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Marburg Spaziergang zu „außerordentlich schützenswerten Ort“
Marburg Spaziergang zu „außerordentlich schützenswerten Ort“
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15:26 09.03.2022
In himmelblauer Regenjacke unterstreicht Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies mit Gesten seine Äußerungen gegenüber den Gegnern eines im Entwurf des Regionalplanes vorgesehenen Gewerbegebietes bei Moischt.
In himmelblauer Regenjacke unterstreicht Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies mit Gesten seine Äußerungen gegenüber den Gegnern eines im Entwurf des Regionalplanes vorgesehenen Gewerbegebietes bei Moischt. Quelle: Gianfranco Fain
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Moischt

Diesmal warteten die Bürger des Marburger Stadtteils Moischt und des zur Gemeinde Ebsdorfergrund zugehörigen Ortes Beltershausen nicht vergeblich. Am Dienstagnachmittag traf Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies zur vereinbarten Zeit vor der Mehrzweckhalle ein, mit dabei war auch Nadine Bernshausen. Die Bürgermeisterin holte ihren genau eine Woche zuvor ausgefallenen Termin mit den Moischtern nach.

Die Stadtteilbewohner zeigten damals zwar Verständnis für die krankheitsbedingte Absage der Grünen-Spitzenpolitikerin, weniger aber für das Ausbleiben der ebenfalls zugesagten Vertreter der Fraktion im Stadtparlament. Diese, so berichtete Ortsvorsteherin Margarete Hokamp nach einer telefonischen Rückfrage, wären davon ausgegangen, dass der Termin nicht stattfinde, da die Bürgermeisterin nicht käme.

Doch die Grünen waren nicht die Einzigen, die die Moischter bei eisigem Wind im zunehmenden Regen stehen ließen. Auch von der Klimaliste ließ sich niemand blicken, die aber, so hieß es im Gegensatz zur Wahrnehmung der Moischter, keine verbindliche Zusage gegeben hätten.

An diesem Dienstag waren sie aber alle am Treffpunkt und gingen zur Streuobstwiese des Nabu am unteren Rand des derzeit möglichen, 32 Hektar großen Industrie- und Gewerbegebietes. Der Weg führte die Kommunalpolitiker an einer Menschenreihe vorbei.

Rund 100 Moischter Bürger stellten sich wie am Dienstag zuvor am Rand des womöglich vor der Umwandlung stehenden Ackers auf, folgten den vorbeigehenden Vertretern von SPD, Grüne und Klimaliste. Auf der Streuobstwiese erläuterte Dr. Armin Bender den rund 130 Interessierten die Bedeutung der Anlage, in der unter anderem Steinkäuze und Rebhühner leben und auf der auch das Imkern betrieben wird. Was hier in Jahrzehnten entstand, würde ein Gewerbegebiet zerstören, erklärte Dr. Bender.

Auch weitere Moischter meldeten sich zu Wort. So sagte Barbara Amend, dass ein Industriegebiet in der Größe des bisherigen Ortes jedes Dorf zerstört. Matthias Koch-Schirrmeister präzisierte, dass sich die Fläche des Ortes gar verdreifachen würde, wenn zu der vorgesehenen Gewerbe- auch noch die Siedlungsflächen hinzugezählt würden ergäbe dies 56 Hektar.

Entlang des Ackers bei Moischt, der im Entwurf des Regionalplans als 32 Hektar großes Industrie- und Gewerbegebiet vorgesehen ist, stellten sich zum Termin mit Marburgs Oberbürgermeister rund 100 Standortgegner in einer langen Reihe auf. Quelle: Gianfranco Fain

Das sei „vollkommen aus der Zeit gefallen“, sagte der Mitinitiator einer Bürgerinitiative. Die BI „Rettet den Hohnes“ soll am 16. März ausgerufen werden. Einen Appell, den „Wahn der Flächenversiegelung zu beenden“, sprachen auch die Landwirte aus. Derzeit bearbeiten noch fünf Bauern im Vollerwerb die „wertvollen Böden“ und die Nachfolger stünden schon bereit, hätten aber angesichts der Pläne der Stadt keine Perspektive. Wenn der Lebensmittelproduktion weitere Böden entzogen würden, so folge nach dem Klima-, der Energie- und schließlich der Nahrungsmittelnotstand, warnten sie.

Oberbürgermeister Spies sprach auch für die anderen Kommunalpolitiker, dass sie vor Ort wären, um Hinweise und Anregungen für die Stellungnahme der Stadt an das Regierungspräsidium aufzunehmen.

Was die Stadt nicht machen werde, sei, dieses Gebiet zugunsten eines anderen fallen zu lassen. Es sei auch nicht die Haltung der Stadt, an den Rändern beliebig viel Fläche zu versiegeln. Vielmehr verfolge man seit Jahren die Strategie, versiegelte, aber nicht mehr genutzte Flächen im Innenbereich der Stadt zu Wohnzwecken umzuwandeln. Spies nannte als Beispiele die ehemaligen Kasernen, das Bahnhofsgelände oder jetzt die Temmlerstraße.

Aber in einem engen Tal seien die Möglichkeiten irgendwann auch ausgeschöpft, sagte Spies. Deshalb müssten die Verantwortlichen der Stadt überlegen, auf welchen Flächen eine zukünftige Entwicklung noch möglich wäre. Dabei habe man in Marburg ganz andere Ansprüche als anderorts, wie Wirtschaftsentwicklung erfolgen sollte.

„Ein Ort wie dieser ist außerordentlich schützenswert“, sagte Spies unter Beifall und fügte an: „Das nehmen wir jetzt mit zum weiteren Nachdenken und schauen, wie wir die vielen unterschiedlichen Erfordernisse vernünftig zusammenbringen.“ Dabei hoffe man Lösungen zu finden, die die Herausforderungen des Klimanotstandsbeschlusses und der klimagerechten Entwicklung der Stadt adäquat umsetzt und darin die in Moischt geäußerten Positionen einzubeziehen.

Von Gianfranco Fain

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