Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Spies rettet Mini-Vorsprung ins Ziel
Marburg Spies rettet Mini-Vorsprung ins Ziel
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:40 28.03.2021
Dr. Thomas Spies (SPD) nach der Zitterpartie im Gespräch mit Nadine Bernshausen (Grüne). Foto: Nadine Weigel
Dr. Thomas Spies (SPD) nach der Zitterpartie im Gespräch mit Nadine Bernshausen (Grüne). Foto: Nadine Weigel Quelle: Nadine Weigel
Anzeige
Marburg

Ein kurzes Raunen geht durch die Stadthalle, als die ersten Ergebnisse eintrudeln und Nadine Bernshausen (Grüne) in den Außenstadtteilen, zwischen Cyriaxweimar und Michelbach vorne liegt. Die Dorfbewohner wählen lieber grün als rot? Die Hoffnung der Herausforderin, dass das so bleibt, sollte innerhalb der nächsten zwei Stunden nicht schwinden.

Der rote Balken des alten und neuen Oberbürgermeisters Dr. Thomas Spies (SPD) wächst aber an, überholt den von Bernshausen, stabilisiert sich knapp vor dem grünen Balken – und rettet sich dann auf den letzten Metern geradeso mit einem Mini-Vorsprung ins Ziel. „Gewonnen ist gewonnen. Ich freue mich über das Vertrauen der Menschen für eine zweite Amtszeit“, sagt Spies nach Ende des engen Rennens, dem haarscharfen 0,4-Prozent-Stichwahl-Sieg.

Es sei der „erwartbar knappe Ausgang“ gewesen, der von der Corona-Pandemie beeinflusste Wahlkampf habe sowohl das Resultat als auch die grundsätzliche Stimmung in der Universitätsstadt „unkalkulierbar“ gemacht. Umso glücklicher sei er, dass es speziell in den vergangenen zwei Wochen eine „breite öffentliche Unterstützung und viel Zuspruch“ für ihn gegeben habe. „Ich habe gesagt und sage weiterhin, dass ich der Oberbürgermeister aller Marburger sein will. In der Stichwahl haben wir eben mit ähnlichen Positionen um dieselbe Wählerschaft gekämpft“, sagt er im Hinblick auf das für einen Amtsinhaber – gerade gegen eine Newcomerin – schwache und für Bernshausen „bemerkenswert gute“ Resultat. Ihm sei „immer daran gelegen, einen breiten Konsens herzustellen“, sagt er im Hinblick auf die künftig wohl nötige Zusammenarbeit mit einer grün-geführten Stadtregierung. Wohnungsbau und Klimaschutzpolitik sieht er als wesentliche Inhalte der nächsten Jahre.

Ein Knackpunkt für das Ergebnis ist wohl, dass der gerade so im Amt bestätigte Spies in Teilen der Innenstadt diesmal etwas besser abschnitt als erwartet, etwa in Weidenhausen. Auch der Ortenberg –wo sich die offizielle Unterstützung der Linken bemerkbar gemacht haben könnte – fiel an ihn. Als Rückgrat haben sich der Richtsberg und, viel entscheidender aus SPD-Sicht, Ockershausen und Teile Cappels erwiesen. In diesen einwohnerstarken Stadtteilen, die seit langem zur SPD tendieren, hat der sozialdemokratische Schutzwall gehalten. Und: Wehrshausen, eigentlich mit einer bürgerlicheren Klientel gespickt, entschied sich überraschend mehrheitlich für den Amtsinhaber.

Ein entscheidender Faktor für das Ergebnis dürfte die im Vergleich zum 14. März eingebrochene Wahlbeteiligung sein (42,5 statt 55 Prozent). Im Vorfeld war klar, dass Bernshausen für einen Sieg eine Wechselstimmung erzeugen, viele Wähler gerade aus dem eher bürgerlichen Lager würde gewinnen müssen. Entsprechend hätten nicht zu viele, die zuletzt CDU-Kandidat Dirk Bamberger unterstützten, zuhause bleiben dürfen. Und auch wenn, siehe Wahlbeteiligung, deutlich weniger Marburger zur Stich- als zur Kommunalwahl gingen, wäre die Rechnung fast aufgegangen.

Bernshausen, die nach der ersten Runde 2 500 und am Ende 95 Stimmen Rückstand auf Spies hatte, gewann einen der drei Schlüsselbezirke: die Marbach. Dort konnte sie offenbar auf das bürgerliche Lager zählen, auch auf Stimmen aus der FDP. In Wehrda holte die Herausforderin ebenfalls auf, rückte letztlich in der ganzen Stadt heran.

„Es ist schade, dass ich mein Versprechen so nicht halten kann, wie ich es wollte. Ich wollte einen neuen Stil, einen Wechsel in der Politik. Im Parlament wird das gelingen, aber leider nicht im Rathaus“, sagt sie und gratuliert Spies im Zwiegespräch ebenso wie offiziell. Trotzdem zeige das Ergebnis, dass es eine Wechselstimmung gibt. „Knapp vorbei ist jedoch leider auch daneben.“ Darüber sei sie zwar „enttäuscht“, aber die Tatsache, aus dem Stand so viele Stimmen, im Parlament den Regierungsauftrag bekommen zu haben, sei „wunderbar“. Jetzt gelte es, dafür zu sorgen, die „platzierten und von anderen übernommenen Themen auch durchzuziehen“. In diesem Sinne gehe es jetzt an die Regierungsbildung mit „Fokus auf unseren Themen und verlässlichen Partnern“. Öko-Bündnis mit Klimaliste und SPD? Jamaika mit CDU und FDP? Die Verhandlungen beginnen rund um Ostern.

Von Björn Wisker