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Marburg Spies will um jeden Preis die zweite Amtszeit
Marburg Spies will um jeden Preis die zweite Amtszeit
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12:12 02.02.2021
Dr. Thomas Spies (SPD) will Marburgs Oberbürgermeister bleiben.
Dr. Thomas Spies (SPD) will Marburgs Oberbürgermeister bleiben. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

„Nein, nicht vor dem Schloss – ich bin doch kein Landgraf.“ Die Stadt, seine Stadt möchte Thomas Spies als Hintergrund für Fotos und Video. Dann stimmt die Kulisse, aber so richtig zufrieden ist der Oberbürgermeister trotzdem nicht: „Zwei Monate ohne Friseur, das hat Spuren hinterlassen“, sagt Spies, den man von aktuelleren Fotos in der Tat mit leichtem Sidecut kannte, während der böige Januarwind jetzt einen Schopf zerzaust, der eher an Tote-Hosen-Sänger Campino erinnert.

Egal, geht eben gerade nicht anders, viel wichtiger ist, dass er die Hände nicht in den Taschen des schwarzen Wintermantels vergraben mag. „Ich habe sie lieber draußen wie ein Arbeiter, weil ich die Dinge anpacken will.“ Daran glaubt der Amtsinhaber, an die Macht der Gesten und er erzählt, dass er sich während des digitalen Neujahrsempfangs „immer zurückhalten musste, nicht zu sehr mit den Händeln herumzufuchteln“.

Beachtlicher Schritt, bergauf wie bergab

Als „notorischen Fußgänger“ bezeichnet Spies sich selbst, während er das Landgrafenschloss umrundet. Das merkt man dem 58-Jährigen an, der zwar wie die meisten seiner Mitmenschen darüber klagt, momentan nicht genug für seine Fitness tun zu können, jedoch einen beachtlichen Schritt an den Tag legt – bergauf wie bergab.

Während der Weg an seinem Elternhaus am Renthof vorbeiführt, erzählt der Sozialdemokrat, dass er viel mit dem E-Bike und öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist und er – der frühere Sportcabriofahrer – sich mittlerweile höchstens noch hinter das Steuer eines Carsharing-Autos setzt, wenn’s mal sein muss.

Ach ja, und private Flugreisen verkneift er sich seit 2019 auch, wandert lieber über den Rothaarsteig, als auf den Kanaren am Strand zu liegen. Klingt nach einem klimapolitischen Überzeugungstäter und Spies sagt auch: „Auf unseren Marburger Klimaaktionsplan bin ich schon stolz.“ Ein SPD-Mann, grüner als die Grünen also? Nicht unbedingt: „Die sozialdemokratische Sicht ist nicht: Machen wir Klimaschutz oder nicht?“ Vielmehr gelte es, dafür zu sorgen, dass Klimaschutz die „kleinen Leute“ nicht zu sehr belastet.

Aufgewachsen in einer durch und durch sozialdemokratischen Familie sei es im Hause Spies in allen Diskussionen um die „zentrale Frage der Gerechtigkeit“ gegangen: „Bei uns wurde immer auch viel über Bildungspolitik gesprochen, denn Bildung schafft Gerechtigkeit.“

Ein sozialdemokratischer Lehrsatz par excellence, dem ein Spies’scher Lehrsatz folgt: „Politik ist für mich nicht nur, Gutes zu wollen, sondern die Frage nach dem Weg dorthin zu stellen.“ Das sei gleichzeitig eine Stärke und eine Schwäche von ihm, sich in jedes Problem zu vertiefen, charakterisiert sich der gebürtige Marburger selbst, während er seine Schritte am Alten Botanischen Garten vorbei Richtung Lahn lenkt.

Rückblickend räumt der Oberbürgermeister ein, dass er die ersten zwei Jahre seiner Amtszeit dafür benötigt habe, in dieser Aufgabe anzukommen. Dass er lernen musste, in großen Runden keine rein repräsentative Rolle einzunehmen, lernen musste, den missionarischen Eifer des Landtagsabgeordneten Spies abzulegen, sich angewöhnen musste, sich auf die Lebenssituationen der Marburgerinnen und Marburger einzulassen.

Geht Spies heute durch die Stadt, wird er angesprochen – am Hirsefeldsteg von einer älteren Frau, die eine Fahrradspur auf der Weidenhäuser Brücke einfordert, auf der Gutenbergstraße von einem bettelnden Mann: „Herr Oberbürgermeister, wovon sollen wir uns FFP2-Masken leisten?“

„Ich habe mich persönlich geöffnet“

Mit allen, die ihn ansprechen, spricht er – ohne Versprechungen zu machen, aber immer bemüht, zumindest den Ansatz einer Lösung zu präsentieren. „Ich habe mich persönlich geöffnet und ich habe verstanden, dass ich als OB viele Probleme lösen kann“, erklärt Spies seine Entwicklung während der auslaufenden Amtszeit und fügt an: „Ich habe so vieles angefangen, und das will ich auch zu Ende bringen.“ Dafür müsste Thomas Spies in die nächste Amtszeit gehen. Was, wenn nicht? „Natürlich, ich habe ja auch einen Beruf gelernt, der mich ernährt“, sagt der Mediziner Spies: „Dann fahre ich eben wieder im Notarztwagen mit.“

Nach einem wirklichen Plan B für den Fall einer Niederlage bei der OB-Wahl klingt das nicht. Also auf den Amtsbonus setzen? Kämpfen um den Chefsessel im Rathaus? Geht Wahlkampf im zweiten Corona-Jahr 2021 überhaupt? „Die Parteispitze ist da sehr engagiert, aber ich selbst habe überhaupt keine Zeit für Wahlkampf“, konstatiert Spies, verabschiedet sich und stürmt im nächsten Moment durch die Barfüßerstraße auf das Rathaus zu. Mit wehenden Haaren, wehendem roten Schal und wehendem Mantel.

Von Carsten Beckmann