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Marburg Stadt Marburg erbt ein Haus
Marburg Stadt Marburg erbt ein Haus
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15:49 09.08.2020
Im Gebäude in der Deutschhausstraße sind Wohnungen für Feuerwehrmitglieder entstanden. . Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Das war auch für die Stadtverwaltung ein Novum. „Das gab es noch nie“, sagt Hauptamtsleiterin Nicole Pöttgen. Jedenfalls konnte sie nichts Vergleichbares in den Unterlagen finden. Der Stadt Marburg wurde von einer Marburgerin ein Wohnhaus an der Deutschhausstraße vererbt.

Bereits Anfang der 1980er-Jahre hatte sie dies in ihrem Testament verfügt, unter Beteiligung eines Vertreters der städtischen Rechtsabteilung. Nach ihrem Tod im Jahr 2015 waren aber alle damaligen Mitarbeiter nicht mehr in der Verwaltung tätig und es war auch nirgends etwas schriftlich vermerkt worden. „Jedenfalls habe ich keine Akte gefunden“, so die Leiterin des Rechtsamtes. Eine Bekannte der Verstorbenen hatte sich damals bei ihr gemeldet und von dem Testament berichtet.

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Da es keine Blaupause gab, musste erst einmal intern beraten werden. Nicole Pöttgen war neu in der Marburger Verwaltung und auch Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies gerade erst gewählt worden. Die Gebäudewirtschaft sollte sich damals kümmern, war aber aufgrund fehlender Erfahrung völlig überfordert. Das Haus stammt aus dem Jahr 1905 und hat vier Wohnungen. In einer hatte die Verstorbene gelebt, die anderen waren vermietet.

Sauber, ordentlich, aber sehr alt

Es hat dann noch Jahre gedauert, bis es einen ersten Besichtigungstermin gab. „Das war wie ein Zeitsprung in die fünfziger und sechziger Jahre“, erinnert sich Nicole Pöttgen. Denn seitdem wurde an dem Haus nur noch wenig modernisiert. „Es war sauber und ordentlich, aber eben alles sehr alt. Und eine Zentralheizung gab es auch nicht.“ Die Begehung war sehr wichtig. „Denn noch hatten wir ja auch die Möglichkeit das Erbe auszuschlagen.“ Dazu kam es aber nicht.

Die Stadt entschied sich nach intensiven Gesprächen, das Haus zu behalten, auch wegen der exponierten Lage, und übergab es der städtischen Wohnungsgesellschaft GeWoBau. „Es gab auch die Möglichkeit, es gewinnbringend an einen Investor zu verkaufen und das Geld zweckgebunden zu nutzen“, erklärt Nicole Pöttgen. Denn auch das hatte die ehemalige Eigentümerin in ihrem Testament festgelegt: Es soll einem caritativen Zweck zugeführt werden.

Eine Nutzung als Bürohaus war aufgrund des Grundrisses ausgeschlossen, ebenso eine Nutzung als Kindergarten. Also wurde saniert. Vermietet wird aber nicht an irgendwen. Die vier Wohnungen werden demnächst von Mitgliedern der Freiwilligen Feuerwehr Marburg-Mitte bewohnt. „Wir haben viele Studierende in der Freiwilligen Feuerwehr, aber wenige Wohnungen für sie, weil es in Marburg nicht genug bezahlbaren Wohnraum gibt“, so das Stadtoberhaupt. „Wenn das Gebäude hier fertig ist, können wir den Feuerwehrleuten neue Möglichkeiten bieten.“ Besonders für Mitglieder des 2. Zugs ist das Wohnen an der Deutschhausstraße interessant, denn: Die Wache in der Ketzerbach ist nah, der Weg zum Einsatz also nicht weit.

GeWoBau modernisiert Gebäude für 415.000 Euro

Für 415.000 Euro hat die GeWoBau das Gebäude in der Deutschhausstraße 18 mittlerweile modernisiert. Zu den Arbeiten zählen das Ausbessern defekter Dachschindeln, der Anstrich der Fassade, der teilweise Austausch der Fenster, der Einbau einer neuen Haustür sowie die Erneuerung der Elektroinstallation sowie Wasserversorgung. Auch die Wärmeversorgung wurde dahingehend erneuert, dass sie 2022 über das Fernwärmenetz der Stadtwerke an das Heizwerk Ortenberg angeschlossen werden kann. Bis dahin gibt es als Übergangslösung eine neue Zentralheizung. Geschäftsführer Jürgen Rausch freut sich besonders über den perspektivisch vorgesehenen Fernwärmeanschluss, denn: Damit kann auch bei denkmalgeschützten Gebäuden, die oft nur zurückhaltend oder gar nicht gedämmt werden können, ein Beitrag zum Klimaschutz geleistet werden.

„Im Inneren der Wohnungen wurde ebenfalls viel bewegt“, erklärt GeWoBau-Projektleiter Daniel Deutsch. Der Grundriss musste überarbeitet werden und beispielsweise Bäder, die sich bisher mittig in den Fluren befanden, an den Rand der Wohnungen verlegt werden. Dabei wurde Wert auf den Erhalt des Ursprungsbaus gesetzt: Alle Wohnungen haben weiterhin hohe Decken und große Fenster und damit ihren spezifischen Altbau-Charme. Bezugsfertig sollen die Wohnungen noch im August sein.

Übrigens hat die Verstorbene noch etwas an die Stadt vererbt. In einem Vermächtnis hatte sie niedergeschrieben, dass die Verwaltung sich um ihr Grab kümmern soll – über 25 Jahre. „Auch diesem Wunsch haben wir natürlich entsprochen“, sagt Nicole Pöttgen.

von Katja Peters

08.08.2020
08.08.2020