sich im Körper aus.

Der Einfluss von Botenstoffen oder Proteinen in diesem komplexen Prozess soll nun gezielt in dem von Bernd Schmeck an der Universität Marburg mitinitiierten und koordinierten Loewe-Forschungsschwerpunkt untersucht werden. Wenn die Produktion oder Interpretation dieser Signale gestört ist, dann kann dies zu Krankheiten führen oder Krankheiten verschlimmern. Das Ziel der Forscher ist die Entwicklung von Medikamenten, die gezielt die Kommunikation zwischen Bakterien untereinander sowie Bakterien und Immunzellen verändern.

Das Besondere an dem geplanten Forschungsverbund ist einerseits eine Kooperation zwischen Forschern unterschiedlicher Fachrichtungen – von den Bakterienforschern des Marburger Max-Planck-Institutes für terrestrische Mikrobiologie bis hin zu den Spezialisten für die klinische Forschung an den Universitäten Marburg und Gießen. Zudem wollen sich die Forscher bei ihrem Vorhaben auf zwei spezielle Arten von Bakterien konzentrieren, die von der Weltgesundheits-Organisation WHO aufgrund ihrer häufigen Antibiotikaresistenzen als besonders gefährlich und krankheitserregend eingestuft werden – die Klebsiellen, die Lungenentzündungen verursachen können, sowie das Darmbakterium E.coli. Eine weitere Besonderheit des neuen Forschungsverbundes ist schließlich der besondere Fokus auf die Interaktionen an den Grenzflächen zwischen den Zellen.

Die neuen Behandlungsansätze sollen durch die Veränderung der Zell-Bakterien-Kommunikation die menschliche Immunabwehr stärken sowie den bakteriellen Angriff schwächen. Denn offenbar werden die Entstehung und der Verlauf von Infektionskrankheiten wie auch der Schutz davor viel stärker von den zellulären Interaktionen beeinflusst als bisher angenommen.

 Bakterielle Infektionskrankheiten stehen auf der Rangliste der weltweit häufigsten Todesursachen auf Platz zwei hinter Herz-, Kreislauferkrankungen und knapp vor Krebserkrankungen. Seit rund 100 Jahren stehen zwar Antibiotika als äußerst erfolgreiche Medikamente zur Bekämpfung bakterieller Infektionen zur Verfügung, doch durch Antibiotika-Resistenzen werden diese wichtigsten Medikamente gegen Infektionskrankheiten jedoch zunehmend wirkungslos.

„Wir stehen hier mittlerweile mit dem Rücken zur Wand“, schlägt Schmeck Alarm. Zwar seien die bakteriellen Infektionskrankheiten in Deutschland im Gegensatz zu süd- und osteuropäischen Staaten oder anderen Ländern der Erde derzeit noch vergleichsweise gut in den Griff zu bekommen, doch das könne auch in Deutschland schlimmer werden, wenn die Suche nach neuen Wirkstoffen für antibakterielle Therapien nicht verstärkt angegangen werde.

Von Manfred Hitzeroth

01.01.2021
13.12.2020