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Marburg Kostenschock kommt im September
Marburg Kostenschock kommt im September
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13:19 27.07.2022
Eine Pflegerin geht in einem Pflegeheim mit einer älteren Dame über einen Korridor.
Eine Pflegerin geht in einem Pflegeheim mit einer älteren Dame über einen Korridor. Quelle: Christoph Schmidt/dpa/Archiv
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Marburg

Eine gute Nachricht für die zahlreichen Menschen in Deutschland, die als Pflege- und Betreuungskräfte in Pflegeeinrichtungen arbeiten. Denn mit dem im Juli 2021 in Kraft getretenen Gesundheitsversorgungsweiterentwicklungsgesetz (GVWG) sind Pflegeeinrichtungen verpflichtet, spätestens ab dem 1. September 2022 eine Entlohnung mindestens in Höhe des Tariflohns zu zahlen.

Für zahlreiche Einrichtungen auch im Landkreis, sofern sie nicht jetzt schon Tarif zahlen, bedeutet dies ab 1. September erhebliche Mehrausgaben pro Bewohner.

Seit Januar 2022 gibt es zwar je nach Aufenthaltsdauer im Pflegeheim höhere Zuschüsse für den zu zahlenden Eigenanteil an den Pflegekosten. Je länger die Aufenthaltsdauer im Pflegeheim, desto höher der sogenannte Leistungszuschlag und desto geringer der Eigenanteil. Pflegeheimbewohner, die länger als drei Jahre im Pflegeheim leben, bekommen dann einen Zuschlag von 70 Prozent auf den Eigenanteil.

Nicht nur der Tariflohn ist Schuld

Ansonsten gilt: Für Bewohner oder ihre Angehörigen wird es ab September noch einmal richtig teurer. Um bis zu 800 Euro steigt der Eigenanteil pro Bewohner – daran ist im übrigen nicht nur der Tariflohn für die Beschäftigten schuld, sondern auch höhere Ausgaben etwa für Körperpflegemittel, Lebensmittel oder anderes.

Oliver Pappert, Pflegeleiter beim St. Elisabeth-Verein in Marburg, sagt, der Eigenanteil in den Einrichtungen des Elisabethvereins werde wohl von zur Zeit 2.350 Euro auf 3.000 Euro steigen. Angehörige sind verpflichtet, die Kosten zumindest zum Teil zu übernehmen, wenn der Betroffene dies aus eigener Tasche nicht tun kann.

Zumindest hat der Gesetzgeber eine Obergrenze von 100.000 Euro Jahreseinkommen eingezogen – wer weniger verdient, wird nicht herangezogen. Vermögenswerte, Immobilien, werden unter bestimmten Voraussetzungen herangezogen, sagt Pappert.

„Keine falsche Scham!“

In jedem Fall wird die Zahl der Heimbewohner, die ab September ihren Eigenanteil nicht selbst oder durch Angehörige aufbringen können, dramatisch steigen. Pappert bereitet die Bewohner in den fünf Einrichtungen des St. Elisabeth-Vereins darauf vor, dass sie zur Not einen Antrag beim Sozialhilfeträger stellen.

Margarethe Gleichmann (101), die im Heim „Krafts Hof“ in Sterzhausen lebt, ist von der Betreuung im Heim so angetan, dass sie auch die hohen Kosten akzeptiert. „Die Schwestern sind Heldinnen“, sagt Margarethe Gleichmann, die jetzt in der Nähe ihres Sohnes lebt.

Von ihrer Rente von 1. 800 Euro könnte sie ihren Eigenanteil nicht finanzieren. Dr. Walter Gleichmann und seine Brüder kommen für die Kosten auf. „Wir machen das gerne, können so ein wenig zurückgeben von dem, was sie uns als Kinder gegeben hat“, sagt Dr. Walter Gleichmann. Wer nicht über vergleichbare finanzielle Mittel verfügt, dem rät Pappert: „Keine falsche Scham! Sie haben ein Anrecht auf die Unterstützung.“

Eugen Brysch ist im Vorstand der Deutschen Hospiz Stiftung. Quelle: Patientenschutzorganisation/dpa/Ini

Pflegefall Altenheime

Es ist nicht so, dass auf dem Pflegemarkt automatisch viel Geld verdient werden kann. Im Regierungspräsidium Gießen musste 2020 sogar ein Pflegeheim Insolvenz anmelden, teilte der Sprecher des RP Gießen, Oliver Kessler, mit. Längst ist das kein Einzelfall mehr. Nach Schätzungen von Experten ist mittlerweile jede fünfte private Pflegeeinrichtung in Deutschland von einer Pleite bedroht.

