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Marburg Studenten in Marburg genervt von Farbattacken
Marburg Studenten in Marburg genervt von Farbattacken
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07:57 16.05.2020
Friedrich Schweikert (links) und Finn Kalmus von der Studentenverbindung Alemannia Marburg beklagen andauernde Farbbeutel-Angriffe auf das Haus am Hainweg. Quelle: Björn Wisker
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Marburg

Mit einem Spachtel in der Hand müht er sich an der Fassade ab, doch so sehr er auch auf dem Sandstein kratzt – der rote Farbklecks will nicht weichen.

Dass die Mühe vergebens ist, weiß Friedrich Schweikert. Aber man muss es doch wenigstens probieren, etwas gegen einen, zwei, drei der vielen Farbbeutel-Hinterlassenschaften an der Hauswand unternehmen.

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„Man kann das ja nicht so hässlich lassen“, sagt er. Denn so hartnäckig der rote Lack am alten Studentenverbindungshaus der Alemannia am Hainweg klebt, so hartnäckig wollen sich die Mitglieder gegen die permanenten Angriffe, die Farbbeutel-Angriffe, wehren.

Die mehr als 200 Mitglieder betonen ihre liberale Ausrichtung, geraten aber trotzdem immer wieder ins Visier von Unbekannten auf deren Vandalismus- Streifzug – das nervt die Alemannen.

„Einfach enttäuscht“ über die Stadtverwaltung

„Wir sind immer wieder sauer. Aber auch hilflos, da ja niemand zuhört und etwas unternimmt", sagt Finn Kalmus mit Verweis auf Zehntausende Euro, die alleine in den letzten Jahren zur Schadensbeseitigung an dem denkmalgeschützten Haus ausgegeben wurden.

Privatgeld, keine öffentlichen Mittel. Man sei „einfach enttäuscht“, dass sich die Stadtverwaltung nicht um eine konsequentere Graffiti-Entfernung kümmere und Privatleuten beziehungsweise bei Privateigentum finanziell nicht stärker beispringe.

Unternehmer bangen um Marburgs Stadtbild

„Wir sind letztlich vor allem Opfer unserer Straßenlage. Mit dem Haus als Hingucker schmücken wir nicht zuletzt für Touristen den Weg zum Schloss, aber von diesem öffentlichen Weg kommen die Angriffe", sagt Kalmus.

Beim jüngsten Angriff flogen mehrere mit Lack gefüllte Behälter gegen die weiße Wand; nicht so dramatisch wie der einstige Farbeimer-Wurf gegen das historische Wappen an der Fassade, das dabei so gut wie zerstört wurde, aber trotzdem ein „mehr als ärgerlicher Schaden“, sagt Schweikert.

Denn erst vergangenes Jahr hat die Alemannia das Haus aufwendig saniert, unter strengen Denkmalschutz-Auflagen, eben um es als Blickfang zu erhalten. Ein teurer Spaß für die Studentenverbindung.

Polizei: Nur wenige Fälle werden aufgeklärt

„Es ist schlimm, mit wie wenig Respekt ein geschichtsträchtiges und so schönes Gebäude behandelt wird. Was bleibt denn als Eindruck von Marburg hängen, wenn Stadtbesucher dieses oder die vielen anderen beschmierten Häuser sehen? Sicher nicht das Bild einer schönen Puppenstube“, sagt Kalmus.

Laut Polizeilicher Kriminal­statistik sind etwa zehn Prozent aller angezeigten Straftaten in der Stadt Sachbeschädigungen. Aufgeklärt werden die wenigsten Fälle. In vergangenen Jahren waren dies laut Statistik rund ein Viertel der mehr als 500 in der Stadt begangenen Delikte. Angezeigt wurden zuletzt mehr als 70 illegale Graffiti.

„Verheerendes Bild“

Mitte 2018 beklagte die Initiative „Unternehmer gegen Vandalismus“ die anhaltende Verschandelung der Stadt, speziell der Nordstadt, den Uni-Gebäuden und auch Teilen der Oberstadt. Sauberkeit spiele bei der Attraktivität eines Standorts eine zunehmende Rolle, für Mitarbeiter eines Unternehmens ebenso wie für Touristen, hieß es von den Initiativenvertretern.

Der „subkulturelle Vandalismus“, gegen den es vorzugehen gelte, zeichne gerade bei Besuchern ein „verheerendes Bild“, das gerade in Facebook- und Instagram-Zeiten in die Welt gesendet werde. Um eine Stadtbild-Schönheit wiederherzustellen, legte der Magistrat Ende 2017 ein Anti-Graffiti-Programm auf.

„Es dem Establishment mal so richtig zeigen“

Die Zahl der Anträge war zuletzt mit etwa einem Dutzend aber überschaubar, die Gesamtausgaben für Privateigentümer: wenige tausend Euro. Voraussetzung für eine Bewilligung von Geldern (insgesamt stehen 100.000 Euro bereit) ist, dass der private Hauseigentümer Strafanzeige stellt, bei Finanzmittel-Beantragung eine Bescheinigung über diese sowie ein Foto der Schmiererei und einen Kostenvoranschlag einreicht.

Der Marburger Sozialpsychologie-Professor Ulrich Wagner bezeichnete Vandalismus in einem OP-Interview einst als Ausdruck, „es dem Establishment mal so richtig zu zeigen“. Dass es in der Universitätsstadt augenscheinlich so viele Schmierereien gebe, dürfte an der Altersstruktur speziell in der Kernstadt liegen.

Experte: Täter sind meist junge Männer

Viele junge Menschen leben dort und sind dort unterwegs. Vandalismus-Täter sind laut Wagner in der Regel junge Männer. Die Alemannen, die auch von Steinwürfen durch Fenster und angezündeten Mülltonnen in den vergangenen Jahren berichten, planen nun eine Videoüberwachung bis zur Grundstücksgrenze.

Hilfreicher wäre es laut der Studentenverbindung, wenn für Schmierereien am Alemannen – wie für andere Privathäuser – das städtische Anti-Graffiti-Programm quasi automatisch greifen und die Spuren schnell entfernt würden. „So trägt die Allgemeinheit, also auch die Täter, den Schaden. Dann verliert mancher den Spaß, das Problem selbst wird ernster genommen“, sagt Kalmus.

Geschichte der Alemannia

Die Burschenschaft Alemannia wurde 1874 gegründet, baute und bezog 1899 das Hainweg-Haus. Die Studentenverbindung hat sich von umstrittenen Dachverbänden gelöst und so auch von den in Marburg als rechts geltenden Rheinfranken, Germania und Normannia-Leipzig losgesagt.

Alemannia betont eine liberale Ausrichtung und ist für ihre Geschichts-Aufarbeitung bekannt: So veröffentlichte sie die Beteiligung einiger ihrer Ex-Mitglieder an den Morden von Mechterstädt vor 100 Jahren, als ein rechtes Studentenkorps mehrere Arbeiter tötete. Aktuell gibt es mehr als 200 Mitglieder in der Altherren-Struktur und der studentischen Aktivitas.

Von Björn Wisker