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Marburg Rückgang der biologischen Vielfalt
Marburg Rückgang der biologischen Vielfalt
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15:59 25.10.2021
ARCHIV - 30.06.2020, Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf: Hinter dem trockengefallenen Ufer des Rheins fährt ein Frachtschiff vorbei. Seit den 1950er Jahren hat sich die Zahl der Hitzetage in NRW fast verdreifacht. Die Versicherungswirtschaft befürchtet dramatische Folgen.
ARCHIV - 30.06.2020, Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf: Hinter dem trockengefallenen Ufer des Rheins fährt ein Frachtschiff vorbei. Seit den 1950er Jahren hat sich die Zahl der Hitzetage in NRW fast verdreifacht. Die Versicherungswirtschaft befürchtet dramatische Folgen. Quelle: Roland Weihrauch/dpa
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Marburg

Mit Botanischen Gärten befasst sich das Studium Generale in diesem Wintersemester. Dabei geht es in den Vorträgen einerseits um die historische Bedeutung der an Universitäten angesiedelten Gärten für die Forschung und andererseits um ihre Rolle bei der Pflanzen-Dokumentation und ihrer Unterstützer-Funktion beim Erhalt der biologischen Vielfalt.

Beim Auftakt-Vortrag begrüßte der designierte Uni-Präsident Professor Thomas Nauss am vergangenen Mittwoch im Saal der neuen Uni-Bibliothek einen profilierten Naturforscher, den Österreicher Professor Klement Tockner, der seit kurzem Präsident der Senckenberg-Gesellschaft in Frankfurt ist. Tockner schlug in seinem Vortrag, der auch online und live übertragen wurde, unter dem Titel „Die domestizierte Natur“ einen ganz großen Bogen: Er nahm die menschengemachte Naturzerstörung in den Blick und bezeichnete die Eingriffe der Menschen an mehreren Fronten als höchst gefährlich für die Zukunft der Erde.

„Wir sehen den ungebremsten Rückgang der biologischen Vielfalt“, sagte Tockner. Diese Schlussfolgerung sei auch belegt durch eine Vielzahl von durch Wissenschaftlern erhobenen Daten. Jedoch seien die Menschen insgesamt überfordert von der Komplexität der Herausforderungen. Um der Bedrohung des Ökosystems zu begegnen, brauche es einen Dreiklang aus wissenschaftlicher Basis, gesellschaftlichem Engagement und politischen Mut.

Die Lichtverschmutzung

Wie sich der Mensch versucht, die Natur Untertan zu machen, erklärte Tockner an der „Lichtverschmutzung“, die weltweit um rund sechs Prozent zunehme. „Es wird immer kostengünstiger, zu beleuchten“, berichtet der Wissenschaftler aus dem vor 15 Jahren abgeschlossenen wissenschaftlichen Projekt zum Thema „Verlust der Nacht“. Das führe zum Beispiel dazu, dass die Menschen in immer mehr der bewohnten Gebiete nicht mehr die Pracht der Milchstraße bewundern könnten, weil immer mehr künstliches Licht das verhindere. Mittlerweile würden schon 20 Prozent des Stromverbrauchs der Erde in die „Beleuchtung der Nacht“ gesteckt, konstatierte Tockner.

Dann berichtete der Gewässerökologe anhand von Beispielen aus seinem eigentlichen wissenschaftlichen Spezialgebiet über weitere „Selbstversuche“, die ohne genaueres Wissen um die Konsequenzen unternommen worden seien. So hätten sich die Domestizierung der großen Flüsse in Europa wie der Donau oder des Rheins aus ökonomischen Gründen die Ökosysteme der Flusslandschaften radikal geändert.

So sei die Donau noch im Jahr 1848 ein weitverzweigter Fluss gewesen, der heutzutage zum allergrößten kanalisiert sei. Zwar sei diese Flussregulierung eine technologische Meisterleistung gewesen. Zwischenzeitlich sei der Rhein unter anderem durch Industrieabwässer die Kloake Europas gewesen. Mit Hilfe von Milliarden-Anstrengungen sei es immerhin gelungen, ab Mitte der 1980er-Jahre den Rhein wieder sauber zu bekommen, so dass man dort heute wieder schwimmen könne.

Flussverbindungen sind ein Problem

Aber wie überall sei die Individualität der Flüsse zurückgegangen. Alle Flüsse von der Rhone bis nach Sibirien seien heutzutage miteinander verbunden. Dieses habe dazu geführt, dass in einem paneuropäischen Einzugsgebiet 90 Prozent der Fische und Lebewesen nicht mehr vorher dort ansässige einheimische Arten seien. Stattdessen hätten sich neue überall gleiche „multikulturelle Lebensgemeinschaften“ entwickelt. Projekte wie die Wiederansiedlung des Störs in der Elbe seien aber bisher nicht von Erfolg gekrönt.

Wie bedeutsam für die Vielfalt von Arten und Ökosystemen ein naturnaher Fluss mit seinen Auenlandschaften sei, erläuterte Tockner am Beispiel des Tagliament-Flusses in Italien. Dieser sei einer der letzten unverbauten Flüsse in Europa, wie vor 150 Jahren. Das bis zu einem Kilometer breite und weitverzweigte Flussbett enthalte wichtige Elemente wie Totholz und vernetzte Lebensräume, auch für Arten wie beispielsweise die Eintagsfliege, die auf Wasser und Land gleichsam als Lebensraum angewiesen seien.

Tockner skizzierte eine bedrohliche Entwicklung: Mittlerweile seien in Deutschland weniger als zehn Prozent der Flüsse in einem guten ökologischen Zustand. Und auch weltweit nehme die Zahl der „freien Flüsse“ in rasanter Geschwindigkeit ab. Vor allem die globale Verteilung der Ressource Wasser sei ein Konfliktthema. Die Umleitung von Wasser und den Dammbau im großen Stil sowie den Ausbau der Wasserkraft nannte Tockner als potenziell bedrohlich, weil ein Großteil dieser Projekte in ökologisch sehr wertvollen Gebieten wie im Amazonas-Gebiet oder in Afrika geplant werde – eher für industrielle Zwecke von Wasser, Energie und Bergbau.

„Wir müssen aber nachhaltige Lösungen finden, die nicht zu Lasten der biologischen Vielfalt gehen“, betonte Tockner. Die aktuell geplanten Wasserkraft-Projekte seien größtenteils weder klimaneutral noch umweltfreundlich. Diese Mega-Projekte spiegelten das ungebremste Vertrauen in den Fortschritt wider und würden als Anreiz für ökonomisches Wachstum und als Zeichen der Macht angesehen. Insgesamt sei dies ein „Großversuch mit ungewissem Ausgang“ und ein bewohnter Planet werde tendenziell unbewohnbar gemacht.

Von Manfred Hitzeroth

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