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Marburg Wie verträglich ist der Corona-Impfstoff von Biontech für Allergiker?
Marburg Wie verträglich ist der Corona-Impfstoff von Biontech für Allergiker?
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08:00 08.02.2021
Professor Oliver Pfaar (links, HNO-Klinik, stellvertretender Sprecher des Allergiezentrums Hessen) und Professor Wolfgang Pfützner (Hautklinik, Sprecher des Allergiezentrums Hessen) wollen die Verträglichkeit des Corona-Wirkstoffs von Biontech auf Allergiker untersuchen.
Professor Oliver Pfaar (links, HNO-Klinik, stellvertretender Sprecher des Allergiezentrums Hessen) und Professor Wolfgang Pfützner (Hautklinik, Sprecher des Allergiezentrums Hessen) wollen die Verträglichkeit des Corona-Wirkstoffs von Biontech auf Allergiker untersuchen. Quelle: Manfred Hitzeroth
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Marburg

Die beiden Marburger Allergie-Experten und Medizin-Professoren Oliver Pfaar und Wolfgang Pfützner vom Allergie-Zentrum Hessen am Uni-Klinikum in Marburg haben Medienberichte der BBC zu allergischen Schockreaktionen auf eine Impfung mit dem neuen Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer zum Anlass genommen, kurzfristig eine Studie aufzulegen.

Sie wollen anhand der Impfkampagnen für die Mitarbeiter des Uni-Klinikums das Sicherheitsprofil der Impfungen überprüfen und erforschen, ob und wenn ja welche Reaktionen speziell Allergiker auf die Verabreichung des Impfstoffs zeigen und ob es dabei zu irgendwelchen Auffälligkeiten kommt. Immerhin könnten an der Impfstraße im Marburger Uni-Klinikum laut Professor Pfützner bis zu 3000 Menschen vom Betriebsärztlichen Dienst geimpft werden. Und weil Allergien Volkserkrankungen sind, könnten darunter prinzipiell rund 1000 Allergiker sein.

Die Idee der Studie ist, noch einmal detailliert herauszuarbeiten, ob Allergiker allgemein den aktuellen Corona-Impfstoff genauso gut vertragen wie Nicht-Allergiker. Nach dem bisherigen Stand der Forschung gehen die beiden Marburger Forscher davon aus, dass Allergiker bei der Impfung generell kein höheres Risiko bei der Verträglichkeit haben.

Auswertung der Daten erfolgt schnellst möglich

„Wir machen die Erhebung, damit wir das besser nachweisen können“, macht Pfützner deutlich. Die ersten Impfungen an der Impfstraße im Klinikum sind bereits vor einigen Wochen gestartet, abgeschlossen werden soll sie voraussichtlich im Sommer. Nach der dann zu erfolgenden statistischen Auswertung der dazu verteilten spezifischen Fragebögen soll die Auswertung der Daten danach möglichst schnell erfolgen.

Bis die Daten vorliegen, weist Professor Pfaar im Gespräch mit der OP vor allem auf zwei Dinge hin: Einerseits bestehe nach dem aktuellen Forschungsstand insgesamt auch bei allergischen Patienten eine große Sicherheit bei der Corona-Impfung. Dies gelte insbesondere für Patienten mit Heuschnupfen, allergischem Asthma, Neurodermitis, Insektengift-/Nahrungsmittelallergie.

Andererseits sollte aber bei allen Patienten, die schon einmal eine allergische Schockreaktion nach einer vorherigen Impfung durchgemacht hatten, oder bei denen der Verdacht einer allergischen Reaktion auf bestimmte Inhaltsstoffe besteht (siehe untenstehende Infobox), vor der geplanten Impfung zunächst die Beratung in einem allergologischen Zentrum wie dem Allergiezentrum Hessen in Marburg erfolgen.

Corona-Impfung und PEG-Allergie

Zu Beginn der britischen Corona-Impfkampagne, bei der der jetzt auch in Deutschland verwendete Impfstoff von Biontech/Pfizer zum Einsatz kam, traten bei zwei Personen schwerwiegende allergische Schocks auf. Ähnliches galt für drei Personen in den USA.

Das führte zwischenzeitlich in Großbritannien zu der behördlichen Empfehlung, den Impfstoff nicht an die Personen zu verabreichen, bei denen in der Vergangenheit eine schwere allergische Reaktion gegen einen Impfstoff, ein Medikament oder ein Lebensmittel aufgetreten war. Nach der Zulassung des Impfstoffes durch die europäische Arzneimittelbehörde EMA stellten sich viele Allergiker in Deutschland die Frage, ob der Impfstoff für sie gefährlich sein könnte. In der Zulassungsstudie der Hersteller Pfizer und Biontech traten allerdings allergische Reaktionen nur bei 0,63 Prozent der Probanden der Impfstoffgruppe auf, im Vergleich zu 0,51 Prozent in der Placebogruppe.

Nach der Prüfung der Datenlage kamen jedenfalls Experten des Paul-Ehrlich-Instituts (Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel) zum Ergebnis, „dass ein generell erhöhtes Risiko für schwerwiegende unerwünschte Wirkungen für Personen mit vorbekannten allergischen Erkrankungen“ bei der Impfung mit dem Biontech/Pfizer-Impfstoff nicht abzuleiten sei.

Allerdings gab es dabei eine Einschränkung: Weil bei den Zulassungsstudien keine Personen geimpft wurden, die in der Vergangenheit schon schwere allergische Reaktionen auf einen anderen Impfstoff gezeigt hatten, liegen noch keine gesicherten medizinischen Einschätzungen dieses Risikos vor.

Als mögliche Auslöser für solche allergischen Schockreaktionen (Anaphylaxie) könnten laut dem Paul-Ehrlich-Institut im Impfstoff enthaltene Hilfsstoffe in Frage kommen wie beispielsweise bestimmte PEG-haltige Lipid-Nanopartikel.

Und deswegen raten die Experten des Bundesinstituts für die deutsche Impfkampagne zur Vorsicht: Patienten, die schon einmal eine PEG-Allergie gezeigt haben, sollten zunächst einmal nicht mit diesem Präparat geimpft werden. Für den Fall, dass in den ersten 15 bis 30 Minuten nach einer Impfung ein schwerer allergischer Schock auftritt, sollten die Impfzentren dafür eine angemessene medizinische Behandlungsmöglichkeit vorhalten.

Die nicht-toxische Substanz (PEG) ist vielen Alltags-, Kosmetik- und medizinischen Produkten zugesetzt und kann nach Darstellung der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und Immunologie (DGAKI) in seltenen Fällen allergische Reaktionen auslösen.

Damit könnte dieser Zusatzstoff eine mögliche Ursache für die beschriebenen allergischen Impfreaktionen darstellen. Keineswegs seien diese Reaktionen jedoch spezifisch für den neuen Corona-Impfstoff, der sich nach bisherigem Wissen durch insgesamt gute Verträglichkeit auszeichne, so die Stellungnahme der Gesellschaft.

Von Manfred Hitzeroth