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Marburg „Irgendwie wurschteln wir uns durch“
Marburg „Irgendwie wurschteln wir uns durch“
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14:00 19.11.2021
Für zahlreiche Bereiche des öffentlichen Lebens gilt die 2-G-Regel, es haben also nur Geimpfte und Genesene Zutritt. Ein Schritt, den Professor Ulrich Wagner unterstützt.
Für zahlreiche Bereiche des öffentlichen Lebens gilt die 2-G-Regel, es haben also nur Geimpfte und Genesene Zutritt. Ein Schritt, den Professor Ulrich Wagner unterstützt. Quelle: Themenfoto: Arne Dedert
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Marburg

Die vierte Welle in der Corona-Pandemie ist da, und gleichzeitig brechen immer mehr Gräben in der Gesellschaft auf und der Ton wird rauer.

Mit dem Sozialpsychologen Professor Ulrich Wagner von der Universität Marburg sprach die OP darüber, wie schwierig der gesellschaftliche Umgang mit der Pandemie geworden ist.

Seit mehr als anderthalb Jahren hält Corona die Menschheit wie in einem Würgegriff. Das führt bei vielen Menschen zu Hoffnungslosigkeit. Wie sehr zehrt das an den Nerven?

Professor Wagner: Irgendwie wurschteln wir uns durch und versuchen alles, damit es uns gut geht. Es zieht sich jetzt schon seit fast zwei Jahren hin, dass die Beziehungen zu Bekannten und Verwandten wegbrechen. Natürlich werden wir nicht eingesperrt. Aber insgesamt zehrt die Corona-Lage sehr am Gemüt. Besonders krass ist das für die alten Menschen, die in den Pflegeheimen wohnen.

Aber die lange Zeitdauer der anhaltenden Corona-Krise wirkt sich auch schlimm bei Familien mit kleinen Kindern aus. Es gibt Kinder, die seit zwei Jahren in den Kindergarten gehen und bewusst nie etwas anderes erlebt haben als dass alle Menschen Masken tragen.

Es ist leider auch keine Umkehr in Sicht. Im Gegenteil: Derzeit wird wieder vieles problematischer und schlimmer. Das führt zu einem Phänomen, das in der Sozialpsychologie als „gelernte Hilflosigkeit“ bezeichnet wird. So entsteht das Gefühl: Egal was wir tun, irgendwie ändert sich nichts. Diese Hilflosigkeit kann eine Ursache für die Entstehung von Depressionen sein.

Professor Ulrich Wagner

Wie kann man dieser Hilflosigkeit begegnen?

Das geht vor allem, indem Wissenschaft, Politik und Medien Informationen über Corona konkret sowie mit Durchschaubarkeit und Transparenz kommunizieren. Das hilft uns zumindest, zu verstehen, was vorgeht. Darüber hinaus brauchen wir klare und vorausschauende Handlungsplanungen, was bei welcher Infektionslage am besten zu tun ist.

Doch aktuell ist in der Politik eher eine Art Arbeitsverweigerung zu beklagen. Das ist ein Riesenproblem für uns alle. Es stellt sich keiner der Politiker mehr hin und liefert eine Perspektive für die Bewältigung der Corona-Krise. Aus meiner Sicht ist das Skandalöse, dass wir uns mitten in der vierten Welle befinden und es aber keine wissenschaftlich und politisch abgestimmten Planungsszenarien gibt, wie wir damit umgehen können.

Stattdessen gibt es eine völlige Konzeptlosigkeit, weitgehendes Unverständnis und das Fehlen des Austausches von Kommunikation zwischen den Akteuren aus Politik, Wissenschaft und Medien.

Es gibt ein großes Dickicht von Corona-Regeln, die sich zudem immer schneller ändern. Wer blickt da noch durch und wer hält sich noch daran?

Niemand blickt mehr durch, und das betrifft mittlerweile sogar die eigentlich politisch Verantwortlichen – die lokale Ebene vor Ort, die Bundesländer und der Bund. Das führt bei uns Bürgern wiederum zu einem Gefühl von Kontrollverlust und Hilflosigkeit wie oben beschrieben. Das Chaos kann aber auch zu einer Alles-ist-egal-Haltung führen, so dass dann wieder Karneval in Köln auf den Straßen gefeiert wird. Aus Sicht der Epidemiologen ist das natürlich besonders gefährlich.

