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Marburg Strom vom Dach, Wärme aus Biomasse
Marburg Strom vom Dach, Wärme aus Biomasse
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12:00 02.12.2021
Die Gewobau-Baustelle am Försterweg in Marburg: Dort entsteht ein Holzhybridbau aus Holz und Beton
Die Gewobau-Baustelle am Försterweg in Marburg: Dort entsteht ein Holzhybridbau aus Holz und Beton Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Bis 2030 will die Stadt Marburg klimaneutral sein – ein ehrgeiziges Ziel. Eine wichtige Rolle wird dabei der Gebäudesektor spielen: Nach Berechnung der Bundesregierung müssen in diesem Bereich die CO2-Emissionen im Vergleich zum Jahr 1990 um zwei Drittel sinken. Das geht unter anderem durch energetische Sanierung und energieeffiziente Neubauten. Ein Ziel, das sich auch die Stadt Marburg in ihrem Klima-Aktionsplan vorgenommen hat. Die städtische Wohnungsbaugesellschaft Gewobau und die Stadt setzen nach Auskunft der Stadtverwaltung auf ein ganzes Bündel von Maßnahmen, um klimafreundlicher zu werden:

Sanierungen von Gebäuden: „Gerade in älteren Häusern wird deutlich mehr Energie benötigt, um ein warmes Wohnzimmer haben zu können“, sagt Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies. „Das ist nicht nur teuer, sondern produziert auch viel CO2. Die energetische Sanierung von Gebäuden und die Energieeffizienz bei Neubauten ist daher ein wichtiger Baustein, damit Marburg 2030 klimaneutral sein kann.“ Konkret hat die Gewobau Häuser in der Gemoll und der Sudetenstraße 40/42 vollmodernisiert – Letzteres mit einer Außenluft-Wärmepumpe. Laut Stadt wurde dadurch die CO2-Emission von 68 auf nur noch 3 Tonnen reduziert. Das Gebäude Deutschhausstraße 18 wurde teilsaniert. Die Modernisierung in der Sudetenstraße 19/21 und 36/38 hat begonnen.

Energieeffiziente Neubauten: „Insbesondere bei Neubauten haben wir sehr hohe energetische Standards: Wir bauen nach KfW55 oder KfW40, planen Photovoltaik für Mieterstrommodelle ein, um den benötigten Strom vor Ort zu produzieren, und sorgen zusammen mit den Stadtwerken für eine gute Energieversorgung – beispielsweise über Fernwärme oder Blockheizkraftwerke im Keller“, sagt Gewobau-Geschäftsführer Jürgen Rausch. „Wir berücksichtigen aber auch neue Herausforderungen, die aus dem Klimawandel resultieren: In Wehrda haben wir bei den Wohnungen in der Magdeburger Straße auch eine Fassadenbegrünung und eine Regenwasserzisterne eingeplant, um Hitze und Starkregen abzumildern. In der Friedrich-Ebert-Straße haben wir durch eine schonende Bauweise viele Bäume erhalten und eine Dachbegrünung realisiert.“ Dem KfW-55-Energie-Effizienzstandard, der 45 Prozent besser als die gesetzliche Vorgabe ist, genügt etwa das Gebäude in der Graf-von-Stauffenberg-Straße 10a mit zwölf Wohnungen. In der Friedrich-Ebert-Straße und im Försterweg entstehen KfW-55-Häuser in einer Hybridbauweise aus Holz und Beton, mit Gründächern und Photovoltaik-Anlage. „Durch den Einsatz von Holz als Baustoff wird auch die sogenannte ’graue Energie’, die bei der Produktion von Baustoffen verbraucht wird, berücksichtigt, obwohl dieser Aspekt weder in Genehmigungsverfahren noch bei der Förderung eine Rolle spielt“, erläutert Rausch.

Blockheizkraftwerke und Fernwärme: Das Gewobau-Gebäude Deutschhausstraße 18 soll ab 2022 mit Fernwärme versorgt werden. Das Haus Graf-von-Stauffenberg-Straße 10a wurde mit einem Blockheizkraftwerk als Basis an das Fernwärmenetz der Stadtwerke angeschlossen. Perspektivisch sollen alle 210 Wohnungen des Viertels, die laut Stadt rund 550 Tonnen CO2 produzieren, Fernwärme erhalten. Die Stadt hat die Schule am Schwanhof an das Biomasse-Heizwerk der Stadtwerke anschließen lassen, das Verwaltungsgebäude „Am Grün“ an das Fernwärme-Heizkraftwerk Ortenberg. Kleiner Haken aus Sicht von Klimaaktivisten: Das Heizkraftwerk am Ortenberg produziert Fernwärme mit Erdgas – also fossiler Energie.

Sonnenenergie: Die Gewobau betreibt nach Angaben der Stadt mehr als 70 Photovoltaik-Anlagen – und es sollen noch mehr werden. Pro Jahr produzieren sie demnach 1 700 Megawattstunden Strom. Die Stadt hat auf dem Hallenbad Aquamar eine Photovoltaik-Anlage errichtet. Auch auf dem Dach der neuen Turnhalle der Schule am Schwanhof ist eine Photovoltaik-Anlage, die voraussichtlich fünf Prozent mehr Strom erzeugen soll, als die gesamte Schule benötigt.

Elektroautos: Bei allen Neubauprojekten der Gewobau werden nach Angaben der Stadt Ladestationen für Elektroautos und Abstellanlagen für Elektrofahrräder eingerichtet. Auch für die Bestandsbauten sind demnach zum Teil Abstellanlagen für E-Bikes aufgebaut worden. Die Gewobau hat Ende 2020 zudem selbst acht Elektroautos angeschafft – so sollen bei Dienstfahrten jährlich 15 Tonnen CO2 eingespart werden.

Nach Aussage von Oberbürgermeister Spies gehören der Stadt 350 Gebäude, der Gewobau 400 – von insgesamt rund 25 000 Gebäuden in Marburg. Das zeige, dass man alle Menschen mitnehmen müsse bei der Umsetzung des Klima-Aktionsplans. „Nur gemeinsam können wir das Ziel, bis 2030 klimaneutral zu sein, schaffen“, sagt Spies. „Wir wollen dabei Vorbild sein, weshalb Stadt und Gewobau in diesem Bereich viel investieren.“

Von Stefan Dietrich

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