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Marburg Sterbende wissen die Besuche zu schätzen
Marburg Sterbende wissen die Besuche zu schätzen
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21:00 12.03.2022
Ursula Lorch und Peter Nau besuchen als ehrenamtliche Mitarbeiter des ambulanten Hospizes der Johanniter Unfallhilfe sterbende Menschen, die weiterhin in ihrem Zuhause wohnen.
Ursula Lorch und Peter Nau besuchen als ehrenamtliche Mitarbeiter des ambulanten Hospizes der Johanniter Unfallhilfe sterbende Menschen, die weiterhin in ihrem Zuhause wohnen. Quelle: Götz Schaub
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Marburg

Ursula Lorch aus Speckswinkel und Peter Nau aus Moischt sind aktive Sterbebegleiter aus dem „Pool“ an ehrenamtlichen Mitarbeitern bei den Johannitern.

„Als mein beruflicher Ruhestand vor acht Jahren bevorstand, habe ich mich gefragt, wie ich meinen neuen Zeitüberschuss ausfüllen kann“, sagt Peter Nau. Er habe zwar Hobbys und auch einen Garten zu pflegen, aber das erschien ihm nicht wirklich ausreichend. Er wollte sich im sozialen Bereich einbringen, etwas „Sinnvolles leisten“. Tatsächlich sah er zu dieser Zeit in der Oberhessischen Presse eine Anzeige, dass noch Menschen gesucht werden, an einem Ausbildungskurs für den ambulanten Hospizdienst teilzunehmen. „Das war dann der Auslöser“, sagt er. Nach der Ausbildung, die 100 Unterrichtseinheiten umfasst, war es dann irgendwann so weit, dass er die erste Betreuungsperson kennenlernen sollte, die er noch eine Zeit lang begleiten sollte.

„Am Anfang war die Prognose, dass es nicht so lange sein würde“, erinnert er sich. Und dann kam alles ganz anders. Der erste Einsatz wurde gleich ein außergewöhnlicher. „Denn der Mann erholte sich überraschend, und so wurden es im Ganzen vier Jahre.“ Eine Zeitspanne, die in einer Begleitung eher selten vorkommt. „Ich habe sie genossen. Im Nachhinein kann ich sagen, dass es eine sehr schöne Zeit war, die ich erleben durfte.“

Plötzlich noch Zeit für eine Freundschaft

Die beiden Männer verstanden sich sehr gut, Nau ließ sich ganz auf sein Gegenüber ein. Als er sich zwischenzeitlich erholte, konnten sie auch kleine Ausflüge unternehmen, sich in der Natur aufhalten. Und auch die gemeinsame Zeit bei ihm auf der Terrasse, als sie einfach nur die Natur genossen, empfand Nau als intensiv und sehr schön. Nau lernte schon sehr früh, dass der Tod auch früh kommen kann. Zuhause waren sie sechs Geschwister, von denen drei in relativ kurzer Zeit verstarben. Für ihn zählt, die zeit des Lebens auszunutzen.

Und er freute sich, die Ehefrau seines Schützlings stundenweise zu entlasten, denn sie war eigentlich rund um die Uhr für ihren Mann da. Absolut stark fand er dann das zusammen eingefädelte Vorhaben, der Frau einen längeren Kuraufenthalt zu schenken, indem ihr Mann sich im Gegenzug in eine Kurzzeitpflege begab.

Die lange Zeit, in der er bei dem Ehepaar war, hinterließ Spuren. „Ich habe noch heute Kontakt zur Ehefrau. Sie freut sich immer, wenn ich mal vorbeikomme.“ Naus zweite Begleitung gestaltete sich sehr kurz. Schon nach dem dritten Treffen verstarb die Person. Gerne hätte er auch dieser Person mehr Aufmerksamkeit geschenkt. „Viele entscheiden sich einfach erst viel zu spät für eine Begleitung dieser Art. Wir kommen auch schon, wenn es dem Patienten noch relativ gut geht, wenn er sich unterhalten kann, alles noch bewusst aufnimmt“, sagt Nau.

„Hier sind alle Familienmitglieder gefragt, die in eine solche Situation kommen. Wir als Johanniter können diese Möglichkeit der Unterstützung nur eröffnen.“ Die Gespräche sind für die Patienten eine tolle Abwechslung, weil man mit einem Außenstehenden einfach mal andere Themen ansprechen kann, vielleicht auch noch mal Input bekommt, aber auch über Dinge reden kann, die einen lang begleitet haben. „Ich höre gerne zu, aber es gibt auch so viele Ansatzpunkte, Verbindungen zu finden, die das Gespräch richtig toll für beide Seiten machen.“

Ursula Lorch weiß das Leben sehr zu schätzen. Anfang des neuen Jahrtausends erkrankte sie, machte eine schwere Zeit durch, wusste nicht, ob das alles noch mal was wird. Nach 2006 ging es dann wieder aufwärts, sie war zurück im „prallen Leben“. Ihre gemachten Erfahrungen ließen sie aktiv werden. In der schweren Zeit hatte sie sich mit drei weiteren kranken Frauen angefreundet. Sie sprachen sich gegenseitig Mut zu und trösteten sich. Sie wusste, dass Menschen in solchen Situationen dankbar sind, mit Menschen zusammenzukommen, die einfach mal nur da sind.

