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Marburg Stadt genehmigt umstrittenes Bauprojekt in Dagobertshausen
Marburg Stadt genehmigt umstrittenes Bauprojekt in Dagobertshausen
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11:58 19.05.2021
Der Hof Mengel in Dagobertshausen. Hier soll ein Landhotel entstehen.
Der Hof Mengel in Dagobertshausen. Hier soll ein Landhotel entstehen. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Dagobertshausen

Ein geplantes Landhotel im ehemaligen Hof Mengel sorgt in Dagobertshausen seit Monaten für Streit. Kurz nach der Kommunalwahl hat die Stadtverwaltung nun den Bauantrag genehmigt. Wie die Stadt auf Nachfrage der OP bestätigte, liegt die Baugenehmigung seit dem 30. März vor und wurde nach abschließender Prüfung am 14. April an den Bauherrn versandt. An diesem Donnerstag will sich der Ortsbeirat erneut mit dem Projekt befassen.

Auf dem Mengel-Hof, der direkt an das Hofgut Dagobertshausen mit der Kultur- und Eventscheune angrenzt, soll nach den Plänen des Unternehmens Vila Vita ein „kleines Landhotel“ entstehen. Der genehmigte Bauantrag beinhaltet laut Stadtverwaltung die Sanierung des gesamten Hofes. „Diese Sanierungs- und Neubaumaßnahmen umfassen insgesamt sechs Gebäude mit unterschiedlichen Sanierungs- und Neubauanteilen sowie die Nutzungsänderung“, teilte Stefanie Ingwersen von der Pressestelle der Stadt mit.

Initiative übt Kritik an

Genehmigung

Wohnhaus und Scheune sollen erhalten bleiben und saniert werden. Der ehemalige Schweinestall, die Lagerhalle, die Werkstatt und ein Anbau sind bereits abgerissen und sollen neu errichtet werden. An die Scheune soll zudem ein Wintergarten angebaut werden. Das Hotel wird laut Stadtverwaltung über 28 Hotelzimmer, Konferenzräume sowie Küchen-, Frühstücks-, Sanitär- und Aufenthaltsbereiche verfügen.

Der Plan stößt im Ort auf Kritik. Zum einen bei der Stadtteilinitiative „Leben und Wohnen in Dago“, die seit Jahren gegen die Gastronomiebetriebe im Dorf kämpft. Aber auch der damalige Ortsbeirat hatte sich bereits vor der Kommunalwahl gegen das Vorhaben ausgesprochen. Er betrachtete das geplante Hotel als „überdimensioniert für den Ort“.

„Es hat sich an meiner ablehnenden Haltung zu dem Landhotel nichts geändert“, sagte der wiedergewählte Ortsvorsteher Peter Reckling nun auf Nachfrage der OP. „Es bleibt dabei: So, wie es geplant war, sind wir nicht einverstanden. Ich hätte mir eine andere Entscheidung gewünscht.“ Reckling setzt aber weiter darauf, in einer Moderation eine Lösung des Konflikts zu finden: „Wir wollen gucken, was können wir noch machen, damit es für den Ort akzeptabel wird“, formulierte er die Mehrheits-Position im Ortsbeirat.

Die Stadtteilinitiative kritisierte nicht nur die Genehmigung des Bauantrages, sondern auch den Zeitpunkt. „Der Bauantrag ist 18 Monate alt“, sagte Ute Göbel-Lehnert von der Initiative. Dass er nun gerade mal zwei Wochen nach der Kommunalwahl genehmigt werde, könne kein Zufall sein. Die Stadtverwaltung habe zudem weder den Widerspruch des Ortsbeirats gegen das Projekt berücksichtigt noch die Bedenken der Stadtteilinitiative. Dabei hätten Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) und Bürgermeister Wieland Stötzel (CDU) versprochen, diese Bedenken zu berücksichtigen.

