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Marburg Schillernde Pflanzen, marode Technik
Marburg Schillernde Pflanzen, marode Technik
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07:56 30.05.2020
Gewächshausleiter Jan Hußmann zeigt: Der Kakaobaum wächst derzeit prächtig. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Die tropische Welt auf den Lahnbergen blüht momentan im Verborgenen. Denn die Schaugewächshäuser im Botanischen Garten dürfen wegen coronabedingter Abstandregeln nur von den Mitarbeitern betreten werden und sind im Gegensatz zum Freilandbereich geschlossen für die Besucher.

Die Wege und Pfade im Inneren der Schaugewächshäuser sind einfach für den regulären Besucherbetrieb und der aktuellen Krise zu eng und verschlungen. Jan Hußmann, Leiter der Gewächshaus-Abteilung, gab der OP bei einem Rundgang einen derzeit einmaligen Einblick in eine bunt schillernde Welt:

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Ein feuchtwarmer Luftschwall empfängt die Besucher direkt im ersten Gewächshaus, nachdem sie die Eingangsschleuse passiert haben. Die erste Überraschung bietet ein munteres Vogelgezwitscher. Sind das etwa tropische Vögel, die zwischen Palmen und Lianen und anderen Tropenbäumen hin und herflattern.

Nein, es sind heimische Amseln, die sich hier seit Jahren ihr Domizil erobert haben. „Die können auch ganz schön frech sein“, erklärt Hußmann. Zudem fliegt plötzlich eine Blaumeise heran. Die Vögel scheinen sich auch inmitten einer für sie eher ungewohnten bunten Blüten- und Blätterpracht im Tropenhaus wohl zu fühlen.

Seltene Pflanzenarten

Besonders beeindruckend ist derzeit, wie fantastisch sich der Kakaobaum im Nutzplanzenhaus entwickelt hat. Er ist über und über mit großen braunen Früchten behängt, die das Ausgangsmaterial für die Schokoladenherstellung bilden. Ein Anblick, der sich in den vergangenen Jahren den Besuchern so nicht oft gezeigt hat! Prächtig entwickelt haben sich auch die grün schillernden Blüten des Jadeweins.

Stolz ist Hußmann auf einen ganz speziellen Baum, ein Exemplar der Wollemie, das dem Botanischen Garten aus Australien übereignet wurde. Es ist ein Baum einer erst 1994 in Australien entdeckten Pflanzenart. Sie war zuvor nur aus viele Millionen Jahre alten Fossilien bekannt und galt als ausgestorben. Doch das Marburger Exemplar hat sich gut entwickelt und es gibt sogar eine Nachzucht.

Im Sukkulentenhaus sieht man Kakteen in allen Größen und Formen bis hin zum Elefantenfuß. Auch die Naturwelt der Kanaren ist in einem Gewächshaus nachgebildet. Insgesamt gibt es acht Schaugewächshäuser sowie 23 Anzucht- und Sammlungshäuser.

Doch bei dem Rundgang weist Jan Hußmann auch in jedem der Gewächshäuser darauf hin, wo die Schwachstellen liegen. Denn seit der Einweihung der Häuser Ende der 70er-Jahre wurde so gut wie nichts erneuert. So sind zahlreiche Dachplatten beschädigt und es bilden sich in den Rissen Moose und Algen.

Hagelschäden haben zum Teil fünf Zentimeter große Löcher verursacht, die notdürftig geflickt wurden. Ein weiteres Problem: Durch die starke Sonneneinstrahlung über die Jahre sind die Dachplatten teilweise stark vergilbt.

Veraltete Heiz- und Lüftungstechnik

Eigentlich eine sehr effiziente Methode zur Regulierung der Sonneneinstrahlung besteht aus einem ausgeklügelten Holzlamellen-System. Doch die sogenannten „Schattierungen“ sind in die Jahre gekommen. Nach mehr als 40 Jahren sind einzelne Latten verbogen oder gebrochen.

Das System ist teilweise so fragil, dass die Mitarbeiter in einem Fall nur im Frühjahr und im Herbst die Schattierung ein- und ausschalten. Eine völlig veraltete Heiz- und Lüftungstechnik sowie die energie-ineffiziente Gestaltung der Außenwände tragen zum großen Sanierungsaufwand bei.

