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Marburg Belastungstest für Gesundheitssystem
Marburg Belastungstest für Gesundheitssystem
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17:51 30.01.2022
Es ist bei der Omikron-Welle auch mit vielen infizierten Mitarbeitern in den Krankenhäusern zu rechnen.
Es ist bei der Omikron-Welle auch mit vielen infizierten Mitarbeitern in den Krankenhäusern zu rechnen. Quelle: Jens Büttner/dpa
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Marburg

Wie gefährlich ist die Omikron-Variante des Corona-Virus und wie wirkt sie sich auf die Belegung der Intensiv- und Normalstationen in den Krankenhäusern in Deutschland aus? Um diese Frage ging es in einer gemeinsamen Studie von Schweizer Biostatistikern und einem Team der Uni-Klinik Marburg um den Labormediziner Professor Harald Renz.

Den Ergebnissen der aktuellen Studie zufolge bringt Omikron das Gesundheitssystem wohl nicht an seine Grenzen, auch wenn es schon zu einem extremen Belastungstest führt. Demnach wird die Omikron-Variante selbst unter ungünstigsten Bedingungen keine Rekordzahlen bei den Aufnahmen in Intensivstationen verursachen – weder in Deutschland noch in der Schweiz; selbst unter ungünstigen Bedingungen.

Renz: „Rascher und hoher Anstieg an Infektionszahlen“

Den für die beiden Länder Schweiz und Deutschland erstellten Szenarien zufolge werden nicht so viele Infizierte die Intensivstationen belegen, wie es bei den Delta- und Beta-Varianten des Corona-Virus der Fall war, betonte Renz im Gespräch mit der OP. Das Besondere an der Omikron-Welle liege allerdings daran, dass auch mit vielen infizierten Mitarbeitern in den Krankenhäusern zu rechnen sei. Allein die schiere Zahl an Infektionen könnte zu personellen Engpässen führen und auch die Kapazitäten bei Covid-Diagnosen beschränken.

Einen Höhepunkt bei der Zahl der Infizierten erwartet Harald Renz von der Philipps-Universität Marburg laut den Modellen ab Ende Februar bis Mitte März. Dann könnten bereits rund 10 Prozent der Bevölkerung infiziert sein, wenn man von einem „Worst-Case-Szenario“ ausgehe. Zu rechnen sei auf jeden Fall mit einem raschen und hohen Anstieg an Infektionszahlen. Davon wird die Breite der Gesamtbevölkerung betroffen sein, also auch Mitarbeiter im Gesundheitswesen. Und zudem werde Omikron sich sicher auch wie vorhergesagt auf die kritische Infrastruktur auswirken, weil auch mit infizierten Mitarbeitern bei Feuerwehr oder Polizei zu rechnen sei.

Vorsichtige Entwarnung für die Zeit nach Mitte März

„Wir werden auf den Normalstationen mit leichter Verzögerung einen deutlichen Anstieg an Patienten mit Covid-19 sehen, wenn die Reproduktionszahl auf über 1,5 ansteigt“, führt Renz aus. „Aber nicht nur Patienten, die primär wegen Covid-19 ins Krankenhaus kommen (mittelschwere Fälle), sondern auch Patienten, die mit anderen Erkrankungen behandelt werden müssen, aber zusätzlich noch infiziert sind“, legt der Mediziner dar. „Dies ist eine neue Qualität der Pandemie; das hatten wir bisher so noch nicht. Im Gegensatz dazu erwarten wir keine signifikanten Mehrbelastungen bei den Intensivpatienten über die Bettenauslastung hinaus, die wir gegenwärtig schon haben.

Diese Effekte liegen vor allem daran, dass insbesondere Personen mit drei Impfungen relativ gut vor schweren Verläufen mit Omikron geschützt sind. Hinzu kommt die hohe Infektiosität des Virus, verbunden mit einer deutlich geringeren Krankheitsschwere.

Doch für die Zeit nach Mitte März geben die Forscher eine vorsichtige Entwarnung: „Ähnlich schnell, wie die Welle ihren Gipfel erreicht, wird sie auch wieder abschwellen, mit Ausnahme einer gewissen Verlängerung bei den Intensivpatienten“, sagt Renz.

Natürlich könne es regionale Unterschiede geben, fügt er hinzu: Dieses globale Länder-Szenario schließe allerdings nicht aus, dass es Ausreißer nach oben und nach unten geben kann und damit auch regionale Überlastungen, schwächt Renz ab. Wie sich die Omikron-Welle nach dem betrachteten Zeitraum auf das Gesundheitswesen auswirken werde, das werde stark von der Omikron-Delta-Kreuzimmunität bestimmt, die noch unbekannt sei.

Studien-Design

Für ihre Studie entwickelten Forscher der Empa-Abteilung „Multiscale Studies in Building Physics“ aus der Schweiz mit Fachleuten vom Institut für Laboratoriumsmedizin und Pathobiochemie der Philipps-Universität Marburg Szenarien für den Zeitraum vom 17. Januar bis Ende März. Die Stärke dieses Modells bestehe darin, dass viele Variablen auf der Basis von aktuellen Daten eingeflossen sind: Alter, Impfstatus, Booster-Status, Reproduktionszahl. Die Forscher aus Marburg steuerten die aktuellen Zahlen aus Deutschland bei und lieferten den medizinischen Input. So betrachteten sie mögliche Auswirkungen unterschiedlicher Impfstoffe sowie den Impfstatus unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen und unterschiedliche Immunantworten. Während die Kollegen aus dem Schweizer Kanton Graubünden vor allem ihre biostatistische Expertise beisteuerten.

Um unterschiedliche Gefahrenlagen zu erfassen, betrachteten die Fachleute drei Szenarien mit effektiven Reproduktionszahlen, die angeben, wie viele Menschen eine infizierte Person im Durchschnitt ansteckt. Sie rechneten mit 1,3, was ungefähr der aktuellen Situation entspricht; außerdem mit 1,5 und 1,8, also dem ungünstigsten Fall. In den drei Modellen wurde die Entwicklung anhand von Gruppen von „empfänglichen“ Personen, Infizierten, stationär Behandelten und Patienten auf Intensivstationen betrachtet. Zudem wurde unterschieden zwischen Geimpften, Ungeimpften oder kürzlich Genesenen.

Von Manfred Hitzeroth

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