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Marburg Neues Zeitalter oder das Ende der Menschen?
Marburg Neues Zeitalter oder das Ende der Menschen?
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14:58 01.11.2020
Spannende Frage im Studium generale: Wo, bitte, geht’s zur Zukunft? Quelle: Tobias Hirsch
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Marburg

Der Blick in die Glaskugel, um die Zukunft vorherzusehen, hat die Menschen seit jeher sowohl fasziniert als auch verängstigt. Seit einiger Zeit geht es in der Zukunftsforschung aber nicht mehr alleine um den Begriff „Zukunft“.

Stattdessen heißt nun das Zauberwort „Zukünfte“, was bedeutet, dass eine Vielzahl von unterschiedlichen Zukunftsperspektiven und Möglichkeiten, aber auch Sackgassen, im Mittelpunkt der Debatten steht.

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Davon inspiriert wurden auch die Macher des „Studium generale“, die die allgemeine Vortragsreihe der Marburger Universität in diesem Wintersemester unter das Motto „Zukünfte der Menschen“ gestellt hatte.

Die Grundidee dafür entstand im Frühjahr kurz vor dem Corona-Lockdown, erläutert der Marburger Theologie-Professor Marcell Saß, zusammen mit Professorin Elisabeth Schulte (Wirtschaftswissenschaften) Organisator der Vortragsreihe.

Titel soll keine(!) Angst schüren

Die aktuelle globale Krise spielt aber jetzt ebenso wie die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Menschheit eine entscheidende Rolle in den Vortragsthemen. Im Spannungsfeld zwischen Zukunftsangst und Zukunftsglaube sowie zwischen Prophetie und Apokalypse werden die Themen aus der Perspektive verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen beleuchtet. „Umbrüche und Krisen wie die Coronavirus-Pandemie und die fortschreitende Digitalisierung des Alltags führen zu einer intensiven Auseinandersetzung in Gesellschaft und Wissenschaft“, meint Schulte.

Dabei stellen Schulte und Saß zwei plakative Kernfragen: Sind wir auf dem Weg in ein aufregendes neues Zeitalter? Oder steht das Ende der Menschen bevor? Ausdrücklich betont Schulte im Gespräch mit der OP, dass mit dieser Formulierung nicht die Angst um ein Ende der Menschheit im Sinn einer Apokalypse gemeint ist.

Professorin Elisabeth Schulte und Professor Marcel Sass, die Organisatoren für das Studium generale im Wintersemester, zeigen das dazugehörige Plakat. Quelle: Manfred Hitzeroth

Dabei ist den Machern des Studium generale schon klar, dass die aktuelle Pandemie eine existenzielle Bedrohung darstellt und auch mit einer Vielzahl von Freiheitsbeschränkungen verknüpft ist. „Die Corona-Krise macht deutlich, wie plötzlich sich unsere Lebenswelt verändern kann. Sie hat den Prozess der Digitalisierung beschleunigt und verlangt von den Menschen Anpassungsanstrengungen in allen Lebensbereichen“, betont Marcell Saß.

Dennoch will sich der Theologe auch in Corona-Zeiten seinen grundsätzlichen Optimismus nicht nehmen lassen, was den Fortbestand der Menschheit anbetrifft. „Ich glaube nicht, dass wir am Ende der Welt angekommen sind“, sagt Saß, der sich gegen eine Lust am Untergang wehren möchte. Schließlich sei die Menschheitsgeschichte auch eine Geschichte von überstandenen Krisen und Umbrüchen.

Chancen für die „vernetzte Generation“

Er ergänzt, dass die aktuelle Lage hoffentlich eine vorübergehende Situation sei, die zeitweise für eine Änderung des Verhaltens und die Bereitschaft, sich anzupassen, sorge. Aber auch in Sachen Digitalisierung will sich Saß nicht bange machen lassen, sondern sieht eher die Chancen, die es dabei aus seiner Sicht für die „vernetzte Generation“ gebe. So habe es beispielsweise die Marburger Universität im zurückliegenden Sommersemester unter Lockdown-Bedingungen sehr gut geschafft, überwiegend digital zu agieren und dabei auch neue Lehr- und Lernformen zu entwickeln.

Zwar teilt auch Elisabeth Schulte diese „digitale Aufbruchstimmung“ prinzipiell. Und sie fügt hinzu: „Ich glaube, dass es uns als Gesellschaft gelingt, die Verunsicherung aufzufangen. Auch wenn die Corona-Pandemie nicht der letzte Schock sein wird, der uns kollektiv betrifft, werden wir uns immer wieder anpassen müssen.“ Sie schränkt allerdings ein wenig ein, dass derzeit viele Anpassungen dezentral erfolgen müssten. „Wir sind nicht so schnell dabei, neue Normen zu entwickeln“, gibt sie zu bedenken.

