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Marburg „Auf dem Weg raus“
Marburg „Auf dem Weg raus“
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20:05 10.09.2021
Bundesminister Jens Spahn sprach im Auditorium des Universitätsklinikums vor rund 40 Mitarbeitern aus allen Bereichen des Krankenhauses.
Bundesminister Jens Spahn sprach im Auditorium des Universitätsklinikums vor rund 40 Mitarbeitern aus allen Bereichen des Krankenhauses. Quelle: Gianfranco Fain
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Von der Öffentlichkeit fast unbemerkt besuchte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn am Freitagmorgen (10. September) das Universitätsklinikum auf den Lahnbergen. Vor rund 40 Mitarbeitern aus allen Bereichen des Klinikums sprach der Christdemokrat in dessen Auditorium über die Herausforderungen der Pandemie, hörte sich rund 40 Minuten die Kritik der Belegschaft an, machte sich Notizen und nahm dazu Stellung.

Spahn wollte zwar nur über die Gesundheitspolitik auf Bundesebene sprechen, doch nach seiner Einführungsrede zog der Betriebsratsvorsitzende Frank Eggers ihn auf die lokale Ebene. Er trug sein Anliegen so vehement vor dem Minister vor, dass dieser mahnte, „ein wenig Abstand müssen wir schon halten“ und seinen Mundschutz wieder aufsetzte. Eggers bezeichnete das DRG-Abrechnungssystem als personalfeindlich. Statt Fallpauschalen brauche die Uniklinik einen adaptierten Leistungs- und Materialeinsatz.

Eine Vor-Ort-Expertise solle das vom Land gesteuerte Verteilen des Geldes ablösen und die Teamleistungen seien nicht zu entsolidarisieren, weil man alle Arbeitsgruppen am Krankenhaus brauche. Diese sollten wiederum entsprechend ihrer Spezialisierung arbeiten, statt Aufgaben anderer Bereiche übernehmen zu müssen, forderte Eggers.

Auch sollte Pflegepersonal nicht aus Altenheimen „ausgesaugt“, sondern mehr am Klinikum ausgebildet werden. Auch brauche das Personal des privaten Konzerns Planungssicherheit statt Outsourcing, forderte Eggers.

„Die Pflege sitzt mittlerweile am viel längeren Hebel“

Spahn ging auf die Finanzierung von Krankenhäusern ein, gab zu, dass das System der Fallpauschalen auch zu Fehlanreizen führte. Deshalb sei die Pflege ausgegliedert worden, weil viele zu oft zu Lasten der Pflege sparten, obwohl sie wichtig für die Genesung der Patienten sei. Die Versorgung müsse bedarfsgerechter werden, die Grundversorgung gestärkt und fallunabhängiger finanziert werden, wozu aber die Krankenhausstrukturen zu verändern seien.

In der Pflege gebe es dank der eingeleiteten Veränderungen so viele Auszubildende wie lange nicht mehr – 13 Prozent Plus in den vergangenen zwei Jahren. Dennoch sei eine oft geforderte Eins-zu-eins-Betreuung nicht möglich, weil immer noch Personal fehle. Er höre von ehemaligen Pflegern, dass sie zwar in den Beruf zurückkehren würden, aber erst, wenn es mehr Pflegekräfte gebe, weil es sonst zu stressig sei. Das passte zum Beitrag einer Auszubildenden, die „keinen Anreiz“ sehe, „diesen Beruf unter den jetzigen Bedingungen 40 Jahre lang auszuüben“. Für zu viele Patienten hätten sie zu wenig Zeit, was zu Überlastung und Fehlern führe.

Stimmung heben

Spahn forderte dazu auf, zusammen die Stimmung zu heben, um die Pflegeberufe attraktiver zu machen. Er erwähnte, dass er keinen direkten Ansprechpartner habe, weil die Pflegekräfte nicht organisiert seien. Und er riet zu mehr Selbstbewusstsein: „Die Pflege sitzt mittlerweile am viel längeren Hebel. Es gibt keinen Arbeitgeber in der Region, der nicht Personal sucht. Die nehmen Sie mit Kusshand“, wies Spahn einen Weg, wenn Pflegende sich nicht für anderweitige Arbeiten einsetzen lassen wollten oder mit den Arbeitsbedingungen unzufrieden seien.

Das Stärken der Gesundheitsberufe ist auch eines der Verbesserungsziele, die Spahn in seiner Begrüßung anführte. Damit habe man schon vor der Pandemie begonnen, beispielsweise bei der Ausbildung, deren Vergütung, die Ausgliederung der Pflege aus den Fallpauschalen und das Abschaffen des Schulgeldes.  

„Sind vergleichsweise gut durch Pandemie gekommen“

Die weiteren Ziele leitete Spahn aus seinem Pandemie-Überblick ab, dem überragenden medizinischen Thema dieser Zeit. Durch die Pandemie sei Deutschland im europäischen und internationalen Vergleich vergleichsweise gut durchgekommen. So verzeichne Großbritannien doppelt so viele Todesfälle wie Deutschland, wo das Gesundheitswesen – anders als in anderen Ländern – jederzeit jeden Patienten behandeln konnte, und auch wirtschaftlich habe man die Folgen der Pandemie relativ gut überstanden.

Nun sei man zwar noch in der Pandemie, aber „auf dem Weg raus“. Stolz könne man sein, dass der erste PCR-Test und auch der erste Impfstoff aus Deutschland kamen, was beweise, dass Forschung und Innovationen einen Unterschied machen könne. Aus der Pandemie könne man aber auch mitnehmen „wo wir besser werden müssen“. Beispielsweise in der Digitalisierung, die stockte, „weil jeder sein Inseldasein verteidigte und sich nicht vernetzen wollte“.

Der digitale Impfpass

So sei das Fax vom Labor zum Gesundheitsamt keine Legende gewesen, aber mittlerweile Geschichte. Aber auch solche Verhaltensmuster seien zu überwinden, wenn man nur wolle. „In der Pandemie ging’s“, sagte Spahn und führte als weiteres Beispiel den digitalen Impfpass an.

Ebenfalls bessern müsse sich die Abhängigkeit von China, gerade bei Gesundheits- und Biotechnologie. „Stellen Sie sich mal vor, China hätte einen Impfstoff entwickelt, die westlichen Demokratien hätten keinen und müssten betteln“, führte Spahn ein Szenario vor Augen. Deshalb müssten in der EU und Deutschland Gesundheits- und Biotechnologien vorhanden sein, um in der Forschung, in der Clusterbildung, mit Wissenschaft und Wirtschaft in der Weltliga mitspielen zu können.

Von Gianfranco Fain

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