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Marburg Studierende bieten Rat in Ausnahmesituation
Marburg Studierende bieten Rat in Ausnahmesituation
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11:58 21.03.2021
Die Psychologie-Studentinnen Emilia Reichmann (links) und Louisa Venhoff hatten die Idee zu der studentischen Beratung.
Die Psychologie-Studentinnen Emilia Reichmann (links) und Louisa Venhoff hatten die Idee zu der studentischen Beratung. Quelle: Privatfoto
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Marburg

Die schwierige Corona-Situation und insbesondere der Lockdown stellen für viele Menschen eine große Belastung dar. Viele können beispielsweise ihre Freunde und Bekannte bereits seit Monaten nicht mehr ohne Weiteres treffen. Die Folgen: Traurigkeit, Einsamkeit und ungewollte Isolation. Das könnte alles auch zu Depressionen führen, wenn nicht gegengesteuert wird.

Während eines Spaziergangs im Dezember zu Beginn des zweiten Lockdowns entwickelten die beiden Marburger Psychologie-Studentinnen Louisa Venhoff und Emilia Reichmann die Idee, mit ihren Mitteln etwas gegen das grassierende seelische Unwohlsein in der Bevölkerung zu unternehmen.

Jetzt sind sie soweit, dass sie mit ihrem studentischen Beratungs-Projekt starten können. „Wir wollen den unter den anhaltenden Corona-Belastungen leidenden Menschen zeigen, dass wir ihnen helfen können“, erklärt Louisa Venhoff im Gespräch mit der OP.

Die beiden Studentinnen haben für ihre Idee der Beratungsgespräche schnell ehrenamtliche Mitstreiter gewonnen. Rund 75 Studierende der Psychologie umfasst die Liste des Projektes „StuBe“ (Studentische Beratung Marburg) mittlerweile.

Sie alle haben zwar noch keine psychotherapeutische Ausbildung abgeschlossen, aber jeder schon mindestens sechs Semester studiert und können bereits erste praktische und theoretische Vorerfahrungen in Sachen Gesprächsführung und psychologischer Intervention vorweisen.

Zudem erhalten sie vorab zur Vorbereitung eine spezielle Schulung, und hinzu kommen jede Menge Idealismus, Ideen und Einsatzwillen.

Ein offenes Ohr ist in der Pandemie wichtig

„Die Gefühle, das Verhalten und die Gedanken werden beeinflusst“, erzählt Louisa Venhoff über die Corona-Folgen. Antriebslosigkeit und die grassierende wirtschaftliche Unsicherheit vieler Menschen kommen als weitere Stressfaktoren in der Pandemie hinzu. Grundsätzlich sei es so, dass dieses Auswirkungen der Situation im erneuten Lockdown seien, unter denen fast jeder auf die ein oder andere Art leide. Doch der Großteil der Menschen sei deswegen zum Glück noch nicht psychisch krank.

Es ist vor allem in der psychischen Ausnahmesituation der Pandemie wichtig, einfach erst einmal nur zuzuhören und ein offenes Ohr für Nöte und Sorgen zu haben. Und so soll es im ersten Gespräch erst einmal darauf ankommen, zu erfahren, was die Anrufer wollen. „Die Leute geben dann vor, wie es weitergehen soll“, erklärt Louisa Venhoff. Grundsätzlich könne und solle jeder anrufen, der sich derzeit aufgrund der besonderen Umstände psychisch belastet fühle. In zwei weiteren Online-Gesprächen soll es dann vor allem um Hilfs- und Beratungsideen gehen. Dabei haben die Studierenden Materialien aus einer Art psychologischen Erste-Hilfe-Set anzubieten.

Analog zur Hilfe für Depressions-Patienten könnten sie beispielsweise gezielte Ideen zum Ausbau der Aktivitäten geben. Sich eine Aufgabe suchen, trotz Corona nach positiven Dingen zu fahnden oder sich mit Tages-, Wochen- und Monatsplänen einen strukturierten Alltag zu geben oder gezielt mit Hilfe von Online-Tools trotz aller Beschränkungen Sozialkontakte pflegen: Das wären Möglichkeiten, zu denen die Berater die Ratsuchenden ermuntern könnten. Aber auch der Umgang mit den eigenen Ängsten und die erste Suche nach Erklärungen, wieso die negativen Gefühle zustande kommen, könnte in den drei Online-Beratungsgesprächen zur Sprache kommen. Sie finden jeweils im Abstand von einer Woche mit einer Zeitdauer von 50 Minuten statt.

Wissenschaftliche Studie begleitet das Projekt

Klar ist auf jeden Fall, dass die Online-Beratung keinen Ersatz für eine psychotherapeutische Behandlung und auch keine Konkurrenz für die Psychotherapeuten oder Psychologen darstellt. Und sowieso wollen und dürfen die Studierenden auch nur ausführlicher mit den Menschen reden, die keine aktuell diagnostizierte Störung haben. Aber dennoch könnte das Projekt dazu beitragen, ein wenig von dem derzeitigen Ansturm auf die Praxen in der aktuellen psychischen Ausnahmesituation abzufangen. Und so wollen die Studierenden den von ihnen beratenen Personen nach den drei Sitzungen auf jeden Fall weitere Ansprechpartner nennen – von Beratungstelefonen verschiedener Organisationen bis hin zu Psychotherapeuten.

Begleitet wird das „StuBe“-Projekt durch eine Studie unter Leitung von Dr. Marcel Wilhelm, einem wissenschaftlichen Mitarbeiter aus der AG Klinische Psychologie am Fachbereich Psychologie der Uni Marburg. Mit Hilfe der anonymisierten Daten aus den Fragebögen sollen darin Schlussfolgerungen über typische Belastungen und sinnvolle Hilfen in Pandemiezeiten gezogen werden. Wilhelm steht den Studierenden auch als Supervisor zur Seite.

Von Manfred Hitzeroth