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Marburg Streitthema Behringtunnel
Marburg Streitthema Behringtunnel
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08:58 27.02.2021
Die Kandidaten zur Oberbürgermeisterwahl diskutierten am Donnerstagabend mit OP-Redakteuren.
Die Kandidaten zur Oberbürgermeisterwahl diskutierten am Donnerstagabend mit OP-Redakteuren.  Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Die mehr als 25 Jahre alte Idee des Behringtunnels sieht eine unterirdische Verbindung vom Afföller zum Standort Behringwerke vor. Die CDU hatte die Idee vor gut zwei Jahren erneut ins Spiel gebracht. Kein Wunder also, dass Dirk Bamberger (CDU) mit Nachdruck diese Forderung vertrat. „Behringtunnel jetzt“, sagte er beim OP-Wahltalk.

„Das Wertvollste, was der Mensch hat, ist Zeit – wenn ich mir den Pendler aus Himmelsberg vorstelle, der bei den Behringwerken arbeitet und der in Marburg umsteigen soll auf den ÖPNV, dann wissen wir alle, dass dies nicht attraktiv ist.“ Es werde also Autoverkehr von und zu den Behringwerken überbleiben – das Problem könne durch einen Tunnel gelöst werden. Die CDU fordere die Aufhebung des Denkverbots für dieses Projekt. „Ich will den Verkehr aus dem Nordviertel und dem Marbacher Weg raushaben“, sagte Bamberger.

Selinka fordert Reduktion der Verkehre

Wie Bamberger sprach sich auch Michael Selinka (FDP) für dieses Projekt aus. „Wir brauchen ganz dringend eine Reduktion der Verkehre, und das ist nur über den Behringtunnel möglich. Toll, dass dieser Standort wächst, aber wir brauchen ganz dringend eine Lösung für die Anwohnerinnen und Anwohner.“ Entlastung für Anwohner muss kommen Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD), der gerne für eine zweite Amtszeit gewählt werden möchte, kann nach eigener Aussage gut verstehen, dass die Menschen in der Ketzerbach oder dem Marbacher Weg den Tunnel wollen.

Er berief sich aber auf eine Studie aus den 90er-Jahren, beauftragt von seinem Vor-Vorgänger Dietrich Möller (CDU), nach der der Behringtunnel nichts bringe. Er hatte zuvor umrissen, welche Bemühungen die Stadt unternimmt, um den Autoverkehr von und zu den Behringwerken in den Griff zu bekommen.

Tempo 30 im Marbacher Weg?

„Wir brauchen ein umfassendes Verkehrskonzept für den Verkehr in der Marbach“, sagte Spies. Dazu gehöre Tempo 30 im Marbacher Weg, der Ausbau des ÖPNV-Takts, der Ausbau der Radwegeverbindungen, das Angebot intelligenter Mitfahrmöglichkeiten. „Damit kriegen wir das Problem in den Griff“, sagte Spies, der aber darauf verwies, dass das Land dem Bemühen der Stadt für Tempo 30 in der Elisabethstraße eine Absage erteilt habe. Zudem habe Hessens Verkehrsminister Tarek Al-Wazir schriftlich mitgeteilt, dass er keine Perspektive sehe, den Schwerlastverkehr aus der Ketzerbach und dem Marbacher Weg zu verbannen.
Das erzeugte Widerspruch bei Dirk Bamberger: „Der OB verfällt in seine alten Muster, indem er mit dem Finger auf andere zeigt, das bringt uns aber nicht weiter“, warf er Spies vor. Die Behringfirmen mit ihren perspektivisch 10 000 Beschäftigten seien für Marburg so wichtig, dass die Stadt in der Pflicht stehe, die Verkehrsprobleme zu lösen.

Eintunnelung um Lärmschutz

Andrea Suntheim-Pichler (BfM) lenkte das Augenmerk aufgrund einer Leserfrage, die von OP-Redakteurin Nadine Weigel weitergereicht wurde, auf ein weiteres verkehrspolitisches Großprojekt: Eine Eintunnelung der Stadtautobahn müsse endlich angegangen werden aus Lärmschutz- wie aus Emissionsgründen. Suntheim-Pichler sieht eine Möglichkeit zur Umsetzung, wenn die Hochbrücke am Bahnhof ohnehin saniert werden muss und gesperrt würde. Allerdings löse eine Eintunnelung der B 3 nicht das Lärmproblem, das von der Bahnstrecke verursacht werde.

Bernshausen glaubt nicht an schnelle Entlastung

Nadine Bernshausen (Bündnis 90/Die Grünen) bezweifelte, dass ein Behringtunnel schnelle Entlastung bringen könnte. Ein Kilometer Tunnelbau koste rund 60 Millionen Euro. Sie sprach sich für zukunftsorientierte Lösungen aus, für die es Fördergelder gebe. Eine Seilbahn, lange Zeit ein Lieblingsprojekt der Grünen, forderte Bernshausen auf Nachfrage von OP-Redakteur Björn Wisker nicht explizit.

Michler: Behringtunnel erinnert an Stuttgart 21

Frank Michler (Weiterdenken Marburg) sagte, ein Behringtunnel erinnere ihn an „Stuttgart 21“. Solcherlei Großprojekte gingen nur im Dialog mit dem Bürger. Renate Bastian (Marburger Linke) bezeichnete den Behringtunnel als Projekt, das „aus der Zeit gefallen“ sei, und lehnte ihn strikt ab. Auch Mariele Diehl (Marburger Klimaliste) will den Tunnel nicht. Komfortablere Anfahrtswege zögen mehr Verkehr nach sich, nicht weniger. Das sei mit dem Ziel der Klimaneutralität nicht zu vereinbaren.

Quelle des Wohlstands

Pharmastandort Marburg – zuallererst Quell des Wohlstands der Stadt. Die Arbeitgeber von 6 .000 Männern und Frauen stellen aber die Stadt vor Herausforderungen: Wie soll der Verkehr zukünftig bewältigt werden? Beim OP-Wahltalk zur Oberbürgermeisterwahl stand in diesem Zusammenhang die hoch emotional geführte Debatte um den Behringtunnel im Mittelpunkt. Auch zahlreiche Fragen von Lesern und Nutzern drehten sich um diese Idee.

Im zweiten Teil unserer Berichterstattung vom OP-Wahltalk geht es deswegen um den Behringtunnel. In der kommenden Woche folgen die Debatten um Sicherheit und Ordnung in der Stadt und um Leserfragen.

Von Till Conrad

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