Wind und Wetter haben auch an den Anzuchthäusern, in denen vor allem die Pflanzen für den großen Freilandbereich gezogen werden, ihren Tribut gefordert, wie Hußmann bei einem Rundgang eindeutig darlegt. So funktioniert beispielsweise die Lüftung bei den Erdhäusern nur händisch, was eine sehr schwere Aufgabe darstellt. „Wir erleben jeden Tag Überraschungen“, sagt der Leiter der Gewächshäuser. Bei der kurzfristigen Reparatur ist Improvisationstalent gefragt.

Fünf Millionen Euro nötig

Bei den Uni-Verantwortlichen ist das Thema seit Jahren bekannt. Das Geld aus dem normalen Uni-Etat würde dafür aber nicht ausreichen. Für rund fünf Millionen Euro sollen die aus den 70er-Jahren stammenden Gewächshäuser des Botanischen Gartens der Universität saniert werden. Rund 2.800 Quadratmeter Glas sollen in den Schaugewächshäusern ausgetauscht werden sowie 1.700 Quadratmeter in den Anzucht- und Sammlungshäusern.

Das Geld dazu will die Universität vor allem mit einer großangelegten Spendenkampagne aquirieren, die nach coronabedingten Verzögerungen offiziell erst im kommenden Frühjahr startet. Frühestens im Jahr 2022 könnte dann die Gewächshaus-Sanierung starten, wenn auch die Finanzierung steht. Das allerdings ist dann eine mehrere Jahre dauernde Aufgabe, denn bei der Sanierung im laufenden Betrieb könnten nicht alle Gewächshäuser auf einmal geschlossen werden.

Pflanzenfreunde gesucht

Die Fundraising-Kampagne der Universität startet offiziell erst im April 2021. Doch gespendet werden kann jetzt auch schon. Für eine Spende in Höhe ab 35 Euro können Unterstützer zum Pflanzenfreund werden. Wer spendet erhält eine Dankekarte mit einem Saatgut-Tütchen (heimisches, regionales Saatgut).

Als zusätzliches Dankeschön entsteht am Bienenpavillon im Außengelände des Botanischen Garten ein bienenfreundliches Spenderbeet mit Stauden und Blumenzwiebeln etc. Stellvertretend für die 8.000 Pflanzenarten, die es im Botanischen Garten gibt, sollen bis Ende der Kampagne im Jahr 2023 etwa 8.000 Pflanzenfreunde gewonnen werden, erklärt Iris Rubinich, die bei der Universität die Abteilung „Fundraising“ leitet.

Bepflanzt werden soll das Beet durch die Staudengärtner im Botanischen Garten jeweils im Frühjahr und Herbst. Die erste Pflanzung wird im Herbst dieses Jahres beginnen. Die zweite ist für das Frühjahr 2021 geplant, und zwar kurz vor dem offiziellen Kampagnen-Auftakt-Event am 24. April 2021 – zeitgleich mit dem Pflanzenflohmarkt des Freundeskreises des Neuen Botanischen Gartens.

Die Pflanzenfreundkarte kann auch verschenkt werden. Das Spenderbeet besteht aus vier Abschnitten. Unser Ziel ist es, bis zum Auftakt-Event idealerweise schon das erste Viertel bepflanzt zu haben, das heißt, 2.000 Pflanzenfreunde gewonnen zu haben). Das Geld fließt in die Sanierung der Gewächshäuser im Botanischen Garten.

Der Spendenfonds für den Botanischen Garten ist bereits vorhanden und erste Spenden sind eingegangen. Alle Informationen finden sich auf der Kampagnen-Webseite www.ich-blüh-für-dich.de. Der Botanische Garten auf den Lahnbergen ist derzeit täglich von 9 Uhr bis 18 Uhr geöffnet. Besichtigt werden kann nur der Freilandbereich. Aufgrund der Schließung der Schaugewächshäuser ist der Eintritt ermäßigt.

Von Manfred Hitzeroth

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