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Marburg Mit Glanz und Gloria
Marburg Mit Glanz und Gloria
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18:24 13.07.2022
Das Studenten-Sinfonieorchester Marburg gab am Dienstag das erste von zwei Semester-Abschlusskonzerten im Audimax.
Das Studenten-Sinfonieorchester Marburg gab am Dienstag das erste von zwei Semester-Abschlusskonzerten im Audimax. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Marburg

Zweieinhalb Jahre – das ist eine lange Durststrecke für Musikerinnen und Musiker, in der sie ihrem Hobby kaum oder nur extrem eingeschränkt nachgehen konnten. Fast ein komplettes Bachelor-Studium. Coronabedingt hat das Studenten-Sinfonieorchester (SSO) in dieser langen Zeit keine Semesterabschlusskonzerte spielen können.

Umso größer und bis in die hinteren Reihen spürbar war am Dienstagabend (12. Juli) bei den aktuell rund 60 Musikerinnen und Musikern des ewig jungen Orchesters die Freude, nach einem Galakonzert im Erwin-Piscator-Haus endlich wieder im großen Orchester gemeinsam vor „ihrem“ Publikum im Audimax auftreten zu können. Und das mit einer neuen Dirigentin: Jieun Jun, aufgewachsen in der südkoreanischen Mega-Stadt Seoul, hat im Herbst 2021 die Leitung des SSO von Ulrich Manfred Metzger übernommen, der inzwischen die Philipps-Philharmonie Marburg leitet.

Ewig jung ist das SSO seit 1990. Gegründet als studentische Initiative, ist das SSO eine Heimat für Studierende, die in ihrer Kindheit mit Klassik groß geworden sind, über viele Jahre ein Instrument erlernt haben und in diesem Orchester ihrem Hobby nachgehen können. Musikerinnen und Musiker kommen und gehen jedes Semester. Das gehört beim SSO dazu.

Rund 500 Zuhörerinnen und Zuhörer aller Altersgruppen waren ins Audimax gekommen. Jugendliche, Studierende und das ältere Marburger Klassik-Publikum. Weniger als in Vor-Corona-Zeiten, trotzdem: Ein toller Neustart in Pandemie-Zeiten, die wir nach wie vor haben.

Ein sehr ambitioniertes Programm hatten sich Jieun Jun und ihr Orchester vorgenommen: Seit April haben sie gemeinsam Nikolai Rimski-Korsakows (188 – 1908) beschwingte Ouvertüre aus der Oper „The Tsar’s Bride“ (Die Zarenbraut) und als ganz dicken Brocken Anton Bruckners (1824 – 1896) 4. Sinfonie in Es-Dur einstudiert. Nach etwa eineinhalb Stunden stand fest: Prüfung mit Glanz und Gloria bestanden.

Freundlich lächelnd spornt Jieun Jun, die neue Dirigentin des Studenten-Sinfonieorchesters Marburg, die jungen Musikerinnen und Musiker an. Quelle: Thorsten Richter

Sicher – nicht jeder Ton sitzt. Aber das kann man von einem Laien-Orchester angesichts einer knapp 70 Minuten langen Bruckner-Sinfonie auch nicht erwarten. „Die Romantische“, so hat der österreichische Komponist seine Sinfonie betitelt, verlangt von allen Musikerinnen und Musikern die ganze Zeit über höchste Aufmerksamkeit. Bruckners Sinfonien werden in der Regel von Profi-Orchestern gespielt, deren Mitglieder täglich mehrere Stunden proben.

Die Ouvertüre aus der „Zarenbraut“ hatte Jieun Jin geschickt gewählt. Sehr beschwingt und sehr russisch ist die etwa sechs Minuten lange Ouvertüre ideal zum Warmspielen, insbesondere für die guten Streicher des Orchesters, die durchgehend gefordert sind.

Von ganz anderem Kaliber ist die 4. Sinfonie Bruckners, die populärste seiner elf großen Sinfonien. 1874 erschien die erste Fassung, die Bruckner, typisch für ihn, immer wieder überarbeitete. Erratisch, schlingernd ist seine Musik. Mal an die wuchtigen Klanggebilde eines Richard Wagners erinnernd, mal an die Feier einer Jagdgesellschaft, mal an einen Trauermarsch, mal an ländliche Szenen. Der WDR nannte den Spätberufenen, der erst als 40-Jähriger seine 1. Sinfonie fertigstellte, einmal einen „Nerd, der sich seiner Unangepasstheit nicht einmal bewusst zu sein scheint“.

Das SSO hat das Mammutwerk gemeistert. Am Ende gab es langanhaltenden Applaus für ein rundum gelungenes Konzert. Das SSO bedankte sich mit einer Zugabe, traditionell aus dem Genre der Filmmusik: Diesmal war es „How to train dragons“ von John Powell aus dem Trickfilm „Drachenzähmen leicht gemacht“. Sehr schön.

Das SSO wiederholt das Konzert am Samstag (16. Juli) um 18 Uhr im Audimax. Karten kosten 14 Euro, ermäßigt 7 Euro.

Darf man noch russische Komponisten spielen?

Angesichts des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine hat das Studenten-Sinfonieorchester Marburg in seinem Programmheft zu seinen Semesterabschlusskonzerten eine Stellungnahme veröffentlicht, weil es ein Werk des russischen Komponisten Nikolai Rimsky-Korsakow aufführt. Vor wenigen Jahren hätte dies keiner weiteren Erwähnung bedurft, heißt es darin. Durch den Krieg sei dies anders.

Das SSO bedaure den Angriffskrieg und erkläre sich solidarisch mit der Ukraine und den dortigen Menschen. Der Komponist Korsakow sei vor den „Verbrechen des russischen Präsidenten verstorben“. Und weiter: „Das russische Volk und die russische Kultur sind nicht unsere Feinde.“

Das SSO spiele Rimsky-Korsakow, „um zu zeigen, dass Russland eben mehr ist als sein Präsident“. Und um deutlich zu machen, dass Kultur Menschen verbinde.

Von Uwe Badouin