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Marburg Nacht-Tempolimit ist ausgebremst
Marburg Nacht-Tempolimit ist ausgebremst
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08:00 30.10.2019
Der Antrag zum Nacht-Tempolimit für die Marburger Stadtautobahn hat die Hessische Landesbehörde abgewiesen. Die Bürgerinitiative Stadtautobahn spricht von „einem Totalversagen der zuständigen Stellen“. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

„Rechtlich nicht 
möglich“ – so begründet die Landesbehörde die Ablehnung des Ansinnens von Kommunalpolitik und Stadtverwaltung. 
Eine Verringerung der Lärmbelastung, die Marburg erreichen wolle, sei zwar durch solch ein entsprechendes Tempolimit möglich – konkret um etwa zwei Dezibel. Aber bei der Lärmquellen-Bemessung müsse auch die neben der Stadtautobahn verlaufende Bahnstrecke betrachtet werden.

Wie eine „Vereinfachte Gesamtlärmbetrachtung“ von Hessen Mobil festgestellt hat, würde ein Tempolimit auf der Straße angesichts des Bahnstrecken-Lärms „zu keinem hinreichend positiven Effekt führen“, was die Verringerung der Gesamt-Geräuschkulisse angeht; nicht tagsüber, nicht nachts.

Die Bürgerinitiative Stadtautobahn spricht nach der Entscheidung auf OP-Anfrage von „einem Totalversagen der zuständigen Stellen“. Dabei hat der Verkehr nach offiziellen Zählungen in den vergangenen Jahren immer weiter zugenommen. Täglich fahren im Durchschnitt mehr als 40.000 Fahrzeuge auf der Marburger B 3 – zwischen 2010 und 2015 hat sich dieser Wert zwischen Gisselberg und Wehrda um täglich 4.000 erhöht.

Hintergrund

Das Ziel der anhaltenden Tempolimit-Vorstöße ist die Reduzierung des Lärms für Hunderte Stadtautobahn-Anwohner speziell in der Nordstadt, entlang der Uferstraße und am Ortenberg. „In den Abend- und Nachtstunden wurde eine­ Geschwindigkeitsabsenkung bisher nicht überprüft, wäre­ aber zumindest ein erster Schritt“, sagte Ulrich ­Severin, SPD-Stadtverordneter, um die Nacht-Tempolimit-Idee zu begründen.

Den nahe der Stadtautobahn lebenden Marburgern müsse es vor allem an Sommerabenden ermöglicht werden, die Wohnungsfenster zu öffnen, ohne „nur die Wahl zwischen Hitze oder Lärm“ zu haben. Die ablehnende Haltung der Landesbehörden gründet seit Jahren darauf, dass es bei einem vergangenen Verkehrsversuch mit der Temporeduzierung auf 80 / 60 nur zu einer „nicht hörbaren Lärmreduktion“ von etwa zwei Dezibel gekommen sei.

Und die BI fürchtet angesichts der Fertigstellung der B 262 und der Aufhebung von Lkw-Durchfahrtsverboten ein weiter wachsendes Verkehrsaufkommen. Es brauche „realen Lärmschutz“ statt bürokratischer Betrachtung, so die BI. „Lärm- und Emissionsschutz ist kein Selbstzweck zur Erfüllung von Grenzwerten, sondern ein wichtiges und richtiges Mittel, um eine im wahrsten Sinne des Wortes gesunde Stadtentwicklung zu haben“, heißt es auch von Lokalen-Agenda-Gruppen.

Der Verkehrsclub Deutschland – ein Verband mit bundesweit mehr als 50.000 Mitgliedern – bezeichnet ein Tempolimit von 80/60 angesichts eines „Lärmgrundpegels über der gesamten Stadt, in der es kaum noch ­Ruhezonen gibt“, als „längst überfällig“. Bereits im Jahr 2005 hat das Stadt­parlament beschlossen, mit Geschwindig­keitsbeschränkungen für eine Verbesserung der Situation zu sorgen.

Und bereits im Jahr 1996 galt auf dem Stadtgebiet der B 3 für ein Jahr probeweise ein Tempolimit von 80 – allerdings für Autos und Lkw. Da es während des Versuchs zu Verkehrsproblemen speziell an den B 3-Zu- und Abfahrten kam, wurde die dauerhafte Umsetzung verworfen.

Magistrat: "Wir bedauern
 diese Einschätzung"

Eine Lärmberechnung des Landes aus dem Jahr 2017 zeigt, dass ausgehend von den Lärmemissionen der Stadtautobahn im Bereich der Cappeler Straße an sieben Mehrfamilienhäusern Immissionspegel von bis zu 62 Dezibel in der Nacht – und somit Überschreitungen der maßgeblichen Werte – vorliegen. Ein 80er-Tempolimit könnte die Belastung um zwei Dezibel senken, aber eben nicht den Bahnlärm mindern.

Soweit darüber hinaus an weiteren einzelnen Immissionspunkten die Richtwerte überschritten werden, seien für die „betreffenden Gebäude bereits straßenseitige passive Lärmsanierungsmaßnahmen umgesetzt worden“. Dies gelte etwa für die Straße „Bei St. Jost“. Aber auch an vielen anderen Gebäuden des Ortenbergs seien passive Lärmsanierungsmaßnahmen umgesetzt und zahlreiche Lärmschutzfenster eingebaut worden. Zudem wurde vor wenigen Jahren eine Art Flüsterasphalt verlegt.

Trotzdem: Die Begründung von Hessen Mobil stellt auch den Magistrat nicht zufrieden. „Wir bedauern diese Einschätzung“, heißt es. Ein Tempolimit könnte indes auch mit Klimazielen, mit dem Vorhaben von Schadstoff-Minimierung kollidieren. Denn laut Landes-Umweltministerium würde die von der B 3 ausgehende Stickoxid-Belastung um fast zehn Prozent steigen, wenn ganztägig ein – wie die eigentliche Forderung von BI und der Stadtparlaments-Mehrheit lautet – Tempolimit von 80 / 60 gelte. Grund: ungünstigeres Emissionsverhalten speziell von Lkw.     

von Björn Wisker