Alle Vorträge werden gestreamt

Vor allem zwei Debattenschwerpunkten gehen die Referenten nach, die Saß und Schulte ausgesucht haben: Von einem Workshop zum „Transhumanismus“ ausgehend ist das einerseits die Frage nach der allumfassenden Bedeutung des Themas „Künstliche Intelligenz“. Zudem wollen die Forscher auch die Frage beantworten, ob das Ende des Zeitalters der Aufklärung und des selbstbestimmten Menschen endgültig angebrochen ist.

„Alles verändert sich und der Mensch verschwindet zusehends als Zentrum des Universums und als Zentrum des Wissens“, erläutert Marcell Saß das dahinterliegende Phänomen. Von allgemeinen Fragen wie der Zukunft der Arbeit bis hin zu ganz konkreten Themen wie neuen Studiengangs-Strukturen spannt sich der Bogen der Themen im „Studium generale“, das am Mittwoch, 18. November, um 20 Uhr beginnt.

Corona hinterlässt auch im Veranstaltungsformat Spuren. Geplant ist ein hybrides Format. Zwar steht mit dem Vortragsraum der Uni-Bibliothek ein Veranstaltungsraum fest, in den eine bestimmte Anzahl von Zuhörern Einlass bekommen sollen. Jedoch werden alle Vorträge gestreamt und sind im Saal auf einer Leinwand zu sehen oder im Netz live abrufbar. Geplant ist nach jedem Vortrag eine Diskussion beziehungsweise ein Chat.

Das Programm

Das Programm für das Studium generale der Uni Marburg im Wintersemester:

Die Vortragsreihe findet ab 18. November immer mittwochs ab 20.15 Uhr in einem hybriden Format statt. Die Teilnahme ist online per Videokonferenz oder nach Voranmeldung vor Ort im Vortragsraum der Universitätsbibliothek möglich. Organisiert wird das Studium generale in diesem Semester von der Wirtschaftswissenschaftlerin Prof. Dr. Elisabeth Schulte und dem Theologen Prof. Dr. Marcell Saß.

18.11.: Auftakt: Sind wir auf dem Weg in aufregende Zukünfte? Oder naht das Ende der Menschen? / Prof. Dr. Elisabeth Schulte, Wirtschaftswissenschaften, Philipps-Universität Marburg und Prof. Dr. Marcell Saß, Evangelische Theologie, Philipps-Universität Marburg

25.11.: Künstliche Intelligenz und die Zukünfte der Menschen / Dr. Joscha Bach, AI Foundation, San Francisco

02.12.: Zukünfte der Arbeit / Prof. Dr. Sascha Armutat, Wirtschaftswissenschaften, Fachhochschule Bielefeld

09.12.: Die Rente ist sicher und das Endlager dicht. Politische Zukünfte der Menschen / Prof. Dr. Thomas Noetzel, Politische Theorie, Philipps-Uni Marburg

16.12.: Zukünfte der Menschen? / Eine Podiumsdiskussion mit Marburger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern

13.01.: Zukünfte der Bildung? / Prof. Dr. Susanne Lin-Klitzing, Deutscher Philologenverband; Erziehungswissenschaften, Philipps-Universität Marburg

20.01.: Zukünfte der Menschen: Digitaler Burnout? / Dr. Alexander Markowetz, Informatik, Bonn

27.01.: Der technologische Posthumanismus und das Ende des Menschen / Prof. Dr. Oliver Krüger, Religionswissenschaften, Université de Fribourg

03.02.: Zukünfte der Menschen? Ethische Herausforderungen / PD Dr. Jan-Christoph Heilinger, Ethik, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen

10.02.: Gibt es die Zukunft wirklich? / Prof. Dr. Markus Gabriel, Philosophie, Universität Bonn und Prof. Dr. Malte Dominik Krüger, Religionshermeneutik, Philipps-Universität Marburg

17.02.: Zukünfte der Menschen und die Zukunft der Gesellschaft / Prof. Dr. Markus Schroer, Allgemeine Soziologie, Philipps-Universität Marburg

Aufgrund der Hygienebestimmungen ist eine vorherige Anmeldung für die Teilnahme vor Ort nötig. Um in Präsenz am Studium generale teilzunehmen, melden Sie sich bitte per E-Mail unter  studiumgenerale@uni-marburg.de an. Unter dieser Adresse können Sie auch Einwahldaten für die Online-Teilnahme erfragen.

Ihre Kontaktdaten für die Teilnahme in Präsenz können Sie in ein  Formular eintragen. Das ausgefüllte Formular bitte abspeichern und als PDF mitsenden.

Universitätsmitglieder können über die Lernplattform ILIAS online teilnehmen:  Anmeldung über ILIAS

Von Manfred Hitzeroth