Dabei wächst die Zahl der Pflegebedürftigen hierzulande ständig. In Deutschland gibt es laut statistischem Bundesamt 15.400 Pflegeheime und weitere knapp 15.000 Ambulante Pflegedienste bei 4,1 Millionen Pflegebedürftigen.

Im Jahr 2019 waren 616.000 der Pflege- und Betreuungskräfte in ambulanten und stationären Einrichtungen geringfügig oder in Teilzeit Beschhäftigten. Das entspricht einem Anteil von 65 Prozent. Wie viele Berufe im Bereich Gesundheit, Soziales oder Erziehung – sogenannte Care-Berufe – ist auch der Pflegeberuf durch seinen hohen Frauenanteil geprägt. Seit Jahren steigt der Bedarf an Arbeitskräften im Pflegebereich.

Vorwürfe an Lauterbach

Mit Ausbruch der Corona-Pandemie sind der Fachkräftemangel sowie die Arbeitsbedingungen in der Pflege noch stärker in den Blick gerückt. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz mahnt gegenüber der Bundesregierung dringenden Handlungsbedarf an. „Die Pflege macht erst arm und dann macht sie die Menschen zu Sozialhilfeempfängern. Das ist eine unwürdige Perspektive für den Lebensabend von Millionen Menschen“, sagte der Vorstand der Stiftung, Eugen Brysch.

Brysch warf Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) vor, bisher diese Herausforderung nicht anzugehen. Die steigende Inflation wird ganz besonders die Pflegebedürftigen treffen, prophezeite Brysch und verwies auf steigende Kosten für Löhne, Unterbringung, Investitionen und Verpflegung. Kosten, die von immer weniger Pflegeeinrichtungen aufgefangen werden können. Weitere Pleiten sind dann die Folge.

Zahlen, Daten, Fakten

Können die notwendigen Pflegekosten nicht von der Rente und dem Ersparten der pflegebedürftigen Person bezahlt werden, so werden zunächst die Angehörigen zur Kasse gebeten.

Die Kinder der pflegebedürftigen Person können aber durch das Angehörigen-Entlastungsgesetz vom sogenannten Elternunterhalt befreit werden. Haben die Kinder der zu pflegenden Person ein Jahresbruttoeinkommen von weniger als 100.000 Euro, übernimmt das Sozialamt die Zuzahlung der Pflegekosten.

Zum Schutz vor steigenden Zuzahlungen für die Pflege im Heim greifen erste Entlastungen. Heimbewohner bekommen neben den Zahlungen der Pflegekasse jetzt einen neuen Zuschlag, der mit der Pflegedauer steigt. Der Eigenanteil für die reine Pflege soll im ersten Jahr um 5 Prozent sinken, im zweiten um 25 Prozent, im dritten um 45 Prozent und ab dem vierten Jahr um 70 Prozent.

Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) hat jüngst von den Ampelparteien „gewaltige Investitionen und Reformen für die Pflegeversicherung gefordert“.

Wie sich der Eigenanteil zusammensetzt

Reicht der Zuschuss der Pflegekasse nicht aus, um die Pflegekosten zu decken, wird ein Eigenanteil fällig. Der Grundbetrag des Eigenanteils ist für die Pflegegrade zwei bis fünf einheitlich und beträgt nach einer Aufstellung des Verbands der Ersatzkassen (vdek) im Bundesdurchschnitt 831 Euro.

Zu diesem Eigenanteil kommen noch die Kosten für die Unterkunft, Verpflegung und weitere individuelle Leistungen hinzu. Die Kosten hierfür sind je nach Pflegeheim unterschiedlich.

Aus Berechnungen des vde k geht hervor, dass die Bewohner einer Pflegeeinrichtung im Bundesdurchschnitt insgesamt einen Eigenanteil von etwa 2.068 Euro pro Monat zahlen mussten. Dieser Anteil wird jetzt noch einmal deutlich steigen.

Von Till Conrad