Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Streit um Präsenzlehre an der Uni
Marburg Streit um Präsenzlehre an der Uni
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:58 04.10.2021
Dr. Wolfram Schüffel (links) bei seinem Treffen mit Studierenden am Trimmpfad.
Dr. Wolfram Schüffel (links) bei seinem Treffen mit Studierenden am Trimmpfad. Quelle: Foto: Carsten Beckmann
Anzeige
Marburg

Als sich Wolfram Schüffel zu Beginn des zurückliegenden Sommersemesters mit einigen seiner Studierenden am Trimmpfad auf den Lahnbergen traf, rechnete er noch nicht damit, dass sein Beharren auf Präsenzlehre auch in Corona-Zeiten Konsequenzen haben würde. „Bildungsveranstaltungen müssen stattfinden können, weil ansonsten zu tief in die Grundrechte eingegriffen wird“, war und ist das Credo des ehemaligen Leiters der Klinik für Psychosomatik im Zentrum für Innere Medizin an der Philipps-Universität.

Nach der Vorstellungsrunde im Wald – die Teilnahme war für die Studierenden freiwillig – lief die Wahlpflichtveranstaltung mit dem Titel „Beziehungsmedizin Marburg transgenerationell/transkulturell“ dann tatsächlich im Digitalformat – bis auf den Semesterabschluss, der wiederum im Privatgarten des emeritierten Professors stattfand.

„Erhebliche Irritationen“

Dass seitens der Universität Konsequenzen dann letztlich doch nicht ausblieben, erfuhr Schüffel Mitte September: „Da ich mich also weder darauf verlassen kann, dass eine versprochene digitale Veranstaltung auch tatsächlich digital stattfindet, noch dass eine Präsenzveranstaltung unter Einhaltung der Hygienebedingungen erfolgt, kann ich keiner Zusammenarbeit zustimmen“ hieß es in einem der OP vorliegenden Schreiben aus dem Dekanat des Fachbereichs Humanmedizin und weiter: „Ich möchte Sie bitten, den Studierenden in diesem Wintersemester nicht zu suggerieren, Sie könnten an Ihrem Wahlfach teilnehmen.“

Der Konflikt landete auf dem Schreibtisch von Studiendekanin Professorin Annette Becker, die allerdings zunächst auf dem eingeschlagenen Kurs blieb: Sie nannte im Schriftwechsel mit Schüffel „erhebliche Irritationen, nicht nur meinerseits, sondern auch seitens des Präsidiums.“ Die Abstimmung um die Hygienekonzepte sei extrem schwierig gewesen: „Und schlussendlich haben wir über die Presse erfahren müssen, dass Sie Ihren eigenen Weg gehen.“ (Die OP hatte seinerzeit über Form und Inhalte der Lehrveranstaltung berichtet, Anm. d. Red.)

Mit der Entscheidung der Universität gab sich der streitbare Mediziner nicht zufrieden, sondern legte förmlich Widerspruch ein. „Unser Mandant (...) sieht sich durch eine solche ,Aussetzung’ in seiner Wissenschaftsfreiheit – der Freiheit von Forschung und Lehre (Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG) – beeinträchtigt“, begründet der Berliner Anwalt Professor Niko Härting den Widerspruch. Der Jurist, der Wolfram Schüffel in der Angelegenheit vertritt, setzte der Universität eine Frist bis zum 30. September: Bis zu diesem Ultimatum habe die Universität Marburg „zu bestätigen, dass die Lehrveranstaltung unseres Mandanten im kommenden Wintersemester stattfinden kann“.

Für den Fall, dass die Hochschule bei ihrer Haltung bleibe, werde die Berliner Kanzlei „ohne weitere Vorankündigung einen Eilantrag beim Verwaltungsgericht Gießen“ stellen, um „seinen Rechtsanspruch gemäß § 61 Abs. 9 Satz 1 HSchuIG HE durchzusetzen.“ Der zitierte Paragraf des Hessischen Hochschulgesetzes besagt, dass Professorinnen und Professoren nach dem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst die mit der Lehrbefugnis verbundenen Rechte zur Abhaltung von Lehrveranstaltungen zustehen. „Daher hat auch unser Mandant einen Anspruch auf Abhaltung der beabsichtigten Lehrveranstaltung“, argumentiert der Anwalt.

Nur ein Pyrrhus-Sieg?

In der vergangenen Woche setzte sich die Kanzlei schließlich mit dem Präsidialamt der Philipps-Universität in Verbindung. Nach Informationen der OP wurde in diesem Gespräch signalisiert, Schüffels Lehrveranstaltung im Wintersemester letztlich doch zuzulassen.

Christina Mühlenkamp von der Uni-Pressestelle kommentierte eine entsprechende OP-Anfrage in der vergangenen Woche so: „Es laufen Gespräche zwischen Herrn Professor Schüffel, dem Fachbereich Medizin und der Universitätsverwaltung. Wir sind zuversichtlich, dass eine Einigung erzielt werden kann.“

Das klingt nach einem Erfolg für Schüffel, könnte allerdings auch lediglich ein Pyrrhus-Sieg sein, denn: „Bisher habe ich keine Anmeldungen für das Seminar“, sagt der emeritierte Mediziner. Grund: Im Vorlesungsverzeichnis tauchte die Veranstaltung nicht auf.

Dr. Wolfram Schüffel hofft jetzt darauf, dass sein Seminarangebot möglichst schnell publik gemacht wird – damit auch die mittlerweile 33. Veranstaltung dieser Art zumindest digital „vor Publikum“ stattfindet. Er selbst werde seine bisherigen Studierenden und die an der Veranstaltung ebenfalls seit langem teilnehmenden Seniorinnen und Senioren über seine Internetseite informieren, so der Mediziner, der am Freitag im Gespräch mit der OP auch sagte: „Ich finde es bemerkenswert, dass drei Anrufe eines Anwalts dafür sorgen, dass das Präsidialamt klein beigibt in einer Angelegenheit, die Grundrechte berührt.“

Christina Mühlenkamp von der Uni-Pressestelle bekräftigte in diesem Zusammenhang abschließend: „Präsenzlehre hat an der Universität Marburg höchste Priorität – Forschung und Lehre leben von persönlichen Begegnungen und dem Austausch.“

Zum Schutz vor einer Corona-Infektion und zur Aufrechterhaltung eines erfolgreichen Forschungs- und Lehrbetriebs sei es aber sehr wichtig, dass sich alle an die bestehenden Vorgaben halten: „Hier nehmen wir einen großen Konsens unter den Mitgliedern der Philipps-Universität wahr“, heißt es aus der Pressestelle – weitere, ähnlich gelagerte Konflikte seien nicht bekannt.

Von Carsten Beckmann