Im Frühjahr dieses Jahres haben Sie nach dem letzten großen „Winter-Lockdown“ davor gewarnt, dass ein erneuter Lockdown nicht mehr von der Gesellschaft aufgefangen werden könnte. Jetzt ist aber die vierte Corona-Welle da, und ein erneuter Lockdown ist zumindest nicht ausgeschlossen. Was passiert dann?

Gesellschaften brechen nicht plötzlich zusammen und gehen in Konkurs. Aber die psychischen Probleme werden kontinuierlich zunehmen, wiederum besonders bei alten Menschen und Familien mit kleinen Kindern. Zwar werden die Schulen und Kindergärten jetzt noch nicht geschlossen wie beim letzten Lockdown. Aber teilweise gibt es jetzt auch schon einen „verborgenen Lockdown“, wenn einzelne Kinder und Kontaktpersonen nach Hause geschickt werden. Das belastet uns schon alle sehr. Wir müssen darüber mit zunehmender Dauer der Pandemie befürchten, in schwere ökonomische Probleme hineinzukommen, wie sich das jetzt beispielsweise schon durch die Lieferengpässe und die massiven Verteuerungen von Grundstoffen ankündigt. Und das Vertrauen in den Staat sowie staatliche Organisationen und Verantwortungsträger wird weiter massiv beschädigt, mit der Gefahr von zunehmenden auch gewalttätigen Protesten von Impfverweigerern und dann auch Impfbefürwortern.

Vor allem die Impffrage scheint die Gesellschaft derzeit zu spalten. Wie tief verläuft der Graben zwischen Geimpften und Ungeimpften, und was kann man dagegen tun?

Der Graben zwischen Geimpften und Impfgegnern ist inzwischen fast schon zu einer Mauer geworden. Man verkehrt und kommuniziert nur noch jeweils in den eigenen Milieus von Impfbefürwortern und Impfgegnern. Diese „Blasenbildung“ ist eine gefährliche Entwicklung. Umfragen zeigen, dass sich Impfverweigerer kaum noch mit Argumenten von ihrer grundsätzlichen Haltung abbringen lassen.

Ich würde daher aus konflikttheoretischer Sicht eine Impfpflicht oder mindestens die Einführung der „2G plus“-Regelung befürworten: Impfbefürworter und -gegner müssen sich aus dem Weg gehen können – gerne auch als 2G+, das heißt, dass sich auch Geimpfte beim Besuch bestimmter Veranstaltungen oder Orte noch zusätzlich testen müssten.

Wenn Sie als Sozialpsychologe den handelnden Politikern Empfehlungen zum aktuellen Umgang mit der Corona-Krise geben dürften, was würden Sie empfehlen?

Die Krise zeigt: Wir haben ein massives Strukturproblem in Politik und Verwaltung. Das gegenwärtige föderale System ist für die Bewältigung von Krisen wie der Corona-Krise nicht geeignet. Das föderale System führt zu einem Hin- und Herschieben und Verweigern von Verantwortlichkeiten auf die unterschiedlichen politischen Ebenen. Das ganze Durcheinander erhöht aktuell jedenfalls die Unsicherheit bei allen und schafft zusätzliche psychische Probleme.

Bei aller Kritik am momentanen gesellschaftlichen Umgang mit der Pandemie: Gibt es trotzdem noch etwas Positives?

Am Anfang der Pandemie haben wir Hilfsbereitschaft und Solidarität mit Nachbarn und bedürftigen Menschen erfahren. Davon ist schon noch etwas übrig geblieben. Wenn die Pandemie vorbei ist, müssen wir die Politik zwingen, die Frage der Strukturen des Gesundheitswesens und der Organisation der Krankenversorgung aufzugreifen und zu ändern. Wenn das eine Konsequenz aus der Corona-Krise wäre, dann wäre das etwas Positives.

Und woher nehmen Sie die Hoffnung, dass ein Ende der Pandemie absehbar ist?

Wir können darauf hoffen, dass die Impfquote steigt oder die Booster-Impfungen erfolgreich sind. Andererseits kann man gegenwärtig für das nächste Jahr noch kaum etwas planen. Wir müssen alles tun, damit im September 2022 nicht die fünfte oder sechste Welle kommt. Wir sollten allerdings nicht ganz ohne Hoffnung sein, denn sonst führt uns das ganz sicher in die Depression.

Von Manfred Hitzeroth

19.11.2021
19.11.2021