24 Menschen begleitet – „War in allen Fällen gut“

Seit 2009 hat sie nun 24 Menschen im ambulanten Hospizdienst begleitet. Sie ist überzeugt, dass es in allen Fällen gut war. In einem Fall entwickelte sich ihr Besuch zum richtigen Zeitpunkt für einen Menschen zu gehen. „Es war die kürzeste Begleitung, die ich bisher erlebt habe. Man konnte schon nicht mehr mit dem Mann sprechen.“ Er hatte einen Hund, der Ursula Lorch ungewöhnlich schnell als Freundin akzeptierte. Als sie zusammen mit der Ehefrau des Mannes an seinem Bett saß, zeigte die Ehefrau Fotos von einer vergangenen Familienfeier, bei der ihr Mann noch gesund gewesen war. Der Hund lag irgendwo im Zimmer. Die Ehefrau zeigte Lorch nicht nur die Fotos, sondern sprach dabei auch dankbar und glücklich über diese Zeit. „Da kam plötzlich der Hund auf mich zu und legte seinen Kopf auf meinen Oberschenkel. Der Mann, sein Herrchen, war in diesem Moment gegangen.“

Es sei so wichtig, sich auf die Menschen, auch auf die Angehörigen einzulassen, sie erzählen zu lassen, sie möglicherweise noch in einem letzten Vorhaben zu unterstützen. „Einmal wurde unter den möglichen Begleitern herumgefragt, wer denn nähen könne. Da habe ich mich gemeldet“, erzählt Lorch von einer weiteren besonderen Begegnung. Denn sie traf dabei völlig unerwartet auf eine jener Frauen, mit denen sie sich in Zeiten ihrer eigenen Krankheit angefreundet hatte.

Natürlich war das für sie ein ganz besonderes und sehr emotionales Wiedersehen und auch eine ganz besondere Begleitung. „Wir konnten alles machen, über die Krankheit schimpfen, aber auch noch miteinander lachen. Sie hatte sich noch vorgenommen, für ihre Familie zu Weihnachten Eulenkissen zu nähen. Als sie selbst nicht mehr nähen konnte, habe ich alles noch fertig gemacht. Dann hat sie sich verabschiedet“, erzählt Lorch. Die Zeit mit dieser Frau wird ihr für immer in Erinnerung bleiben. Wenn sie eine Begleitung beginnt, hat sie für sich selbst keine Ziele, außer sich auf den für sie noch fremden Menschen einzulassen. Das gehe besser und im Endeffekt sogar leichter, als man allgemein annehme. Manchmal sei man auch eine gewinnbringende, vermittelnde Person zwischen Partnern oder Angehörigen.

Diese Erfahrung haben beide schon gemacht. Angehörige sind durchaus auch froh, „Dinge“ mit anderen Menschen besprechen zu können, um selbst einen klareren Blick zu gewinnen. Nau und Lorch finden es sehr gut, dass es nach jeder Begleitung auch noch einmal ein Feedback gibt, ein Austausch mit den Koordinatorinnen der Johanniter. Sie seien ebenfalls zur Stelle, wenn sich irgendwie eine Situation belastend entwickelt. Niemand muss da alleine durchkommen. Schön seien auch immer die Treffen mit anderen Begleitern. Daraus sind schon einige private Kontakte und Freundschaften entstanden.

„Es ist ein Geben und Nehmen“

Nau resümiert: „Meine Entscheidung, mich auf diese Weise für andere Menschen zu engagieren, war richtig. Die gemachten Erfahrungen haben mir eine innere Zufriedenheit gegeben, es ist eigentlich nicht zu beschreiben, aber es fühlt sich gut an.“

Lorch sagt nach all ihren gemachten Erfahrungen: „Es ist ein Geben und Nehmen. Die Menschen, die wir begleiten, können auch uns so viel geben, unser Leben in jeder Hinsicht bereichern. Es geht nicht darum, auf den Tod zu warten, sondern die Zeit davor zu nutzen.“ Sie achtet am Ende einer Begleitung auch immer auf einen persönlichen Abschluss, sofern es möglich ist. Die Menschen, die sich dann aus dem Leben verabschieden, wissen das auch sehr zu schätzen.

Der nächste Vorbereitungskurs zur ehrenamtlichen Mitarbeit in der Hospizarbeit ist bereits geplant. Er findet statt von Mittwoch, 11. Mai, bis 12. Oktober 2022. Weitere Informationen dazu gibt es bei den Koordinatorinnen der Hospizarbeit unter Telefon 0 64 21 / 96 56 26.

Von Götz Schaub