Laut Stadtverwaltung hat der Zeitpunkt der Genehmigung jedoch nichts mit der Kommunalwahl zu tun. Die letzten nachgeforderten Unterlagen seien erst in der zweiten Woche nach der Wahl eingegangen. Deshalb habe vorher keine Genehmigung erteilt werden können. „Die Bedenken des Ortsbeirates und der Stadtteilinitiative wurden – soweit sie nach den gesetzlichen Vorgaben baugenehmigungsrelevant sind – in die Prüfung mit einbezogen“, teilte Ingwersen weiter mit.

Anwohner legen Widerspruch ein

Die Zusage von Oberbürgermeister Spies und Bürgermeister Stötzel an die Kritiker der Entwicklung in Dagobertshausen gelte – nämlich „dass vor eventuellen zukünftigen grundsätzlichen stadtplanerischen Entscheidungen eine abschließende und verbindliche Gesamtplanung erfolgen muss“, teilte die Stadtverwaltung weiter mit. Doch bei der Erteilung von Baugenehmigungen im Einzelfall, insbesondere bei Bestandsgebäuden wie dem Hof Mengel, lasse das Baurecht nur wenig Spielraum. „Baugenehmigungen müssen auf Basis des geltenden Baurechts erfolgen“, erklärte Ingwersen.

Gegen die Genehmigung des Bauantrages haben Anwohnerinnen und Anwohner Widerspruch eingelegt, berichtete Göbel-Lehnert. „Es geht formal nicht, dass das die Initiative oder der Ortsbeirat macht“, erläuterte sie. Nach Angaben der Stadtverwaltung werden die Widersprüche nun geprüft. Auch der Bauherr sei darüber informiert worden. Ein Widerspruch hat keine aufschiebende Wirkung, das Unternehmen darf also weiter bauen. Sollte der Widerspruch allerdings Erfolg haben, könnte er das Projekt kippen.

Das Unternehmen hält daran fest, das Bauprojekt im beantragten und genehmigten Umfang umzusetzen, teilte Stephan Bretz, Justiziar von Vila Vita und Vertreter der Eigentümer-Familie Pohl, auf OP-Anfrage mit. Wegen der Corona-Pandemie gebe es noch keinen detaillierten Zeitplan, wann das Hotel fertig sein soll. „Für einen sachlichen und konstruktiven Austausch – insbesondere mit dem Ortsbeirat – sind wir nach wie vor offen“, betonte er.

Die Baugenehmigung für den ehemaligen Mengel-Hof steht als vierter Punkt auf der Tagesordnung der nächsten Sitzung des Ortsbeirats Dagobertshausen. Diese findet an diesem Donnerstag ab 19 Uhr im Bürgerhaus Wehrshausen statt. Weitere Themen sind unter anderem die Einleitung einer Moderation in Dagobertshausen und eine Geschwindigkeitsreduzierung in der Ortsdurchfahrt. Die Sitzung findet öffentlich, aber unter Corona-Auflagen statt.

Gastronomiebetriebe in Dagobertshausen

Das Unternehmen Vila Vita betreibt in Dagobertshausen die Event- und Kulturscheune, das Restaurant Waldschlösschen sowie eine Reitsportanlage. 2009 hatte die Unternehmer-Familie Pohl „Scherers Hof“ gekauft, zwei Jahre später das benachbarte Waldschlösschen. Auf dem Hofgut werden unter anderem Spargel, Kartoffeln und Obst angebaut. Schritt für Schritt entstanden in den alten Gebäuden des Hofes die Event- und Kulturscheune und ein kleines Gästehaus, die Reitsportanlage kam hinzu. In der Kultur- und Eventscheune finden unter anderem Feiern und Konzerte statt. Vila Vita will nun den benachbarten Hof Mengel zum Landhotel umbauen.

Die Gastronomie- und Veranstaltungsbetriebe sorgen in Dagobertshausen seit Jahren für kontroverse Debatten. 2018 entstand die Stadtteilinitiative „Leben und Wohnen in Dago“, die den Ausbau der Betriebe sowie Lärm und Verkehr bei Veranstaltungen kritisiert. Bei der Kommunalwahl am 14. März gewann eine Liste, die Mitglieder der Initiative aufgestellt hatten, einen der drei Sitze im Ortsbeirat. Die anderen beiden gingen an die Dorfgemeinschaftsliste.

Von Stefan Dietrich

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