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Marburg Kein erhöhtes Coronarisiko in Gottesdiensten
Marburg Kein erhöhtes Coronarisiko in Gottesdiensten
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14:00 10.06.2021
Ein Hinweisschild in der Lutherischen Pfarrkirche in Marburg weist auf die geltenden Corona-Bestimmungen hin.
Ein Hinweisschild in der Lutherischen Pfarrkirche in Marburg weist auf die geltenden Corona-Bestimmungen hin. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Von Anfang Dezember bis Ende Februar hatten rund 1500 Mitglieder aus den evangelischen Kirchenkreisen Schwalm-Eder, Kirchhain und Marburg an dieser Studie teilgenommen und sich auf SARS-CoV-2-Antikörper untersuchen lassen. Die Leitfrage lautete, ob die aktive und/oder passive Teilnahme an kirchlichen Veranstaltungen einschließlich Gottesdiensten mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung einer Coronavirus-Infektion einhergeht.

Dieses war jedoch nicht der Fall. „Es konnte kein signifikanter Unterschied in der Häufigkeit von Antikörpern zwischen Gottesdienstbesuchern und Nicht-Gottesdienstbesuchern nachgewiesen werden“, zieht Renz ein Fazit der ersten Auswertung, die der Marburger Bioinformatiker Professor Ho Ryun Chung vorgenommen hat.

Die Studie war mit einem großen logistischen Aufwand verbunden: An 50 Orten in 30 Kirchengemeinden mussten sich jeweils 30 Personen rund 40 Minuten testen lassen, wofür mobile Teststationen aufgebaut waren.

Über das Ergebnis freut sich auch Burkhard zur Nieden, der als Dekan des Kirchenkreises Marburg die Studie gemeinsam mit Renz betreut hat. Die enormen Anstrengungen bei der Implementierung von Hygienekonzepten in den Kirchen hätten sich bewährt, meint zur Nieden.

Kirchen reagierten verantwortlich

Die Corona-Vorgaben hätten bei den Gottesdiensten neben genügend Abstand der Kirchenbesucher in den Kirchenbänken und dem Singverbot im Gottesdienst auch das Tragen von Masken beinhaltet, machte zur Nieden im Gespräch mit der OP deutlich. Auch die Predigten seien mit Maske erfolgt. „Wir wissen zwar nicht, wann das gemeinsame Singen in der Kirche wieder möglich wird. Aber wir folgen besonnen den staatlichen Vorgaben“, sagte der Dekan. Unter den Bedingungen von Covid-19 hätten die großen Kirchen verantwortlich reagiert und das Vertrauen gerechtfertigt, das von der Politik in sie gesetzt worden sei, sagte der Dekan. Vor allem in Sachen Gottesdiensten waren die Kirchen beispielsweise im Vergleich zu Kulturveranstaltern in den bisherigen Lockdown-Phasen privilegiert.

Zwar seien beispielsweise im Kirchenkreis Marburg in rund der Hälfte der Kirchen die Präsenz-Gottesdienste für lange Zeit ausgesetzt und durch digitale Gottesdienste und Telefongottesdienste ersetzt worden, betonte Nieden. Aber in der anderen Hälfte hätten viele Gottesdienste weiter stattgefunden, auch wegen der staatlich zugebilligten Ausübung der Religionsfreiheit.

„Gottesdienste waren lange die einzigen Veranstaltungen, die möglich waren“, betonte auch Harald Renz. So hätten beispielsweise an den Gottesdiensten in der Elisabethkirche bis zu 90 Besucher teilnehmen können. Auf dieses Weise hätten auch Advents- und Weihnachtsgottesdienste im verschärften Lockdown begangen werden können. „Die Kirchen haben Glück gehabt, dass sie das machen durften und sind damit gut gefahren“, resümierte Renz.

Bei Veranstaltungen fehlte ein flächendeckendes Testkonzept

Und die Kultur? Im Lichte der Studienergebnisse müsse nun auch gefragt werden, ob das weitgehende Corona-Verbot von Kulturveranstaltungen womöglich zu scharf gewesen sei, sagte der Laboratoriumsmediziner. Eventuell hätte man nach der Devise „Lieber mit wenig Leuten etwas machen als gar nichts machen“ Veranstaltungen wie Kinovorführungen zumindest in Phasen der Pandemie in Ruhe und koordiniert ermöglichen können, meinte Renz. Allerdings habe zur Ermöglichung einer stärkeren Flexibilisierung in Sachen Coronavorgaben bei Veranstaltungen ein flächendeckendes Testkonzept gefehlt.

Die Studie erfolgte an der Uni Marburg, weil die Mediziner an der Uni-Klinik eine Taskforce zur Pandemie eingerichtet haben und sich als Mitglied des Netzwerks Uni-Medizin an einer Initiative der Charité und des Bundesforschungsministeriums beteiligen. Dazu gehören auch Tests zur Beobachtung der Verbreitung des Virus’. Am Studiendesign und der Studienauswertung beteiligten sich Experten aus verschiedenen Disziplinen, von der Epidemiologie bis hin zur Biostatistik.

Die Marburger Studie war deutschlandweit die einzige, in der kirchliche Veranstaltungen und vor allem Gottesdienste im Mittelpunkt standen. Bei Studien an anderen Standorten ging es beispielsweise um die Virus-Verbreitung in Studentenwohnheimen oder Kindertagesstätten.

Von Manfred Hitzeroth

10.06.2021
09.06.2021