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Marburg Studie zu Patientensicherheit sieht Kommunikationsfehler
Marburg Studie zu Patientensicherheit sieht Kommunikationsfehler
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08:00 16.03.2020
Medizinstudierende verfolgen im Pohlzentrum durch eine Glassscheibe ein simuliertes "Arzt-Patienten-Gespräch". Quelle: Foto: Nadine Weigel
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Marburg

Fehldiagnosen, falsche Verschreibung von Medikamenten, unzureichende Erhebung der Krankengeschichte: Patienten wissen eine Menge zu erzählen, wenn es um Mängel der ambulanten medizinischen Versorgung geht. Ein Team um den Marburger Gesundheitsversorgungsforscher Professor Max Geraedts hat das nun erstmals systematisch getan. Die Wissenschaftler befragten 10 000 Bürger, welche Probleme sie bei niedergelassenen Ärzten erlebt haben. Die Forschungsgruppe berichtet im Fachjournal BMJ Open über die Ergebnisse ihrer Pilotstudie.

Dabei zeigen Schätzungen für den stationären Bereich, dass die Patientensicherheit sehr wohl verbesserungsbedürftig ist: Demnach erleiden 5 bis 10 Prozent aller Krankenhauspatienten unvorhergesehene Schädigungen.

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„Unsere Ergebnisse belegen, dass Probleme der Patientensicherheit in der ambulanten Versorgung häufig sind, oft mit Gesundheitsschäden einhergehen und zusätzliche Behandlungen nach sich ziehen“, resümiert Geraedts. „Die Ergebnisse können helfen, kritische Situationen zu erkennen und gezielte Maßnahmen zur Vermeidung von Problemen zu entwickeln.“

Stress und Zeitmangel sind oft Auslöser

Klar sei aufgrund der Studienergebnisse, dass dies Dinge seien, denen man nachgehen sollte. Stress oder Zeitmangel der Ärzte sowie Kommunikationsprobleme nennen viele der befragten Patienten als Hauptgründe, wieso es zu den Problemen kommt. „Die sprechen nicht so mit mir, wie ich das brauche“, zitiert Geraedts eine typische Patientenansicht.

Obwohl in der Ausbildung der Medizinstudierenden seit einigen Jahren verstärkt Wert auf die Kommunikation zwischen Arzt und Patient gelegt werde, sehe es in der Realität in den Arzt-Praxen immer noch anders aus, macht der Versorgungsforscher deutlich. Die Umsetzung des vorhandenen Wissens sei immer noch nicht ärztlicher Alltag. Aus Sicht von Professor Geraedts liegt das auch daran, dass die Arztpraxen großen Zulauf haben. Das kontrastierte damit, dass sich alle Patienten mehr Zeit für Gespräche wünschten.

Die Studie zeige, dass Patientenberichte dazu beitragen könnten, die Patientensicherheit zu verbessern. Eine erste Lehre aus der Studie sei es, auf Patienten zu hören und sie einzubeziehen. Ausdrücklich betont Geraedts, dass es nicht darum gehe, mit der Studie die niedergelassenen Ärzte an den Pranger zu stellen.

Grundsätzlich sei es zwar schwierig, Probleme mit der Patientensicherheit zu erheben, weil die Einschätzung von professionellen Kräften und Betroffenen variiere, heißt es in einer Stellungnahme des Aktionsbündnisses Patientensicherheit. „Im Aktionsbündnis sind wir davon überzeugt, dass es von unschätzbarem Wert ist, die Patienten selbst einzubeziehen, um die Sicherheit in der Versorgung zu bewerten und zu verbessern“, sagt Marcel Weigand, Generalsekretär im APS. In dem Aktionsbündnis sind alle relevanten Akteure aus der Gesundheitspolitik zusammengeschlossen.

Patientensicherheit: Die Studie

Der Mediziner Professor Dr. Max Geraedts lehrt Versorgungsforschung und Klinische Epidemiologie an der Philipps-Universität Marburg. Neben Geraedts Arbeitsgruppe beteiligte sich Dr. Johannes Leinert vom Sozialforschungs-institut Infas an der Studie. Der Gemeinsame Bundesausschuss, eine Einrichtung der Selbstverwaltung im deutschen Gesundheitswesen, unterstützte die zugrunde liegende Forschungsarbeit finanziell.

Geraedts und sein Team befragten in ihrer Studie mittels eines neu entwickelten Erhebungsbogens 10 000 Personen über 39 Jahre, die zufällig ausgewählt worden waren. Das Ergebnis: 14 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer berichteten über Probleme, die aufgetreten seien, wenn sie niedergelassene Ärzte konsultierten. Die telefonische Umfrage dokumentiert mehr als 2 500 Einzelfälle. Bei 61 Prozent davon geht es um unzureichend erhobene Vorgeschichten der Patienten oder um unzulängliche Diagnostik. In 75 Prozent der Fälle klagten die Betroffenen über schädliche Folgen wie unnötig lang anhaltende Schmerzen oder die Verschlechterung ihres Gesundheitszustands, die auf die Probleme bei der Behandlung zurückgingen. Bei 35 Prozent der Vorkommnisse kam es demnach zu dauerhaften Schäden, 31 Prozent lösten weitere Arztbesuche aus, bei 14 Prozent kam es zu Notfallbehandlungen und bei 10 Prozent zu Krankenhausaufenthalte. Auf Allgemeinmediziner entfielen 44 Prozent der Patientenberichte, auf Orthopäden 15 Prozent und auf Internisten 10 Prozent.

Von Manfred Hitzeroth

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