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Marburg Es gibt Geld – und kaum einer holt es ab
Marburg Es gibt Geld – und kaum einer holt es ab
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17:43 12.04.2019
Ein-Eltern-Familien haben von allen Familien in Deutschland das höchste Armutsrisiko. Das neue Starke-Familien-Gesetz wird daran vermutlich wenig ändern, sagen die Eltern im Alleinerziehenden-Treff in Marburg.  Quelle: Christian Charisius
Marburg

Der Bundesrat hat gestern ein neues Gesetz verabschiedet. Es soll Familien mit kleinem Einkommen mehr Geld bescheren. Zum Beispiel durch einen höheren Kinderzuschlag (Details im Kasten). Ist das wirklich das, worauf Familien mit wenig Geld gewartet haben?

Wenn jemand etwas dazu sagen kann, dann wohl Alleinerziehende. Der Verband alleinerziehender Mütter und Väter wird nicht müde, darauf hinzuweisen, dass Ein-Eltern-Familien von allen Familien in Deutschland das höchste Armutsrisiko haben.

38 Prozent beziehen Hartz-IV, darunter viele trotz Berufstätigkeit. Die allermeisten sind gut ausgebildet, haben Lehre oder Studium abgeschlossen. Sie sind sogar häufiger erwerbstätig als Mütter in Paar-Familien. Doch wenn einer alleine den Alltag mit Haushalt, Kindern und Job stemmt, ist beinahe zwangsläufig entweder die Zeit knapp oder das Geld, häufig beides.

Dschunge von Leistungen

Kaffee, Kuchen, Kinderbetreuung – das gibt es beim Alleinerziehenden-Treff, der einmal im Monat in einer Marburger Altbauwohnung zusammenkommt. Die Kinderbetreuung ist nötig. Denn im Gegensatz zum Durchschnitts-Deutschland kommen hier auf einen Erwachsenen knapp drei Kinder.

Vom Starke-Familien-Gesetz hatte hier kurz vorm Beschluss noch niemand etwas gehört. Und nachdem sie davon gehört haben, war niemand so richtig begeistert. Beides sind Indizien dafür, dass das, was die Bundesregierung als Schritt gegen Kinderarmut feiert, möglicherweise nicht viel bewirken wird. Amelie (3 Kinder) und Sebastian (4) zum Beispiel gehen davon aus, dass sie zu viel verdienen, um von dem Gesetz zu profitieren. Kathrin (3) und Sara (2) wiederum sind unsicher, ob sich ihre Situation verbessern wird.

Oder ob das Plus bei einer Leistung nur dazu führt, dass ihnen eine andere gekürzt wird. Wer weiß das in diesem Dschungel von Leistungen schon so genau?„Es gibt schon viele Hilfen und Angebote für Alleinerziehende”, sagt Sara. Das Problem sei, dass man sich die ganzen Informationen auf eigene Faust zusammen recherchieren müsse. Dass es keine zentrale Anlaufstelle gebe, sondern dass man von Behörde zu Behörde laufen müsse. Dass keiner einen Überblick habe. Dass all das Beantragen und Nachweisen zu viel Zeit koste. Zeit, die Alleinerziehende nunmal nicht hätten.

Rotes Tuch für Vermieter

Sara heißt eigentlich anders, möchte aber nicht als Alleinerziehende in der Zeitung stehen. Und so geht es allen, die an diesem Nachmittag zum Treff gekommen sind. „Auf dem Dorf ist alleinerziehend wie eine ansteckende Krankheit”, sagt Kathrin. Vorbehalte gibt es aber auch in der Stadt. „Wenn du in Marburg auf Wohnungssuche bist, darfst du eigentlich nicht sagen, dass du alleinerziehend bist”, sagt Amelie. Für Vermieter sei das wie ein rotes Tuch.

