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Marburg „Speakie“ macht das Rennen
Marburg „Speakie“ macht das Rennen
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12:00 20.04.2022
Die Teilnehmer am Start-up-Wettbewerb (von links) mit Benjamin Stuchly vom Regionalmanagement Mittelhessen und Matthias Beurer (StartMiUp): Halla Tahira Ahmad (Speakie), Alex Ochs (Speakie), Priya Pednekar (CapAble), René Mertschuweit (Upcycling Windrad), Marion Ihls (Mein Marburg), Philipp Stratmann (CapAble).
Die Teilnehmer am Start-up-Wettbewerb (von links) mit Benjamin Stuchly vom Regionalmanagement Mittelhessen und Matthias Beurer (StartMiUp): Halla Tahira Ahmad (Speakie), Alex Ochs (Speakie), Priya Pednekar (CapAble), René Mertschuweit (Upcycling Windrad), Marion Ihls (Mein Marburg), Philipp Stratmann (CapAble). Quelle: Regionalmanagement Mittelhessen
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Marburg

Umweltfreundliche Kronkorken, ein digitales und zugleich lokales Einkaufsportal, eine vielseitige Assistenz-App, die Sehbehinderten den Weg durch die Stadt erleichtert und ein cleverer Weg, Akkus und Motoren von Elektrorollern in Innenstädten einer sinnvollen Zweitnutzung zuzuführen: Die „Prototyping Rallye“ des mittelhessischen Gründungsnetzwerks „StartMiUp“ (siehe Infobox) brachte einige durchdachte Geschäftsideen hervor. Die beiden besten Ideen wurden bei der Abschlussveranstaltung in der Marburger Unibibliothek gekürt.

Die siegreichen studentischen Entwickler-Teams dürfen sich darauf freuen, dass sie auf den weiteren Schritten von Gründungsexperten bei der Umsetzung ihrer Produkte gefördert werden. Unter anderem erhalten sie Unterstützung bei einer Crowdfunding-Kampagne, mit der sie Geld für die Weiterentwicklung zur Marktreife sammeln können.

Im Rahmen der Prototyping Rallye hatten Studierende der drei mittelhessischen Hochschulen innerhalb von vier Wochen Gelegenheit, ihre Ideen mithilfe von Gründungszentren und externen Experten zu „Prototypen“ zu entwickeln und auf ihre Marktchancen zu testen. Übergreifendes Thema war diesmal „Ideen für eine zukunftsfähige Innenstadt“. Und genau da setzten auch alle vier Teams an, die sich dem Urteil der Jury stellten. Diese bestand aus Vertretern der Gründungszentren der drei mittelhessischen Hochschulen Justus-Liebig-Universität Gießen, Philipps-Universität Marburg und Technische Hochschule Mittelhessen und Jens Ihle, Geschäftsführer des Regionalmanagements Mittelhessen.

Die Teilnehmer der Prototype Rallye bei den Gründungs-Workshops. Quelle: Regionalmanagement Mittelhessen

Als einer der Gewinner des Wettbewerbs wurde Geographiestudent René Mertschuweit gekürt. Er ärgerte sich über die Ressourcenverschwendung durch die gerade in größeren Städten überall herumstehenden Miet-Elektroroller. 150 000 davon sollen in Deutschland derzeit im Einsatz sein. Die Fahrzeuge werden von den Nutzern aber oft schlecht behandelt und von den Verleihern daher schon nach nur 3 bis 15 Monaten aussortiert und verschrottet.

Die wertvollen Akkus und Motoren könnten ein sinnvolles zweites Leben führen, dachte sich der Marburger Student und erdachte eine Apparatur, mit der er die Restkapazität der in den Akkus verbauten Speicherzellen ermitteln und diese dann sortiert nach ihrer noch vorhandenen Kapazität zu neuen Akkupacks zusammenstellen kann.

René Mertschuweit bei der Konstruktion seines Prototyps. Quelle: Regionalmanagement Mittelhessen

Laden kann man diese Second-Hand-Akkus dann mit einem Kleinwindrad – deshalb der Projektname „Upcycling Windrad“ – oder auch über Solarzellen, wobei der ausgediente Rollermotor wiederum als Generator dienen kann. Zur Zielgruppe gehören für Mertschuweit einerseits Nutzer, die autark Energie erzeugen wollen, etwa Selbstversorger, Bewohner von Tiny Häusern oder Camper. Andererseits aber auch die Verleiher der Roller, die ihre Ökobilanz mit einem sinnvollen Recycling-Ansatz deutlich verbessern könnten.

