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Marburg Streit ums Seniorenheim
Marburg Streit ums Seniorenheim
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13:00 08.05.2021
Auf dieser Fläche am Rand von Michelbach-Nord soll das Seniorenwohnquartier der DRK-Schwesternschaft Marburg entstehen .
Auf dieser Fläche am Rand von Michelbach-Nord soll das Seniorenwohnquartier der DRK-Schwesternschaft Marburg entstehen . Quelle: Stefan Weisbrod
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Michelbach

Am Anfang stand der Wunsch des Ortsbeirats, in Michelbach „etwas für Seniorinnen und Senioren zu schaffen“, erzählt Iris Richter-Plewka, so sagt es auch Ortsvorsteher Peter Aab. 2013 war es, als es erste Gespräche zwischen der DRK-Schwesternschaft Marburg um deren Oberin Richter-Plewka und dem Ortsbeirat um Aab gab. Seitdem wurde eine bestehende Hofreite unter die Lupe genommen, wurden verschiedene Grundstücke in Betracht gezogen. Inzwischen ist klar: Am Rand des Neubaugebiets, in der Nähe des Kindergartens, soll ein Seniorenwohnquartier mit insgesamt 79 Plätzen für Bewohnerinnen und Bewohner entstehen: 67 in stationärer Pflege, zwölf in einem separaten Gebäude in betreutem Wohnen.

Die Marburger DRK-Schwesternschaft will das Quartier nicht nur betreiben, ihr sollen die Gebäude auch gehören. Anfragen von Investoren habe es gegeben, sie seien abgelehnt worden, berichtet Richter-Plewka. Die erwarteten Kosten: insgesamt rund zwölf Millionen Euro für das gut 5 000 Quadratmeter große Grundstück, für den Bau eines größeren und eines kleineren Gebäudes sowie für die Planung, die schon einmal modifiziert wurde.

Anlieger kritisieren Größe des geplanten Komplexes

Zwischen der Sterzhäuser Straße, die Michelbach-Nord an den alten Ortsteil und die überörtlichen Straßen anbindet, und Wohnhäusern an der Straße Am Waldacker soll gebaut werden – was Anliegern nicht gefällt. „Wir sind nicht dagegen, dass etwas für Senioren entsteht“, betont eine Anliegerin. Es gehe um die Dimension des Gebäudes. Es gehe auch um Gerechtigkeit, wie ein anderer Anwohner sagt: „Wer privat ein Haus gebaut hat, musste sich ganz genau an Regeln halten. Wenn die geplante Dachneigung nicht exakt dem entsprochen hat, was vorgesehen ist, musste neu geplant werden. Aber für das Seniorenheim werden einfach neue Regeln gemacht.“ Gebaut werden soll zweieinhalbgeschossig plus Keller, wie Richter-Plewka im Gespräch mit der OP erläutert. Die Wohnhäuser in diesem Bereich haben zwei, teilweise nur anderthalb Geschosse, also ein Erdgeschoss und ein Dachgeschoss. „Durch das Gefälle kommen wir aber nicht höher als die Häuser in der Nachbarschaft“, sagt die Schwesternschaft-Oberin, die zudem auf Anpassungen der ursprünglichen Pläne verweist: „Wir haben auf Kritik reagiert“, für neue Planungen sei ein fünfstelliger Betrag investiert worden.

Die Hauptzufahrt sei nun über die Sterzhäuser Straße statt über die Straße Am Waldacker vorgesehen, Gebäude seien im neuen Entwurf in Richtung Südwesten versetzt worden, weiter weg von den bestehenden Wohnhäusern. „Die Nachbarn schauen nicht direkt auf Wände, sondern vor allem auf viel Grün.“

Oberin an Streit „absolut nicht interessiert“

Aktuell können die Bewohner der vor etwa vier Jahren errichteten Häuser viele Kilometer weit auf Felder und Berge blicken. Dass das „nicht für immer so bleibt“, sagt eine Frau, sei ihr klar gewesen, aber: „Als uns die Grundstücke verkauft wurden, war die Rede davon, dass dort irgendwann auch Einfamilienhäuser entstehen würden.“ Ein Mann ergänzt: „Zwischen einzelnen Häusern gibt es Gärten, durch die man hindurchschauen kann. Hier soll ein riesiger Riegel entstehen.“ Er kritisiert: „Man hätte für das Seniorenheim einen anderen Standort finden können, man hätte es zum Beispiel bei der Erweiterung des Baugebiets einplanen können.“

An Streit mit den künftigen Nachbarn sei die Schwesternschaft „absolut nicht interessiert“, betont Richter-Plewka. Gern stehe sie für gemeinsame Gespräche bereit, sei für Anregungen, was anders gemacht werden könnte, offen: „Wer möchte, kann gern auf uns zukommen.“ Pläne komplett zu ändern sei aber keine Option: „Wir können jetzt nicht zum Beispiel nur 30, 40 oder 50 Bewohnerplätze machen, dann ließe sich das Ganze nicht wirtschaftlich betreiben.“ Eine Bauvoranfrage sei durch die Stadt positiv beschieden worden, zudem wird derzeit ein vorhabenbezogener Bebauungsplan erstellt, wie Ende Januar von der Stadtverordnetenversammlung beschlossen wurde. „Wir könnten es uns nicht leisten, wenn es Unsicherheiten gibt und wir etwa nach einer Klage einen Baustopp hätten“, sagt Richter-Plewka dazu.

Bewohner könnten in zwei bis drei Jahren einziehen

Einige Anlieger haben sich von einem Anwalt beraten lassen. Ob sie auch rechtliche Mittel ergreifen würden, um den Bau des Seniorenwohnquartiers in der geplanten Form zu verhindern, „werden wir prüfen“, sagt ein Anwohner aus der Straße Am Waldacker gegenüber der OP.

Geht es nach der DRK-Schwesternschaft und Oberin Richter-Plewka, sollen die Gebäude 2023 oder spätestens in der ersten Jahreshälfte 2024 bezogen werden können. Aab, seit 2004 Ortsvorsteher und gerade erst für eine weitere Amtszeit gewählt, hofft, dass es dazu kommt: „In unserem Dorf würde eine Möglichkeit für ältere Menschen geschaffen, die es bei uns bislang nicht gibt, die wir lieber heute als morgen hätten.“

Von Stefan Weisbrod

07.05.2021
07.05.2021