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Marburg Studenten berichten über globale Folgen
Marburg Studenten berichten über globale Folgen
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15:00 27.09.2020
Die Inderin Sudipta berichtet auf der Internetplattform „theyelling20s“ von ihren Erfahrungen aus dem Corona-Lockdown. Quelle: theyelling20s.com
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Marburg

„Die Zeit des Lockdowns war für mich ein riesiger Einschnitt. Ich hatte davor oft das Gefühl, in einem Hochgeschwindigkeitszug zu sitzen, mit vielen Projekten, die sehr viel Druck auf mich ausübten. Ich spürte, dass ich eine Zeit zur Selbstreflexion und Ruhe brauchte, aber ich hatte gleichzeitig das Gefühl, nicht aufhören zu können“, sagt die Inderin Sudipta, Mitarbeiterin eines Jugendhilfsprojekt in Südindien.

„Es ist seltsam, denn es scheint mir, dass das Gleiche in gewisser Weise auch in der Welt insgesamt passiert“, meint die Inderin. „Wir wussten, dass das bestehende System in ökonomischer und ökologischer Hinsicht unnachhaltig ist, aber die von uns gesetzten Prioritäten und der Druck innerhalb des Systems schienen so groß zu sein, dass wir keine Möglichkeiten hatten, innezuhalten und uns neu auszurichten.“

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Das persönliche Fazit der Jugendorganisations-Mitarbeiterin ist eine von vielen Stimmen des globalen Südens, die 19 Marburger Studierende für ein Studiengang-internes Blogprojekt gesammelt haben, das aber auch für eine breitere Öffentlichkeit hochinteressant ist. „Wir machen alle etwas Ähnliches durch, aber manchmal haben Menschen im globalen Süden auch bessere Ideen als wir“, sagt die Marburger Studentin Lisa Kielbassa.

Erfahrungsberichte aus dem Alltag

Covid-19 hatte jedenfalls ganz konkrete Auswirkungen auch auf den Arbeitsalltag von Sudipta: So war gerade geplant, dass sie die Leitung ihrer Organisation mit rund zehn Mitarbeitern übernehmen sollte. Doch weil die meisten internationalen Freiwilligen beim Lockdown das Land verließen, stand sie gewissermaßen über Nacht ohne Mitarbeiter da. Für die junge Frau bedeutete das eine einschneidende Zäsur, die ihren Lebensplan änderte: Statt die Leitung in der Organisation zu übernehmen, bewirbt sie sich jetzt an Universitäten in Europa für ein Studium.

„Wir gehen davon aus, dass die Covid-19-Pandemie signifikante, langanhaltende Folgen für Gesellschaften rund um den Globus haben wird“, schreiben 19 Studierende des Studiengangs „International Development Studies“ an der Uni Marburg. Sie haben nach eingehenden Recherchen und Online-Gesprächen für den Blog Artikel, Videos und Audiobeiträge erarbeitet. Darin finden sich vor allem Erfahrungsberichte aus dem Alltag zu Corona-Zeiten in Ländern Lateinamerikas, Afrikas und Asiens in den Sprachen Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch.

HIV-Hilfsprojekt gerät ins Stocken

Die Arbeiten für den Blog liefen zum Sommersemester an und ersetzen die Studienphase, in der üblicherweise Forschungsprojekte anstehen, die sich mit speziellen Projekten und Themen in Entwicklungsländern beschäftigen. Weil Corona aber auch dort alles überstrahlte, nahmen die Studierenden gerne den Vorschlag ihrer Professorin Annika Oettler auf, sich stattdessen darauf zu fokussieren, was die Pandemie mit den dortigen Gesellschaften macht und wie sie den Alltag beeinflusst. „Wir wollten aber auch innovative Ansätze zeigen, mit den Problemen in der Corona-Krise umzugehen“, sagt Studentin Giovanna Artmann.

