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Marburg „Stunde null“ auf Skiern: Sie flüchtete aus Ischgl
Marburg „Stunde null“ auf Skiern: Sie flüchtete aus Ischgl
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10:58 10.01.2021
Kathleen Stumpf, die 2020 in der Zeit des Ausbruchs der Corona-Pandemie im österreichischen Ischgl war, fährt gerne Ski. Sie schildert, wie sie die Situation im Skiort vergangenes Jahr erlebte
Kathleen Stumpf, die 2020 in der Zeit des Ausbruchs der Corona-Pandemie im österreichischen Ischgl war, fährt gerne Ski. Sie schildert, wie sie die Situation im Skiort vergangenes Jahr erlebte Quelle: Privatfoto
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Marburg

Eine Marburgerin war an dem Tag dabei, als sich das Coronavirus in Europa ausbreitete: Kathleen Stumpf fuhr Anfang März 2020 die Skipisten in Ischgl hinab, als am Fuße der Pardatschgradbahn, in der Bar „Kitzloch“ erst ein Barkeeper, später Dutzende Bar-Besucher positiv auf Covid-19 getestet wurden. Es sollte den Beginn der Pandemie in Europa markieren.

Fast auf den Tag genau zehn Monate später, am Neujahrswochenende 2021 steht Stumpf (26) wieder im Schnee, diesmal auf der Sackpfeife bei Biedenkopf und erinnert sich an die Stimmung damals im österreichischen Ski-Ort. Sie erzählt der OP, wie sie die Situation erlebte und wie sie sich heute mit dem „Skifahrer-Stigma“ fühlt.

„Ich fühlte mich wie im falschen Film. Bis heute wirkt das alles nicht real", sagt die Doktorandin. Denn sie habe erst gar nichts vom ersten Fall, noch von der darauf folgenden Testung im Ort mitbekommen. Eher im Vorbeigehen sei ihr aufgefallen, dass das nahe am Lift gelegene „Kitzloch" plötzlich geschlossen war. Dann, im Lift hoch auf den Berg, habe in den Gondeln die Gerüchteküche gebrodelt. Da sei „etwas mit diesem Virus aus China“, habe ihr ein Schwede gesagt.

Wie ihre Freundinnen zückte sie das Smartphone und suchte nach Hinweisen. Tatsächlich, auf der Homepage der Lokalzeitung stand etwas - und zwar, dass laut österreichischer Behörden eine „Ansteckung in Ischgl unwahrscheinlich“ sei. Die Minuten hoch zur nächsten Abfahrt seien von einem „mulmigen Gefühl“ und „viel Googeln und Whatsapp-Schreiben“ geprägt gewesen, sagt Stumpf.

„Das Gespenstische war, dass es überall noch von Heiterkeit wimmelte“

Corona, das war damals noch neu. „Als wir oben ankamen, dachte ich nur: Ach, das wird schon, wir fahren ja bald heim.“ Ein paar Abfahrten und einige beängstigende Lift-Gespräche später hätte ihre Clique Pause an einer Hütte gemacht und sich beraten: „Drei von uns wollten weitermachen, drei schnell abreisen. Das war eine doofe Situation." Der Kompromiss: Den Ski-Tag genießt man noch, fährt aber vorzeitig, schon am nächsten Tag in Richtung Hessen. „Wir sind dann schon instinktiv auf Pisten gefahren, wo es weniger voll war."

Sie erinnert sich, wie am Abend plötzlich auffallend viele Autos das Tal verlassen hätten. „Wir haben dann auch gepackt. Da war eine Anspannung.“ Erst auf dem Weg zur deutscher Grenze löste sich die Nervosität. „Das Gespenstische war, dass es überall noch von Heiterkeit wimmelte, obwohl es wenige Meter weiter diese Katastrophe gab“, sagt Stumpf. Von der Schließung aller kurz zuvor prallvollen Aprés-Ski-Bars, dem Saison-Aus und dem Hotspot-Makel für Ischgl erfuhren sie noch auf dem Heimweg.

Umgehend hätte sie sich, wie ihre Freundinnen über Corona-Tests informiert. Stumpf, wie auch alle anderen seien in den Folgetagen weder erkrankt noch positiv getestet worden. Anders als jene Ski-Touristen aus Niederweimar oder Kirchhain, die wenige Tage später in den Landkreis Marburg-Biedenkopf zurückkehrten (die OP berichtete).

Skifahrer-Stigma? „Ich bin froh, dass wir die gute Zeit noch erlebten“

Vorwürfe habe sie sich keine gemacht, sagt Stumpf. Und das nicht nur, weil sie offenbar weder erkrankt noch ansteckend war, letztlich auch keine Antikörper nachgewiesen wurden. „Ich habe mit Freunden Urlaub gemacht, wir sind an der frischen Luft Ski gefahren und waren nur unter uns in der Ferienwohnung, haben da geschlafen, gekocht, gegessen. Rücksichtsvoller geht es kaum, und wir wussten ja da noch nicht mal, dass man übervorsichtig sein sollte.“

Sie sei vielmehr wegen etwas anderem „traurig und wütend“: Der Art, wie mit ihr, ihrem Hobby, letztlich mit jüngeren Menschen und deren Wünschen in der Pandemie umgegangen werde. „Ich fühle mich an den Pranger gestellt und zum Sündenbock gemacht. Dabei muss ich sagen: Ich bin froh, dass wir die gute Zeit noch erlebten, weil es seitdem ja eine schlechte Zeit ist.“

Von Björn Wisker