Das ändert sich

Das Starke-Familien-Gesetz ist keine familienpolitische Revolution. Im Kern werden bereits bestehende Leistungen erhöht:
Der Kinderzuschlag steigt von 170 auf 185 Euro im Monat. Anspruch auf den Zuschlag haben Familien, in denen das Einkommen der Eltern zwar deren eigenen Mindestbedarf deckt, nicht aber den der Kinder. Der Kinderzuschlag ist eine Ergänzung zum Kindergeld. Mit der Leistung sollen Familien davor bewahrt werden, wegen der Ausgaben für ihre Kinder auf Hartz IV abzurutschen.
Alleinerziehende waren bislang quasi vom Kinderzuschlag ausgeschlossen, da Unterhaltszahlungen voll auf die Leistung angerechnet wurden. Künftig werden sie nur noch zu 45 Prozent angerechnet. Eine alleinerziehende Geringverdienerin mit 13-jährigen Kind, das Unterhaltsvorschuss erhält, hat jetzt beispielsweise Anspruch auf 62,60 Euro Kinderzuschlag; vor der Reform waren es 0 Euro, rechnet der Verband alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV) vor.
Das Bildungs- und Teilhabepaket wird ausgebaut. Für die Empfänger des Kinderzuschlags wird etwa das Schulstarterpaket zum 1. August von 100 auf 150 Euro im Jahr erhöht. Es unterstützt Eltern, Kinder mit Ranzen, Stiften und Co. auszustatten. Zudem werden Mittagessen in Kita und Schule sowie Fahrkarten für Bus oder Bahn kostenlos – der Eigenanteil wird abgeschafft.

Dabei ist alleinerziehend längst nichts Außergewöhnliches mehr. Jede fünfte Familie in Deutschland ist eine Ein-Eltern-Familie. In Marburg ist es sogar jede Dritte. Bundesweit werden über zwei Millionen Kinder von nur einem Elternteil großgezogen. Und ihre Zahl steigt von Jahr zu Jahr.

Die Alleinerziehenden des Marburger Treffs stehen mit ihrer Skepsis gegenüber dem neuen Gesetz nicht alleine da. Viele Sozialverbände stoßen ins selbe Horn. Die Anträge für die Leistungen sind zu kompliziert, kritisieren die einen; für die anderen gehen die Hilfen nicht weit genug. Grünen-Chefin Annalena Baerbock etwa monierte, dass die Regierung nur 1,3 Milliarden Euro für das Starke-Familien-Gesetz ausgeben wolle, aber ganze sechs Milliarden fürs Baukindergeld, das auch Besserverdiener bekommen.

Der Kinderschutzbund wiederum spricht von einem Starke-Bürokratie-Gesetz. Zwei Millionen Kinder sollen laut Bundesregierung allein von der Erhöhung des Kinderzuschlags profitieren. Der Kinderschutzbund bezweifelt, dass das Geld bei den Kindern ankommt. Schon in der Vergangenheit war es so, dass nur 30 Prozent der Berechtigten den Zuschlag erhielten. Die übrigen scheiterten an der Bürokratie oder versuchten es gar nicht erst.

Sie will keine Sonderbehandlung

Amelie will nicht ausschließen, dass sich die Situation einiger Alleinerziehender durch das neue Familiengesetz verbessert. Letztlich werde das erst die Erfahrung zeigen. Mit dem Ansatz des Gesetzes hat sie allerdings ein grundlegendes Problem.  „Ich will keine Almosen, ich will kein Bittsteller sein”, sagt sie. Sie wolle selbst für ihre Familie sorgen. Dafür brauche sie vor allem eines: Zeit für den Job. „Wenn wir eine bessere Kinderbetreuung hätten, wäre Geld für viele Alleinerziehende nicht mehr das zentrale Problem”, sagt sie.

Selbst mit einem Betreuungsplatz bis 17 Uhr seien viele Jobs nicht vereinbar, sagt sie. Und dann seien da noch zwölf Wochen Schulferien, bewegliche Ferientage und Tage der pädagogischen Fortbildung. „Wenn die Politik hier etwas tut, würde das allen Familien helfen.”

Sie will keine Sonderbehandlung. „Wir sollten Deutschland insgesamt familienfreundlicher machen”, sagt sie. Das, was Paar-Familien in Deutschland zu schaffen macht, treffe Alleinerziehende doppelt hart. „Es wäre schön, wenn es hier jedem möglich wäre, berufstätig zu sein und Kinder groß zu ziehen.” Dafür brauche es bessere Betreuungsangebote, mehr Wohnraum für Familien und Löhne, von denen Familien leben können.

Wenn die Politik etwas speziell für Alleinerziehende tun will, sollte sie die Regelungen zum Unterhalt ändern, schlägt Amelie vor. Er sollte dem anderen Elternteil automatisch vom Gehalt abgezogen werden. Momentan müssten viele Alleinerziehende dem Geld hinterherlaufen, was Zeit koste, die Alleinerziehende nicht hätten.

von Friederike Heitz