Echte Mehrwert-Idee für den lokalen Handel

Das zweite Gewinnerteam nennt sich nach ihrer App „Speakie“. Diese App von Halla Tahira Ahmad und Alex Ochs (Marburg/Gießen) bietet zwei Komponenten, die Sehbehinderten das Leben deutlich leichter machen können. Zum einen einen auf Sprache basierenden „Seh-Assistenten“, der zum Beispiel von der Handykamera erfasste Texte und Schilder vorlesen oder im Netz hinterlegte Informationen über die Stadt wiedergeben kann, in der man sich bewegt. Daneben baut Speakie auf eine Community. So können sich Nutzerinnen und Nutzer gegenseitig über Baustellen oder Hindernisse informieren oder ins Gespräch kommen. Die App soll Hand in Hand mit den potenziellen Nutzern weiterentwickelt werden und für sie auch kostenfrei sein. Die Speakie-Entwickler hoffen daher, dass sich zum Beispiel Kommunen und andere Spender oder Geldgeber finden, die ein Interesse an der barrierefreien App und damit auch an „inklusiveren Innenstädten“ haben.

Die dritte Idee, die bei der Gründungs-Rallye entwickelt wurde, blieb zwar unprämiert, könnte aber einen echten Mehrwert für den lokalen Handel und seine Kunden bieten. Marion Ihls von der Philipps-Universität präsentierte ihre Idee „Mein Marburg“, ein digitales Einkaufsportal, bei dem sich Kunden erst gemütlich zu Hause über das komplette Angebot der lokalen Geschäfte etwa in der Oberstadt informieren, mit 360-Grad-Aufnahmen virtuell durch den Laden schlendern, Waren auswählen und dann zur Abholung reservieren können. Laut Ihls für beide Seiten eine gute Sache, denn die lokalen Geschäfte hätten einen weiteren guten Absatzweg, die Kunden wiederum ersparten sich viel Sucherei und hätten zugleich eine ähnlich bequeme Alternative zu den großen Bestellkaufhäusern im Internet.

Beim vierten Team ist es noch ein gutes Stück bis zur Marktreife. Doch der Ansatz klingt vielversprechend. Priya Pednekar und Philipp Stratmann haben sich unter dem Produktnamen „CapAble“ vorgenommen, mit einem kompostierbaren Glasflaschenverschluss die gängigen Metallkronkorken (auf Englisch „Caps“) überflüssig zu machen. Hintergrund ist einerseits der kostbare Rohstoff Metall, der bei Kronkorken häufig nicht vernünftig recycelt wird. Das auch, weil viele Menschen in der Natur oder wenn sie in der Stadt unterwegs sind, die Metalldeckel achtlos wegwerfen. Sie haben keinen „Wert“, während auf Flaschen meist Pfand ist. Ersetzen will das Team den Kronkorken mit gepressten Pilzfasern.

Aus den Wurzeln, dem Mycelium, werden heute schon Kleidungsstücke hergestellt, das Material isoliert gut, ist geschmacksneutral, ungiftig und es absorbiert Feuchtigkeit. Zielgruppe sind natürlich Brauereien, aber auch für Kunden bietet der Pilzdeckel Vorteile. Er hätte keine scharfen Kanten und: Zum Öffnen bräuchte man keinen Flaschenöffner.

Das Gründungsnetzwerk „StartMiUP“

Der Wettbewerb fand unter dem Dach von „StartMiUp“ statt. StartMiUP ist das Start-up-Netzwerk Mittelhessen, ein Verbundprojekt der drei mittelhessischen Hochschulen (Justus-Liebig-Universität Gießen, Philipps-Universität Marburg, Technische Hochschule Mittelhessen) und der zugehörigen Gründungszentren. StartMiUp unterstützt Gründungsinteressierte und Start-ups der drei Hochschulen dabei, ihre Ideen in die Realität umzusetzen. Die nächste Gelegenheit, an Start-up-Ideen zu feilen, bietet sich Gründungswilligen am Wochenende vom 20. bis 22. Mai beim „Start-up-Weekend Mittelhessen“ im Marburger Lokschuppen.

Weitere Informationen dazu gibt es unter https://bit.ly/3xtb5RJ

Von Michael Agricola