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Marburg Störchen reicht Südhessen als Quartier
Marburg Störchen reicht Südhessen als Quartier
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09:58 08.01.2021
„Daheimbleiber“: Zwei Störche im Feld zwischen Niederwetter und Wetter im Januar 2020.
„Daheimbleiber“: Zwei Störche im Feld zwischen Niederwetter und Wetter im Januar 2020. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Marburg

Eine Momentaufnahme aus einem Garten: Vorgestern saß sie noch da zwischen den Meisen und Spatzen und pickte am Apfel. Gestern wurde die Amsel Opfer eines tödlichen Angriffs aus der Luft. Auf der Bank unter der Linde liegen noch Federn, dort wurde sie vertilgt.

Ja, Vogelfutter-Plätze im heimischen Garten sind nicht immer nur schön zu beobachten, dort kann man mitunter auch Charles Darwins berühmte Evolutionstheorie „Survival of the Fittest“ in seiner natürlichen Anwendung miterleben. Die Amsel hatte keine Chance. Der Winterfutterplatz wird trotz seiner geschützten Lage mehr und mehr auch von Greifvögeln als Jagdrevier entdeckt. Obgleich die kleinen flinken Meisen und Spatzen höllisch gut aufpassen und sich schnell in die nahen Büsche zurückziehen, kommt es immer wieder zu Angriffen.

Es scheint vorzugsweise die Amseln zu treffen. Ob das Auswirkungen auf die Gesamtpopulation hat? Das kann sich nachweisen lassen, denn der Naturschutzbund Deutschland ruft wieder dazu auf, vom 8. bis 10. Januar bei der Aktion „Stunde der Wintervögel“ mitzumachen und aufzulisten, welche Vögel sich konkret innerhalb einer Stunde im Garten, am Futterhäuschen einfinden, auf dem Balkon oder auch im städtischen Park herumtollen. „Ganz einfach durch eine Stunde Beobachtung kann jeder mithelfen, eine detaillierte Momentaufnahme der Vogelwelt in unseren Städten und Dörfern zu ermöglichen“, so Gerhard Eppler, Landesvorsitzender des Nabu Hessen. Experten des Nabu konnten anhand der langjährigen Zählung nachweisen, dass die winterlichen Vogelzahlen in den Gärten stark von der Witterung abhängen.

In kalten und schneereichen Wintern kommen in der Regel deutlich mehr Vögel in die Nähe der Menschen, auch klassische Waldvögel. Die lange Reihe zunehmend milder Winter führte zuletzt zu sinkenden Wintervogelzahlen. In diesem Jahr warten die Vogelexperten zudem mit Spannung auf die Ergebnisse zu den Blaumeisen. Diese hatten im Frühjahr 2020 erheblich unter einer vom Bakterium Suttonella ornithocola ausgelöste Epidemie, dem sogenannten Meisensterben, gelitten. Üblicherweise belegt die Blaumeise bei der Stunde der Wintervögel den dritten Platz. Bei der letzten großen Wintervogelzählung im Januar 2020 beteiligten sich in Hessen über 10 600 Menschen. Insgesamt gingen Meldungen aus mehr als 7480 Gärten und Parks mit 277 000 gezählten Vögeln ein. Bundesweit erreichte die Vogelzahl über 3,6 Millionen.

Büttelborn ist beliebtes Quartier

Übrigens: Wer aufmerksam durch den Landkreis fährt, sieht mitunter Vögel, von denen man eigentlich denkt, dass sie weit im Süden sein müssten. Spanien oder gar Afrika. Weit gefehlt. Manche bleiben einfach hier oder pendeln gar zwischen ihrem Winterquartier und Sommerlager. Wie das? Nun, unter Süden verstehen einige unserer Störche aus dem Landkreis bereits Büttelborn im Landkreis Groß-Gerau. Winfried Kräling, der immer ein Auge auf die hier lebenden Storche hat, weiß auch wieso das so ist: „Generell macht Störchen die Witterung nicht so viel aus. Hauptsache das Nahrungsangebot stimmt.“ Und bei Büttelborn stimmt es. Es gibt dort Feuchtgebiete und eine Mülldeponie. Da gibt es in milden Wintermonaten ausreichend Nahrung. Zwischen sechs und zwölf Störche verzichten dafür auf längere Flugreisen. Ein Tier scheint offensichtlich zwischen Büttelborn und Ebsdorfergrund zu pendeln.

Störche, die noch bis zum 4. Dezember bei Niederwetter zu sehen waren, haben sich auch nur bis Südhessen „abgesetzt“. Das könnte dazu führen, dass die Nester schon sehr früh wieder besetzt werden. Jedenfalls haben die, die wirklich nach Südeuropa geflogen sind, da schon einen Anreise-Nachteil. Und ja, ein beringter Storch aus diesen Breitengraden ist zum wiederholten Mal nach Madrid geflogen, um dort den Winter zu verbringen.

Woher kommen diese Unterschiede im Verhalten? Kräling führt dies auf unterschiedlich ausgeprägte Triebe zurück. Bei den jetzigen Störchen handele es sich um Nachfahren von Störchen, die etwa im Elsass groß wurden, in Volieren, die dann auf der Suche nach neuen Quartieren wieder nordwärts zogen und in Deutschland fündig wurden. Tiere in der vierten oder fünften Folgegeneration können deshalb sehr unterschiedlich auf den Wegflug reagieren. Die einen machen es, anderen reicht Büttelborn. Für die Population hier wohl ein Gewinn. Dass die Störche im vergangenen Jahrhundert aus dieser Gegend verschwanden, hatte auch etwas damit zu tun, dass einfach zu viele nicht mehr von der langen Reise zurückkehrten, insbesondere, wenn der Flug noch bis nach Afrika ging, wo die Tiere dann zu große Hitze und Trockenheit vorfanden, statt Nässe und Nahrung.

Die Beobachtungen während der „Stunde der Wintervögel“ können unter www.nabu.de/onlinemeldung bis zum 18. Januar gemeldet werden. Zudem ist für telefonische Meldungen am 9. und 10. Januar jeweils von 10 bis 18 Uhr die kostenlose Rufnummer 0800 1157 115 geschaltet. Auch über die Nabu-App „Vogelwelt“ (Download unter www.nabu.de/vogelwelt) kann gemeldet werden.

Von Götz Schaub

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