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Marburg „Sprache ist etwas Dynamisches“
Marburg „Sprache ist etwas Dynamisches“
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18:00 03.11.2020
Professor Alfred Lameli, der neue Direktor des Forschungszentrums Deutscher Sprachatlas, steht vor einer Karte des Wenker-Atlasses. Quelle: Manfred Hitzeroth
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Marburg

In seiner Oberstufenzeit interessierte sich Professor Alfred Lameli, der neue Direktor des Forschungszentrums Deutscher Sprachatlas, in Sachen Sprache vor allem für Lyrik, und dabei besonders für die Gedichte des französischen Lyrikers Arthur Rimbaud. Und eigentlich wollte sich der in der geschichtsträchtigen Nibelungen-Stadt Worms aufgewachsene 49-jährige Sprachwissenschaftler bereits nach dem Abitur intensiver mit Literaturwissenschaft auseinandersetzen. Doch weil ihm wegen mangelnder Berufsperspektiven Anfang der 90er-Jahre von vielen Seiten von einem geisteswissenschaftlichen Studium abgeraten wurde, setzte Lameli zunächst auf ein naturwissenschaftliches Studium der Geologie und Chemie.

Doch schon bald gab er diese Studienrichtung dann doch auf und wechselte zum Studium der Literatur- und Sprachwissenschaft sowie der Philosophie. An der Uni Heidelberg begeisterte ihn besonders Oskar Reichmann, der Herausgeber des Frühneuhochdeutschen Wörterbuchs, insbesondere für die praktischen Aspekte der Sprachwissenschaften.

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„Es ist ein Zugang zur Sprache, der sehr systematisch ist“, sagt Alfred Lameli im Gespräch mit der OP über das, was ihn an der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Sprache interessiert. Neben der klaren Methodik gefällt ihm auch, dass Modelle entwickelt werden und dass die erzielten wissenschaftlichen Ergebnisse auch von anderen Forschern überprüfbar seien. Im Gegensatz dazu sei er von der Literaturwissenschaft an der Hochschule in seiner Studienzeit eher enttäuscht gewesen. „Ich fand die Diskussionen in der Schule über Goethes ,Faust’ intensiver“, betont Lameli. Zudem habe es damals in den Literaturwissenschaften immer sehr große Seminargrößen gegeben.

Wie vorausgesagt, waren die Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt Ende der 90er-Jahre beim Abschluss seines Studiums nicht besonders gut. Ein Praktikum im Stadtarchiv in Mainz brachte Alfred Lameli dann auf die Spur seines späteren speziellen Forschungsthemas und indirekt auf den Weg seiner späteren Universitätskarriere. Er hatte damals die Aufgabe, die Wort-Protokolle der Stadtrats-Sitzungen in Mainz aus der Zeit zwischen den 50er- und den 90er-Jahren auf Kassetten zu übertragen. Dabei fiel ihm auf, dass die sprechenden Politiker in ihren Reden allmählich immer mehr auf ihren Dialekt verzichteten und immer häufiger fast nur noch Hochdeutsch sprachen.

„Mir war gar nicht klar, dass das eine Forschungslücke war“, erzählt Lameli. Die Frage, was in einer Zeit des Sprachwandels noch vom Dialekt übrigbleibt, beschäftigte ihn aber fortan und war schon das Thema seiner Doktorarbeit. „Sprache ist etwas Dynamisches und Flexibles und nichts Statisches“, erläutert Lameli. Spannend findet er es beispielsweise, zu untersuchen, welche Gemeinsamkeiten auch die übriggebliebenen Restbestandteile des ehemaligen Dialektes (Regiolekte) noch in einer Region stiften können. In den vergangenen zwei Jahren untersuchte Lameli ähnliche Themen als Professor an der Universität Freiburg. „Wenn Dialekte verschwinden, was macht das dann mit den Menschen?“, fragt Lameli unter anderem.

Schon vor seiner Freiburger Zeit aber war der Wissenschaftler einige Jahre lang am Deutschen Sprachatlas in Marburg tätig, wo er jetzt seit Anfang Oktober dieses Jahres den im Ruhestand befindlichen Professor Jürgen Erich Schmidt als Direktor ersetzt. Der Deutsche Sprachatlas spielt aus Sicht von Lameli eine deutschlandweit und international führende Rolle, wenn es darum gehe, wie Sprache sich auswirkt und wie sie eingesetzt wird. Explizit verneint der neue Direktor allerdings die Frage, ob das Forschungszentrum auch als eine Art Hüter der deutschen Sprache angesehen werden könne. „Das kann die Wissenschaft nicht erfüllen und das ist auch nicht wünschenswert“, sagt Lameli.

Folgende Fragen sollten sich die Marburger Forscher am Sprachatlas aus seiner Sicht sehr wohl stellen: Wie setzt man Sprache auch strategisch ein und wie wirkt sich dies aus? Wie funktioniert sprachliche Diskriminierung, beispielsweise wenn es um Gender-Gerechtigkeit geht?

Das an der Marburger Universität angesiedelte Forschungszentrum sieht Alfred Lameli auf jeden Fall in der Pflicht, den aktuellen Zustand von Sprache auch zu dokumentieren und herauszufinden, wie sie sich entwickelt. Besonders die Vielfalt der Ansätze von der Dialektforschung über die Neurowissenschaften bis hin zur Bedeutung der Mehrsprachigkeit haben ihn daran gereizt, am Marburger Zentrum Verantwortung zu übernehmen.

Dabei hatte er sich nach seinem Weggang nach Freiburg ursprünglich gar nicht vorgestellt, wieder an die Uni Marburg zurückzukehren, erläutert Lameli im OP-Gespräch. „Aber dieses Zentrum bietet doch Forschungsbedingungen, wie sie sonst auch international so nicht möglich sind“. Dass dieses mittlerweile in Fachkreisen auch so anerkannt sei, das sei auch ein Verdienst seines Vorgängers Schmidt, der das Marburger Institut seit seinem Amtsantritt vor 20 Jahren wieder groß gemacht habe. „Jetzt finde ich ein Institut vor, das funktioniert und ein tolles Team, das mir hilft“, sagt Lameli.

Neben seiner Aufgabe als Zentrums-Manager möchte er aber weiterhin auch aktiv forschen. Zudem will er mithelfen, die Erwartungen aus dem Wissenschaftsministerium zu erfüllen, dass vom Forschungszentrum eine aktive Rolle beim Wissenstransfer erwartet. Zudem gelte es, den vom Wissenschaftsrat ausgerufenen Wandel zu datenintensiverer Wissenschaft umzusetzen. So seien zwar die rund 50 000 historischen Sprachkarten des Marburger Sprachpioniers Georg Wenker (1852-1911) zwar mittlerweile als Digitalisate verfügbar, aber noch nicht in Datenbanken so aufbereitet, dass die Forschung damit sinnvoll arbeiten könne, um beispielsweise detailliert sprachliche Phänomen zu analysieren.

Von Manfred Hitzeroth