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Marburg Kleines Dorf – großer Konflikt
Marburg Kleines Dorf – großer Konflikt
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19:00 23.11.2019
Dagobertshausen von oben: Im Vordergrund die Reitanlage, im Hintergrund der alte Ortskern mit Kultur und Eventscheune sowie die ursprüngliche Wohnbebauung. Quelle: Archivfoto: Karl Krantz
Marburg

Beteiligt an dem Streit sind Dorfbewohner, die Stadt Marburg und die Familie Pohl. Streitpunkt ist die Event- und Kulturscheune Dagobertshausen, die seit einigen Jahren ergänzt wird durch eine Reitsportanlage und Parkplätze am Ortsrand.

80.000 Besucherinnen und Besucher sollen die Einrichtungen im Jahr 2018 ins kleine Dagobertshausen gelockt haben, „weniger als die Hälfte“ schätzt dagegen Michael Hamann, der Geschäftsführer der Vila Vita Gastronomie & Handels GmbH.

Zum ersten Mal eskalierte der Streit zwischen der Vila Vita Gastronomie & Handels GmbH und Bewohnern aus dem Dorf im Sommer 2018, als sich Anlieger über „unzumutbare Lärmbelästigung“ bei Veranstaltungen in der Kultur- und Eventscheune oder auf der Reitsportanlage beschwerten.

Stadtteilinitiative "Leben und Wohnen in Dago" 

Seitdem werden Lärmemissionen gelegentlich durch das Ordnungsamt gemessen, seitdem ist das Tischtuch zwischen Vila Vita und Anwohnern, die sich in einer Stadtteil­initiative „Leben und Wohnen in Dago“ organisiert haben, zerschnitten.

Beide Seiten werfen sich gegenseitig vor, an einem Dialog nicht interessiert zu sein. „Die uns bekannte Kommunikation läuft überwiegend zwischen unterschiedlichen Vertretern/Geschäftsführern des Hofguts bzw. der Reitsportanlage (Eigentümer: Familie Pohl) und dem Ortsbeirat sowie bei Beschwerdesituationen mit einzelnen Bürgerinnen und Bürgern“, verrät Ute Göbel-Lehnert für die Stadtteilinitiative.

VilaVita-Geschäftsführer Hamann sagt, dass er immer zu Gesprächen bereit sei – „aber ich lasse mich nicht beschimpfen oder beleidigen“. Versuche, mittels eines Grillfests oder anderen Aktivitäten für gute Nachbarschaft zu sorgen, seien gescheitert.

Investor: "Wir machen nichts Ungesetzliches"

Neuen Zündstoff gibt es, seitdem Anfang Oktober ein Bauantrag für den alten Mengels Hof, direkt gegenüber der Event- und Kulturscheune im Dorfzentrum, gestellt ist. Dort soll ein Hotel mit 28 Zimmern, Frühstücks- und Tagungsräumen entstehen. Der Ortsbeirat hat den Bauantrag in einer öffentlichen Sitzung abgelehnt, hat aber in dieser Frage lediglich eine beratende Stimme.

Ein Bauantrag wird von der Bauaufsicht der Stadt Marburg im Rahmen bestehender Bebauungspläne bearbeitet und entschieden, erläutert die Pressesprecherin der Stadt Marburg, Birgit Heimrich. Er sei mit der Einreichung des vollständigen Antrags bei der Bauaufsicht im Verfahren.

„Die Bauaufsicht beteiligt nach Antragstellung, Prüfung der Vollständigkeit und erfolgtem Eingang aller nachzureichender Unterlagen je nach Objekt mehrere Fachdienste der Stadt wie zum Beispiel Stadtplanung, Untere Naturschutzbehörde, Tiefbau, Denkmalschutz sowie externe Fachbehörden.“ Über die baurechtliche Zulässigkeit im Rahmen der Bauleitplanung entscheidet generell die Bauaufsichtsbehörde, nicht Stadtparlament oder der Magistrat.

