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Marburg Vorplatz soll nicht angetastet werden
Marburg Vorplatz soll nicht angetastet werden
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00:25 11.05.2019
Für die einen Schmuckstück, für die anderen Verkehrshindernis: Die Funktion des seit Jahren für Autos gesperrten Bahnhofsvorplatz soll laut CDU auf den Prüfstand.  Quelle: Tobias Hirsch
Marburg

„Eine Teilöffnung verschärft die Verkehrsprobleme weiter und zieht den Busverkehr noch stärker in Mitleidenschaft“, sagt Marco Nezi, Grünen-Stadtverordneter auf OP-Anfrage. Aufenthaltsqualität und Sicherheit von Fußgängern und Radfahrern „werden leiden, wenn Autos dort wieder verkehren dürfen.“

Die Staus, Lärm- und Abgasemissionen in der Nordstadt seien zwar „ein enormes Ärgernis“ und die Verkehrsprobleme „groß“, heißt es sowohl von Grünen-Fraktionschefin Dr. Elke Neuwohner als auch Parteichef Christian Schmidt, jedoch maßgeblich auf die Sperrung der Weidenhäuser Brücke zurückzuführen.

Gerade weil ZIMT-Regierung und Magistrat die Verkehrsberuhigung in der Elisabethstraße stets mit Verweis auf die Brückensperrung ablehnen, dürften nun keine „unsinnigen Schnellschüsse“ verfolgt werden.

Auch für die Linke ist der Vorstoß ein „Torpedierungsversuch­ und eine Kampfansage gegen jegliche Entlastung der Elisabethstraße“, wie Verkehrspolitiker Henning Köster sagt. Statt Teilöffnung des Bahnhofsvorplatzes müsse die Zusage, dass das vom Magistrat zugesagte­ Befahren der Elisabethstraße in Gegenrichtung in Richtung Bahnhofstraße für Radfahrer eingeführt werde.

Lärmgeplagte­ ­Anwohner, Schadstoffbelastung und Radfahrer sowie Fußgänger interessierten eine „rückwärtsgewandte Partei, die sich nur dem Motto freie Fahrt für freie Bürger im Auto verpflichtet fühlt“, offenbar nicht.

Der Bahnhofsvorplatz sei durch seine Umbauten für durchfließenden Autoverkehr „baulich gänzlich ungeeignet und würde­ viele Fußgänger und Radfahrer einschränken“, sagt Hanke Bokelmann, FDP-Stadtverordneter. So lange keine zweite Spur stadteinwärts am entscheidenden Nadelöhr Bahnhofstraße/Robert-Koch-Straße entstehe, „braucht es keine Änderungen vor dem Hauptbahnhof“.

Die Rückkehr zur Alt-Regelung an der Bahnhofstraßen-Kreuzung begrüßen die Liberalen. „Man braucht eine vollständige Rückabwicklung, keine Teillösung“, sagt Christoph Ditschler, Parteichef mit Verweis auf einen entsprechenden Antrag seiner Fraktion vor mehr als zwei Jahren. Ein Vorstoß, der eine Wiederherstellung der Verkehrsregelung vor dem Verkehrsversuch forderte und damals von allen – auch der CDU-Fraktion – abgelehnt wurde. „Politische Vergesslichkeit oder keine Rücksichtnahme mehr auf OB und die trudelnde­ SPD?“ Die Menschen hätten ­jedenfalls „lange genug im politisch gewollten Stau gestanden“.

Vorplatz-Teilöffnung laut 
SPD „nicht zielführend“

Der CDU-Vorstoß, dass eine­ Teilöffnung „kein Tabu sein darf“ (Parteichef Dirk Bamberger),­ ­hatte sich länger angekündigt. Bereits Ende 2016, bevor die Konservativen Teil der ZIMT-Regierung mit SPD und BfM wurden, forderten Stadtverordnete „massive Eingriffe in die Ursprungsplanung“ des Bahnhofsvorplatzes, da dessen Vollsperrung ein „Todesstoß für den Verkehrsfluss“ in der Nordstadt sei (OP berichtete).

Speziell Geschäftsleuten und Behringwerke-Mitarbeitern sei es im Zuge der einst als Verkehrsversuchs bezeichneten Reform „immer schwerer gemacht worden“. An dieser Stelle Veränderungen vorzunehmen, statt der ehemals vier 
eine oder zwei Fahrspuren für Autos und Radfahrer zu öffnen, könne der „entscheidende Punkt zu stadtweiten Verbesserungen sein“, hieß es damals und heißt es heute.

Dem nun formulierten Vorschlag, die Robert-Koch-Straße wieder als Einbahnstraße auszuweisen, erteilte die CDU seinerzeit jedoch damals mit Verweis auf den wachsenden Campus Firmanei noch eine Absage: „Alles auf null drehen, funktioniert nicht mehr. Die Gesamtsituation hat sich verändert, die Stadt ist nunmal umgebaut worden und wird weiter umgebaut.“

Stadtregierungsmitglied BfM bezeichnen eine Teilöffnung des Bahnhofsvorplatzes zwar ebenso wie die SPD als „nicht zielführend“, da es der „neue und sinnvolle Verkehrsknotenpunkt“ sei. Eine Abschaffung der Einbahnstraßenregelung am Kreuzungsbereich Bahnhof- und Robert-Koch-Straße findet jedoch Zustimmung.

„Die Regelung muss unbedingt auf den Prüfstand gestellt werden“, sagt Andrea Suntheim-Pichler, Stadtverordnete. Die Nordstadt werde durch diese Regelung „ohne erkennbaren Nutzen über ihre Belastungsgrenzen gebracht“.

Die Bahnhofsvorplatz-Umgestaltung und die folgende Nordstadt-Verkehrsreform an der Kreuzung Bahnhof- und Robert-Koch-Straße gelten als Kernprojekte von Ex-Bürgermeister Dr. Franz Kahle (Grüne) und Ex-Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD).

Die Sozialdemokraten stellen sich somit ebenfalls gegen den Vorplatz-Vorschlag: „Mit einer Rolle rückwärts ist man noch selten einen Schritt nach vorne gekommen“ – so kommentiert Thorsten Büchner, SPD-Parteichef auf OP-Anfrage die CDU-Überlegungen. Den Fortschritt zum Mobilitätsknotenpunkt für Busse, Radfahrer und Fußgänger und der Entstehung eines attraktiven Tors zur Nordstadt – gipfelnd in der Auszeichnung zum „Bahnhof des Jahres“ 2015 – zurückzunehmen sei „nicht zielführend“.

Eine mögliche Rückkehr zur Einbahnstraßenregelung will die SPD zwar nicht ausschließen, jedoch erst Auswirkungen der Brückenfreigabe in den Sommerferien abwarten. Man dürfte die Entwicklung des Campus Firmanei bei den Entscheidungen ebenso wenig ignorieren wie die Tatsache, dass alle Schritte in der Nordstadt-Verkehrsentwicklung einst von Bürgerbeteiligung getragen wurden, ergänzt Anna-Lena Stenzel, Vize-Vorsitzende der SPD.

Angesichts der nötigen Belebung der Nordstadt plädiert sie für die Umsetzung weiterer Vorhaben. Vor allem: „Die Elisabethstraße und die westliche Bahnhofstraße müssen für Fahrräder in beide Richtungen geöffnet werden“, sagt sie.


von Björn Wisker