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Marburg Sozialtarif für Energie denkbar
Marburg Sozialtarif für Energie denkbar
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21:10 15.10.2021
Ein Auto steht in einer Tankstelle an der Zapfsäule. Der bundesweite Tagesdurchschnitt für Benzin und Diesel ist in Deutschland weiter angestiegen.
Ein Auto steht in einer Tankstelle an der Zapfsäule. Der bundesweite Tagesdurchschnitt für Benzin und Diesel ist in Deutschland weiter angestiegen. Quelle: Fabian Sommer
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Marburg

Dr. Bernhard Müller, der Geschäftsführer der Marburger Stadtwerke, ist „geschockt“: Mit einem solchen Anstieg der Energiepreise hat er nicht gerechnet.

Dabei gelte es zwei Dinge auseinanderzuhalten: die Situation auf dem internationalen Energiemarkt, der „von uns nicht beeinflussbar“ ist, und die Energiepolitik in Deutschland, die mit Netzentgelten, CO2-Abgabe oder EEG-Umlage einen Teil der Energiepreise ausmacht.

Zumindest was die EEG-Umlage angeht, gab es am Freitag vorsichtige Entwarnung. Die EEG-Umlage, die den Strompreis verteuert, sinkt zum Jahreswechsel deutlich.

Das dürfte den Strompreis zunächst einmal stabilisieren – dass er gleich fällt, ist unwahrscheinlich, denn der niedrigeren EEG-Umlage stehen die höheren Beschaffungskosten gegenüber, die die Energieversorger für Strom zahlen müssen.

Müller ist dennoch schockiert darüber, dass der Gaspreis in Deutschland so hoch ist, dass es sich fast schon wieder lohne, Kohlekraftwerke ans Netz zu hängen. Solange Nordstream noch nicht in Betrieb ist und Gas aus Russland liefere, sei dies eine „Hängepartie.

Verschärfend komme hinzu, dass die Erdgasspeicher in Deutschland nicht gefüllt seien, sagt Müller. „Das heißt: Die Energieknappheit wird über den Winter fortgeführt“, so der Marburger. Mit drastischen Konsequenzen: So nimmt derzeit ein regionaler Energieversorger keine neuen Kunden auf.

„Wir wollen keinen 60-prozentigen Preisanstieg beim Öl, wir wollen keinen 80-prozentigen Anstieg beim Strom und keine 50 Prozent beim Gas.“

Einen Lichtblick gibt es aber für Müller und die Marburger Stadtwerke: „Die Mengen, die wir in den Jahren 2022 und 2023 brauchen, haben wir schon eingekauft.“ Was nicht heißt, dass die Preise bei den Marburger Stadtwerken in diesem Winter stabil bleiben müssten: „Wir werden darüber in den nächsten 14 Tagen entscheiden“, sagt Müller. CO2-Abgabe, Steuern, EEG und Netzabgabe müssten berechnet werden und in die Preisgestaltung einfließen.

Langfristig werden sich Verbraucher wohl mit tendenziell steigenden Preisen für Benzin, Gas oder Strom anfreunden müssen. Das ist durch die höhere CO2-Abgabe auf fossile Brennstoffe auch klimapolitisch gewollt.

Hinzu kommt: Die wirtschaftliche Erholung nach der Pandemie lässt die Nachfrage steigen, besonders in Asien wächst der Energiehunger. Dabei ist in Europa die Erdgasfördermenge gesunken.

In verschiedenen Ländern der Welt wird schon über die Auswirkungen der hohen Energiepreise für Familien und für Menschen mit geringem Einkommen debattiert. Ob es in Deutschland zu einem „Sozialtarif“ für finanzschwache Familien kommen wird, ist derzeit offen. „Wenn die Frage konkret wird, muss man sich zusammensetzen und schauen, in welche Richtung es geht“, sagt Müller.

Experten: Extreme Preisanstiege sind vorübergehender Natur

Kleiner Trost: Die extremen Preisanstiege der vergangenen Woche sind laut Experten wohl eher vorübergehender Natur. Wenn die Gasspeicher sich füllen, mit der neuen Pipeline North Stream 2 auch wieder mehr Gas geliefert wird, dürften die Preise sinken.

Russland hat bereits angekündigt, mehr Gas nach Europa transportieren.

Von Till Conrad