„Wir machen nichts Ungesetzliches“, sagt Hamann. „Können wir uns auch gar nicht erlauben – erst recht nicht, weil alle Vorhaben aus dem Umfeld der Familie Pohl und der DVAG besonders kritisch beäugt werden.“ Zudem wirft er der Initiative vor, mit falschen Zahlen zu argumentieren.

Anwohner greifen den Strukturwandel an

Man dürfe nicht einfach die Zahl der Plätze in dem geplanten Hotel zusammenzählen und daraus auf die zusätzliche Belastung des Dorfes schließen, wie es die Initiative macht: „Entweder schlafen unsere Gäste, oder sie essen, oder sie sitzen zusammen – alles gleichzeitig geht nicht.“

Es geht aber im Kern nicht nur um den Vorwurf der Lärmbelästigung oder um die Verstopfung der Ortsstraßen durch Veranstaltungbesucher. Vertreter der Anwohner greifen den Strukturwandel an, den das Dorf schon durchgemacht habe. Das alte Dorfleben sei wegen der „Freizeit- und Eventindustrie“ nicht mehr dasselbe. Sie fordern den Ortsbeirat nun auf, „weitere wirksame Schritte zur Abwendung des Planungsvorhabens gegen die Besitzer und Betreiber der örtlichen Gewerbebetriebe zu unternehmen.“ In zahlreichen Schreiben an die Stadt hat die Stadtteilinitiative nach eigener Auskunft ihre Bedenken geäußert – ohne Erfolg.

OB Dr. Thomas Spies (SPD) ist erstaunt über den Vorwurf, der Magistrat beantworte keine Briefe oder Mails aus Dagobertshausen. Es habe mit den Anwohnern in Dagobertshausen im Lauf des vergangenen Jahres und auch dieses Jahr mehrere Kontakte – sowohl schriftlich als auch im persönlichen Gespräch – gegeben. So habe Spies zusammen mit Vertretern mehrerer Fachdienste etwa Ende Oktober 2018 ein ausführliches persönliches Gespräch mit den Anwohnern geführt.

Anwohner: "Stadt will uns für dumm verkaufen"

Das Thema Lärm war zum Beispiel auch Gegenstand einer weiteren Mail an die Adresse von Spies im Juni 2019 unter der Überschrift „Lärmbelästigung in Dagobertshausen am 22.06.2019 / 23.06.2019…“. Auch darauf habe Spies dem Anwohner per Mail geantwortet, teilte die Pressestelle mit.

Neben diesen persönlichen Gesprächen und direkten Antworten auf Mails liege der Stadtverwaltung noch eine Anfrage von „komplexerem Charakter“ durch einen Rechtsanwalt vor, deren Bearbeitung noch andauert. Die Initiative hat ebendiesen Rechtsanwalt eingeschaltet, der die Stadt nun auffordert, die Rechtmäßigkeit der gegenwärtigen Situation zu überprüfen.

Er rät der Initiative zu einer „Untätigkeitsklage“ gegen die Stadt, weil die die Eingaben von Bürgern nicht beantworte. „Die Stadt will uns für dumm verkaufen!“, schimpft ein Anwohner bei einer Zusammenkunft der Initiative.
Unterstützung erhält die Initiative von einigen Anwohnern aus dem benachbarten Elnhausen, die Erfahrung mit Bürgerprotest haben: Sie arbeiten in der BI „Allnatalweg Stopp!“ mit.

Einer der Ratschläge: Das Bauvorhaben „Mengels Hof“ soll mit auf die Vorhabenliste des Beteiligungsbeirates. Ein anderer: Vernetzung. Anders formuliert: Die Dagobertshäuser sollten Kontakt aufnehmen mit der Initiative „Afföller retten!“, die gegen die geplante Bebauung des Afföllerparkplatzes durch die Pohl-Stiftung MPG kämpft. Kenner der Szene bezweifeln aber, dass die Dagobertshäuser Bürger und die eher links-alternativ eingestellte Initiative „Afföller retten“ ausreichend Gemeinsamkeiten finden, um tatsächlich zusammenzuarbeiten.

von Till Conrad