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Marburg Das Gemeinwohl bei der Arbeit fest im Blick
Marburg Das Gemeinwohl bei der Arbeit fest im Blick
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16:15 01.12.2020
Die Stadtwerke Marburg haben in der Gemeinwohl-Matrix 380 von 1.000 Punkten erreicht. Laut eigenen Angaben ein „sehr gutes“ Ergebnis. Quelle: Thorsten Richter/Archiv
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Marburg

Sie sei „scheinbar unscheinbar“, so Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) – „und doch ist es ein fundamentaler Schritt“: Die Stadtwerke Marburg haben erstmals eine Gemeinwohl-Bilanz erstellt.

In einer solchen Bilanz geht es eben nicht nur um ökonomische Belange – vielmehr werden in ihr auch Umweltfreundlichkeit, Wertschöpfung und Daseinsvorsorge für die Region – also ökologische und soziale Aspekte – berücksichtigt. Doch warum das Ganze?

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„Weil der Warp-Antrieb noch nicht erfunden ist und wir die Erde nicht verlassen können", scherzte Spies. Denn das werde erst am 5. April 2063 geschehen – an diesem Tag werde „Zefram Cochrane zu seinem ersten Warp-Flug aufbrechen“, so Spies, dann könne man neue Welten erschließen – dies ist zumindest in der fiktiven Welt von „Star Trek“ so.

Ernsthaft erläuterte der Oberbürgermeister, dass „immer mehr Menschen darüber nachdenken, was Wachstum auf einem räumlich und substanziell endlichen Planeten bedeutet“.

„Vom schönen Reden wird nichts besser“

Eine der Grundlagen der Gemeinwohl-Ökonomie sei es, „dass der Ertrag in Euro nicht das einzige Kriterium sein kann, an dem sich wirtschaftliches Handeln ausrichtet. Das wird jetzt noch stärker präsent, denn die Klimakrise macht es ja inzwischen spürbar, sehbar und fassbar, dass wir an Grenzen stoßen“, so Spies.

Die Idee, Wirtschaft kooperativ, menschlich und zum Wohle aller zu gestalten, treffe den Nerv der Zeit. „Allein vom schönen Reden wird aber nichts besser – sondern vom praktischen Tun“, erläutert Spies. Daher freue er sich sehr, dass sich die Stadtwerke Marburg einer Gemeinwohl-Bilanz angenommen hätten.

Mit der nun vorgelegten Bilanz „bekommen wir auch ein Benchmark für uns selbst und können auch zugleich eine Anregung in die lokale Wirtschaft geben, sich des Themas anzunehmen“. Denn: Die Themen, mit denen sich die Gemeinwohl-Bilanz beschäftigt, „strahlen weit über die Unternehmen hinaus“, sie würden irgendwann auch zu einem wichtigen Entscheidungskriterium zur Mitarbeiter-Gewinnung, ist sich Spies sicher.

Die Stadt habe schon geprüft, ob sie ein solches Engagement von Unternehmen steuern könne – etwa bei der Gewerbesteuer einen Aspekt „Gemeinwohl-Ökonomie“ einzubeziehen. Das gehe aber nicht, „da haben wir keinen Spielraum“. Die Bereitstellung öffentlicher Infrastruktur sei ja schon per se Gemeinwohl, „das ist ja Wesenskern von Stadtwerken. Aber auch dort gilt, sich zu kontrollieren, ob man dem Anspruch gerecht wird“, so Spies.

Stellten die erste Gemeinwohl-Bilanz der Stadtwerke Marburg vor: Geschäftsführer Holger Armbrüster (von links), Pressesprecherin Sarah Möller, OB Dr. Thomaas Spies und Geschäftsführer Dr. Bernhard Müller. Quelle: Andreas Schmidt

Nach der sogenannten „Gemeinwohl-Matrix“ werden bei der Gemeinwohl-Bilanz 20 Gemeinwohl-Themen von der Menschenwürde über Nachhaltigkeit bis hin zu Transparenz und Mitentscheidung geprüft – und entsprechend extern auditiert. 380 Punkte erreichten die Stadtwerke nach diesem Audit, 1.000 sind laut der Matrix maximal möglich – „ein sehr guter Wert“, wie Geschäftsführer Holger Armbrüster findet.

„Mit einer Bewertung von rund 40 Prozent über dem gesetzlichen Standard zeigen wir, dass der Gemeinwohl-Gedanke in unserem Unternehmen und in unserer täglichen Arbeit integriert ist.“ Insbesondere im Umgang mit den Kunden hätten die Stadtwerke sehr gut abgeschnitten. Und: „Auch für die Mitarbeiter tun wir sehr viel und haben viele soziale Standards etabliert, die weit über das gesetzliche Maß hinausgehen.“

Die Bilanz zeige auch, dass man die geforderten Werte „wunderbar damit in Einklang bringen kann, gleichzeitig wirtschaftlich erfolgreich zu sein“, so Armbrüster.

Anreize für Kunden

Für Stadtwerke-Geschäftsführer Dr. Bernhard Müller steht fest, dass die Stadtwerke „in unserer Gemeinwohl-Bilanz transparent darüber berichten, was uns antreibt, was wir bislang tun und wo wir besser werden können“. Man habe auch wertvolle Hinweise zu eventuell vorhandenen Potenzialfeldern erhalten, um daraus zukünftige weitere Ziele für die Unternehmensentwicklung abzuleiten.

Das Fazit der Auditoren: „Die Stadtwerke Marburg sind als kommunaler Versorgungsbetrieb in besonderem Maße dem Wohl der Bürgerinnen und Bürger verpflichtet.“ Sie verfolgten systematisch das Ziel der Stadt Marburg, bis 2030 klimaneutral zu werden. Dabei würden den Bürgern zahlreiche Anreize gegeben, die regenerative Energiegewinnung auszubauen und insgesamt Verbräuche zu reduzieren.

Zudem legten die Stadtwerke im Einkaufsmanagement viel Wert auf Regionalität – das sei dienlich aus Sicht der Gemeinwohl-Ökonomie und der regionalen Wirtschaftskreisläufe.

Von Andreas Schmidt

Gemeinwohl-Bilanz

Bei der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) steht die Idee eines Wirtschaftens für das Wohlergehen der Allgemeinheit im Vordergrund. Ganz in diesem Sinne basiert die GWÖ auf zwei zentralen Aussagen:

Statt der Gewinnmaximierung steht die stetige Erhöhung des Gemeinwohls im Mittelpunkt.
Statt Konkurrenzdenkens setzt man auf Kooperation.

Vom Unternehmen unabhängige Auditoren bewerten die ökologischen, sozialen, demokratischen und solidarischen Aspekte eines Unternehmens. Nicht berücksichtigt werden dagegen ökonomische Wertkategorien, wie es in konventionellen Handelsbilanzen der Fall ist.

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