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Marburg Start-up bringt „Marburger Töchter“ in die Flasche
Marburg Start-up bringt „Marburger Töchter“ in die Flasche
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21:01 22.04.2022
Holger Sommerlad mit der neuen Kreation „Lizzi“.
Holger Sommerlad mit der neuen Kreation „Lizzi“. Quelle: Andreas Schmidt
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Goßfelden

Holger Sommerlad öffnet einen großen Edelstahlbehälter, der mit einer Neopren-Hülle ummantelt ist. Ein Digitalthermometer zeigt die Temperatur im Inneren des Gefäßes an. Auf dem Boden des Bottichs befindet sich ein großer Pilz – „das ist der Kombucha-Tee-Ansatz“, sagt Sommerlad und schließt den Behälter wieder. Denn die gleichbleibende Temperatur ist wichtig, damit das Gebräu richtig fermentiert.

Hintergrund: Kombucha

Um sich Getränke mit Kombucha zu brauen, benötigt man einen Teepilz, der in Ansatzflüssigkeit schwimmt. Erhältlich ist er etwa in Naturkostläden. Aber oft wird das Bakterien-Hefe-Gemisch auch privat weitergegeben. Zusammen mit gezuckertem Tee muss er dann vergoren werden. Dabei bilden sich Alkohol und Essigsäure sowie verschiedene B-Vitamine und Enzyme.

Selbst hergestellter Kombucha enthält lebende Mikroorganismen. „Wer Kombucha selbst macht, muss besonderen Wert auf die Hygiene legen“, sagt Ernährungsexpertin Silke Noll von der Verbraucherzentrale Bayern. Das Baumwolltuch zum Abdecken muss sauber sein und während der sieben- bis zehntägigen Gärung darf nichts ins Gefäß gelangen. Ist Kombucha mit Fremdkeimen oder Schimmelpilz verunreinigt, kann dies bei empfindlichen oder immunschwachen Personen zu gesundheitlichen Beschwerden führen, warnt Noll.

Kombucha-Jünger schwören darauf, dass der Tee die Darmfunktion verbessert, das Immunsystem aktiviert, den Stoffwechsel anregt und das Blut reinigt. „Wissenschaftlich nachgewiesen sind die angepriesenen Wirkungen jedoch nicht“, so Silke Noll.

Wer sich den Aufwand mit dem Selbstbrauen sparen will, kann Kombucha auch im Handel kaufen, wo er als Fertiggetränk angeboten wird. Je nach Herstellungsverfahren kann er bis zu zwei Prozent Alkohol und bis zu zehn Prozent Zucker enthalten. dpa

„Viez & Töchter“ produziert fermentierte Teegetränke. Angefangen hat alles mit „Lilo“ und „Romi“ – die erste eher fruchtig, die zweite beerig-würzig. Beide Getränke sollen quasi eine Alternative zu Sekt oder Wein darstellen – „um anders anzustoßen“, wie Sommerlad sagt. „Es müssen ja nicht immer Wasser, Cola oder die x-te Schorle sein.“ Das sei der Ansatz bei der Entwicklung der ersten beiden „Töchter“ des Getränkeherstellers gewesen. Nun hat „Viez & Töchter“ eine neue Idee: Zum Stadtjubiläum „Marburg 800“ sollen auch zwei „Marburger Töchter“ in die Flasche kommen: „Lizzi“ – angelehnt an die heilige Elisabeth, und „Betsy“, für die Bettina von Arnim Patin war. Was ist das Besondere an den Getränken? „Auch sie basieren auf fermentiertem Tee. ,Lizzi’ erhält seine spezielle Note durch Rosenblätter, angelehnt an das Rosenwunder. Und bei ,Betsy’ kommt Hopfen zum Einsatz.“

Um die neuen Getränke auf den Markt zu bringen, haben „Viez & Töchter“ eine Crowdfunding-Kampagne ins Leben gerufen – mit dem Ziel, 10 000 Euro von den Unterstützern einzuwerben. Ein gutes Fünftel davon ist schon erreicht – bis Anfang Mai läuft die Kampagne.

Wofür wird das Kapital benötigt? „In unserer kleinen Manufaktur machen wir alles selbst und von Hand. Um die bestehende Produktion jetzt zu erweitern und die Getränke produzieren zu können, brauchen wir die Unterstützung.“ Benötigt werden neue Tanks, Flaschen, Etiketten und Adapter für die Abfüllanlage. Und: Wenn das Funding-Ziel erreicht wird, gibt es auch schon Ideen für eine weitere „Marburger Tochter“. Und fest stehe auch, dass die Fermentation „noch viele weitere Möglichkeiten“ biete.

Leidenschaft zum Lebensmittel

Und wie ging die Geschichte von „Viez & Töchter“ los? Der Agrarbiologe Sommerlad hat das Unternehmen gemeinsam mit seiner Geschäftspartnerin Johanna Quendt vor zwei Jahren gegründet. „Ich hatte schon lange eine Lebensmittelleidenschaft und zu Hause selbst Dinge hergestellt“, sagt Sommerlad. Ob Brot backen mit selbst geführtem Sauerteig oder Craft-Bier brauen, ob Kimchi-Kraut herstellen – also die koreanische Variante des Sauerkrauts – oder das Experimentieren mit Wasserkefir- und Kombucha-Kulturen, „all das hat mich schon immer fasziniert“.

Der Grundstein für die heutigen Getränke, die „Viez & Töchter“ herstellt, war ein Experiment „bei dem ich mit Wasserkefir-Kulturen ein Ginger-Bier gebraut habe“, erzählt Holger Sommerlad. „Mit dem hätte man auch hervorragende Cocktails machen können“, schwärmt er. Die Zahl der Töpfe bei ihm zu Hause wuchs stetig, „denn die Kulturen müssen ja wachsen“. Also war klar: Wenn es was werden soll mit den Getränken, muss eine Vergrößerung her.

Sommerlad bewarb sich über das Mafex-Institut der Wirtschaftswissenschaften für ein Hessen-Ideen-Stipendium – und lernte in diesem Zug Johanna Quendt kennen. „Ich war neben Holger die Einzige, die noch etwas mit Lebensmitteln gemacht hat – mein Projekt war, Pilze auf Kaffeesatz zu züchten“, sagt die studierte Psychologin. Dadurch habe es „gleich eine Basis“ gegeben.

Gerade bei Lebensmitteln sei die Hürde für Start-ups recht hoch. „Ich kann ja nicht einfach einen Kuchen backen und den in der Innenstadt an 100 Leute verteilen“, sagt Sommerlad. „Man muss nachweisen, dass er unter einwandfreien Bedingungen hergestellt wurde, alles muss protokolliert und gegenüber dem Veterinäramt dokumentiert werden.“

So sei schnell klar gewesen: „Wir brauchen eine eigene Manufaktur.“ Die fand „Viez und Töchter“ zunächst mietfrei im Gewerbegebiet Goßfelden, wo sich die Produktion nebst Abfüllung und Labor für die mikrobiologischen Untersuchungen und Dokumentation befindet. Es gab weitere Förderungen und erste Erfolge, „mittlerweile werden unsere Getränke schon im hippsten Laden in ganz Berlin verkauft“, freuen sich Quendt und Sommerlad. Nur in Marburg könnte die Resonanz noch etwas besser sein. „Aber das kommt noch“, sind die beiden sicher, man stehe in Verhandlung mit einigen Gastronomen.

Die Crowdfunding-Kampagne gibt es unter startnext.com/marburger-toechter

Von Andreas Schmidt

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