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Marburg Versteckte Schablonen-Kunst
Marburg Versteckte Schablonen-Kunst
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16:59 04.07.2020
Kunstvolle Graffiti des Kölner Künstlers Tim Osegge zieren Wände in Marburg. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Fast ein bisschen unscheinbar sind die beiden Kinder unter der Brücke am Bahnhof. Er trägt T-Shirt und Hose in hellblau, sie ein pinkes Kleid. Beide tragen einen Mund-Nasen-Schutz, halten sich an der Hand, er reicht ihr eine rote Rose.

Wenn man sie sieht, könnte man fast etwas neidisch werden – sie wirken so unbeschwert. Ja genau, Unbeschwertheit drückt dieses Bild aus, gerade in diesen seltsamen Zeiten.

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Der Street-Art-Künstler „seiLeise“, alias Tim Ossege, hat sein Paste-up vor ein paar Tagen in Marburg an die graue Mauer geklebt, direkt neben einem Kaugummi-Automaten. Der Kölner war dienstlich in der Universitätsstadt und wollte nicht ohne seine Kunst zu veröffentlichen wieder abreisen.

„Bei der Suche nach Orten für meine Kunst entdecke ich die Städte“, erzählt er am OP-Telefon. „Ich habe schon ein richtiges Radar dafür entwickelt“, ergänzt er lachend. Der B3-Brückenpfeiler war für ihn prädestiniert für sein Motiv „Freundschaft“. „Zusammen mit dem Automaten wirkte der Ort sehr lebendig.“

Dieses Paste-up hängt an der Ecke der Lahnstraße zum Fuß- und Radweg an der Lahn. Foto: Thorsten Richter

Er ist einer von nur sehr wenigen Künstlern, die die Stencil-Technik für seine Paste-ups verwenden. Das Motiv entsteht mithilfe von mehreren Schablonen, für jede Farbe eine. Manchmal benötigt Tim Ossege zehn Stück. „Ich spraye dann zuhause. Das ist bequemer und weniger gefährlich. Vor allem bin ich dann auch vor Ort flexibler und schneller.“ Denn nachdem er den für ihn richtigen Ort gefunden hat, holt er das besprayte Plakat aus seinem Koffer, kleistert es ein und klebt es an die Wand.

Deswegen auch der Name Paste-up – ein mit Kleister oder Leim aufgezogenes Plakat. „Dann fällt das unter wildes Plakatieren und ist keine Straftat.“ Manche seiner Werke halten nur wenige Tage bis Wochen, manche kleben auch nach Jahren noch an den grauen Wänden.

„Wenn ich sie angebracht habe, dann entlasse ich sie in die Öffentlichkeit. Was mit ihnen passiert, darauf habe ich keinen Einfluss mehr“, sagt Tim Ossege, für den sein Künstlername übrigens auch eine Mahnung an ihn selbst und eine Empfehlung an laute Menschen ist. Er selbst liebt es, sich im Schatten der Großstadt auf leisen Sohlen zu bewegen. „Ich schätze und suche die Aufmerksamkeit anderer nicht, während ich Kunst praktiziere“, hat er mal in einem Interview gesagt.

Themen, die uns Menschen bewegen

Und wie kommt er auf seine Motive? „Ich arbeite viel mit Kinder-Motiven. Sie sind so unschuldig, müssen mit der Welt leben, wie wir sie geschaffen haben. Und es sind Themen, die uns Menschen bewegen, kulturell und auch gesellschaftlich. So wie gerade jetzt die Corona-Pandemie“, erklärt er. Denn auch die Protagonisten seines zweite Plakates, das übrigens an der Rampe zum Lahnparkplatz in der Nähe von der Elisabethbrücke klebt, tragen einen Mund-Nasen-Schutz.

Es ist die Adaption eines bekannten Motivs aus der Nachkriegszeit – ein Matrose küsst eine Krankenschwester. „Ich habe es einfach umgebaut in die Corona-Thematik.“ Ob noch weitere Motive nach Marburg kommen, konnte er nicht versprechen. Aber dass er die Stadt und die Region mal mit dem Fahrrad erkunden wird, das steht schon fest.

Von Katja Peters