Ein Beispiel dafür ist Kuraish Mubiru, der Geschäftsführer der Organisation „Uganda Yong Positives“, die jungen HIV-Patienten hilft. Die Ausgangssperre in dem afrikanischen Staat im Zuge der Viruseindämmung legte unter anderem den öffentlichen Nahverkehr in Uganda lahm und machte den Erkrankten den Zugang zu den Gesundheitseinrichtungen unmöglich, wo sie ansonsten ihre tägliche Medikation erhielten. Mubiru zeigte in dieser Situation Eigeninitiative und besorgte sich eine besondere Fahrerlaubnis, um mehr als 300 junge Menschen in der Region Kampala mit den Medikamenten zu beliefern.

Zugleich setzte er sich dafür ein, diese auch mit Lebensmitteln zu versorgen – eine überlebensnotwendige Hilfe, weil die jungen Kranken wegen der Ausgangssperre auch nicht mehr selber für ihren Lebensunterhalt sorgen konnten. „Covid-19 hat uns die Augen dafür geöffnet, dass es einen direkten Mechanismus zur Unterstützung von Menschen mit HIV geben sollte, damit sie ihre lebenslange Behandlung fortsetzen können“, sagt Kuraish Mubiru.

Wirtschaftliche Folgen für viele unmittelbar

Acht Blog-Einträge stehen bereits online. Die Bildungsungerechtigkeit in Kolumbien ist dabei ebenso ein Thema wie die Stärkung des Zusammengehörigkeitsgefühls durch ein Gemeinderadio in Uganda oder die Pandemie-Lage in der Mongolei. Bis März kommenden Jahre sollen noch weitere Beiträge folgen – wie beispielsweise ein Bericht über die Lage der indigenen Bevölkerung in Nord-Argentinien oder aktuelle Darstellungen des Themas „Häusliche Gewalt“ in Indien.

„Die wirtschaftlichen Folgen sind für viele Menschen in diesen Ländern oft unmittelbar“, erzählt Studentin Lea Strack im Gespräch mit der OP. Am Beispiel eines benachteiligten Stadtviertels in der Großstadt Asuncion erläutert sie, dass dort viele Menschen nach dem Corona-Lockdown nicht nur ihre Arbeit verloren haben, sondern auch über keine Ersparnisse mehr verfügten.

„Im Prinzip waren die am stärksten betroffenen Gruppen die in der Gastronomie Beschäftigten, die ärmsten Leute, die im Recycling tätig sind und kleine Geschäfte. Dann auch noch die Leute, die in Friseursalons arbeiten, kleine Lebensmittelgeschäfte und viele andere kleine Unternehmen, die schließen mussten“, berichtete eine Bewohnerin des Viertels in einem im Blog zu lesenden Interview.

Blog-Projekt

„The Yelling 20s?“: So lautet der Titel des Blogs, den 19 Studierende der Marburger Universität in ihrem Studiengang „International Development Studies“ gestaltet haben. Der Blogtitel ist eine Wortschöpfung der Studierenden und bedeutet so viel wie „die schreienden“ oder die „um Hilfe rufenden“ Zwanziger Jahre und lehnt sich an die für 1920er Jahre gängige Bezeichnung „Roaring 20s“ an.

Auch im vergangenen Jahrhundert habe es eine Pandemie – die Spanische Grippe – gegeben, gefolgt von einem Jahrzehnt erheblicher gesellschaftlicher Veränderungen in den Bereichen Frauenrechte, Wirtschaftspolitik, Technologie, Urbanisierung, Kunst, Globalisierung und Demokratie: die sogenannten „Roaring 20s, in Deutschland – auch Goldene Zwanziger Jahre genannt. Und was passiert jetzt durch Corona? „Zu Beginn des neuen Jahrzehnts 2020 möchten wir aktuelle Veränderungen und deren mögliche Auswirkungen thematisieren, um uns der Frage zu nähern: Werden die kommenden Jahre ‚The Yelling 20s‘“?, fragen die Studierenden.

Der Blog ist einsehbar über die Internetadresse www.theyelling20s.com

Von Manfred Hitzeroth

27.09.2020
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