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Marburg Studenten-Protest gegen Islam-Forscherin
Marburg Studenten-Protest gegen Islam-Forscherin
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09:59 05.02.2020
Ein Vortrag der Professorin Susanne Schröter zum „Politischen Islam“ in der Uniblibliothek Marburg sorgt schon im Vorfeld für Kritik von Studenten. Quelle: Schröter/dpa, Richter / Archiv
Marburg

„Wir denken nicht, dass Schröters Vortrag ein sachlicher, wissenschaftlich wertvoller Beitrag zur Thematik sein wird, sondern befürchten, dass der Vortrag von Populismus und rassistischen Pauschalurteilen­ geprägt sein wird“, heißt es in einem Aufruf, den unter anderem der SDS die Linke, der ­Vorstand des Allgemeinen Studierendenausschusses (Asta) und das Autonome Schwulenreferat 
des Asta unterzeichnet haben. 


Die Referentin, 
Leiterin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam, vertrete einen „antimuslimischen Rassismus“. Als Beispiel nennen sie das Buch, aus dem die Ethnologie-Professorin als Teil der Vortragsreihe „Religion am Mittwoch“ vortragen will: „Politischer Islam. Stresstest für Deutschland“.

Anfeindungen im Netz

Die Wissenschaftlerin war die Organisatorin der sogenannten Kopftuch-Konferenz vor einem Jahr in Frankfurt. Die Marburger Studentengruppen werfen der 62-Jährigen Aussagen etwa zum Kopftuch vor: Sie sehe es nach eigenen Angaben als ein „systemisches Symbol für etwas Repressives“, womit sich Schröter „auch gegen die Religionsfreiheit positioniert und Frauen­ das Recht auf Selbstbestimmung verwehrt“.

Und sie pflege Kontakte zu für ihre gesellschaftspolitischen Ansichten umstrittenen­ Personen wie der feministischen Publizistin Alice Schwarzer (Kölner Neujahrsnacht 2016 war muslimisches „Inferno“), der Soziologin 
Necla Kelek („Kopftuchverbot für Minderjährige“) und dem Psychologen Ahmad Mansour („Islam hat Mitverantwortung für zunehmendes religiöses Mobbing an Schulen“). Schröter, Mitbegründerin der „Initiative säkularer Islam“ sah sich deswegen bereits Entlassungsforderungen in sozialen Netzwerken ausgesetzt.

„Fachlich exzellente Forschung zum Islam“

Kurios: Im Gegensatz zum Marburger Asta hat die Studentenvertretung der Uni Frankfurt – der Lehr-Heimat Schröters – angesichts der ähnlich gelagerten Kritik vor einem Jahr die „Gleichsetzung von Islamkritik und Rassismus“ kritisiert.

Schröter, so die Veranstaltungsankündigung der Philipps-Universität gebe in ihrem­ Grundlagenbuch „Einblick in ein komplexes, gesellschaftsrelevantes Thema, um die Entwicklung des politischen Islam sowie Konfliktsituationen richtig einschätzen sowie angemessen argumentieren und handeln zu können“. Damit stehe 
ihre Arbeit „in der Tradition einer fachlich exzellent ausgewiesenen Forschung zum Islam“, wie sie auch von der renommierten Marburger Islam-Professorin Ursula Spuler-Stegemann vertreten werde.

Uni kommentiert Sicherheitsmaßnahmen nicht

Die Uni-Leitung will dem Druck jedenfalls nicht nachgeben, man sei dem Grundsatz der Wissenschaftsfreiheit verpflichtet. „Daher ist ein freier Austausch unter Wissenschaftlern das Grundprinzip“, heißt es auf OP-Anfrage. Zu etwaigen Sicherheitsmaßnahmen – falls es etwa zu einer Demo, Blockade oder Ähnlichem kommt – wollte sich die Uni-Leitung nicht äußern. Schröter selbst war am Dienstag für eine Stellungnahme ­gegenüber der OP nicht erreichbar.

Der Vortrag beginnt am Mittwoch, 5. Februar, um 18 Uhr in der Universitätsbibliothek (Deutschhausstraße 9) .

von Björn Wisker

Erinnerungen an „Causa Kutschera“

Der Kasseler Evolutionsbiologe Professor Ulrich Kutschera hätte im Jahr 2016 einen Vortrag beim „Studium generale“ an der Philipps-Universität halten sollen. Doch wegen seiner kritischen Aussagen zur Genderforschung – unter anderem in seinem Buch „Das Gender-Paradoxon“ – geriert er in die Kritik und wurde sodann von der Uni-Leitung ausgeladen.

Bundesweit entbrannte zuletzt anhand der studentischen Proteste, der Vorlesungs-Blockade gegen Ex-AfD-Chef, Volkswirtschafts-Professor Bernd Lucke an der Uni Hamburg eine grundsätzliche Debatte zur Freiheit von Wissenschaft und Lehre.

Außerdem hat es vergangenes Jahr Proteste von Studenten und Aktivisten gegen Universitäts-Aufritte von FDP-Parteichef Christian Lindner und Ex-Bundesminister Thomas de Maizière gegeben.     

Standpunkt

Viel Meinung für so wenig Ahnung

Wie schon bei den Attacken gegen einen Gender-Kritiker vor drei Jahren sollen laut des Willens einiger Studentengruppen unliebsame Feststellungen – diesmal 
also Islamkritik – weggewischt werden. Dabei müssten vor allem Studenten es ertragen können, geradezu ertragen wollen, dass es Menschen mit anderen Meinungen, anderen Schlussfolgerungen gibt.

Hochschüler sollten den Wert von Vielfalt – die beschränkt sich nämlich nicht nur auf Hautfarben, Kulturen und Sprachen – noch besser gelernt haben als andere. Aber rauszupicken, was einem in das Weltbild passt und anderen in eben jenes passen soll, vereinigt die linke mit der rechten Ideologie-Blase.

Online wie offline, Land auf, Land ab und quer durch die Bevölkerungs- und Bildungsschichten gibt es ein gravierendes Problem mit demokratischer und politischer Bildung. Gelebt wird lieber nach dem Motto: „Sehr viel Meinung für so wenig Ahnung.“

Eine Lösung: Aus der Blase raustreten, einander zuhören, verstehen, austauschen und – lernen. Die Wahrheit, das ist der an Unis vermittelte Geist und Kern akademischer Erkenntnis, hat nämlich niemand exklusiv.

von Björn Wisker