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Marburg Der Ton wird rauer
Marburg Der Ton wird rauer
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14:27 23.12.2021
Ein Demonstrierender forderte am Samstag in Marburg auf ihrem Plakat die Aufklärung über den vermeintlichen „Missbrauch von PCR-Tests“.
Ein Demonstrierender forderte am Samstag in Marburg auf ihrem Plakat die Aufklärung über den vermeintlichen „Missbrauch von PCR-Tests“. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Fast zwei Jahre Pandemie und kein Ende in Sicht: Der Corona-Frust ist bei vielen groß und entlädt sich mit hetzen, andere beleidigen oder bedrohen. Häufig im Fokus der Anfeindungen stehen Politiker, Polizisten, Ärzte und Journalisten. Landauf, landab gibt es immer häufiger Demonstrationen gegen die geltenden Corona-Maßnahmen. Es mehren sich Meldungen über Ausschreitungen, Protestierende verstoßen teils gegen Abstandsregeln oder die Maskenpflicht.

Letzteres war auch bei der Demo in Marburg zu beobachten, an der am Samstag rund 250 Demonstrierende teilnahmen. Dort blieb es bei kleineren Pöbeleien mit den Gegendemonstranten. Entladen hat sich der Frust einer Vielzahl von Coronagegnern im Internet. Das OP-Live-Video auf Facebook verbreitete sich in rasender Geschwindigkeit.

Mehr als 259 000 Personen haben das Video angeklickt, es gab dazu 1 568 Kommentare– ein Großteil davon Beschimpfungen und Beleidigungen gegen OP-Reporterin Nadine Weigel zum Teil mit besorgniserregendem Inhalt.

Mehr als 259 000 Personen haben das Video angeklickt, es gab dazu 1 568 Kommentare – ein Großteil davon Beschimpfungen und Beleidigungen gegen unsere Reporterin. Quelle: Screenshot

Landeskriminalamt erfasst Beleidungsdelikte

Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) sieht eine zunehmende Radikalisierung von Gegnern der Corona-Maßnahmen. „Ja, die Sorge habe ich“, sagte er im dpa-Interview. Anfang Dezember hatte Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) bereits vor einer Radikalisierung von Teilen der Querdenker-, Corona-Leugner- und Impfgegner-Szene gewarnt. Anlass: Drohungen gegen einen südhessischen Bürgermeister und ein angezündetes Testzentrum in Wiesbaden. Mit solchen Taten seien „rote Linien“ überschritten, sagte Beuth.

Gerade auch Kommunalpolitiker sind von Beleidigungen, Hass oder Drohungen betroffen. Solche Vorfälle werden in Hessen mittlerweile gebündelt erfasst. Die Polizeipräsidien sollen seit Anfang des Jahres dem hessischen Landeskriminalamt (LKA) alle Straftaten melden, die sich gegen Lokalpolitiker richten. Bislang seien in diesem Jahr entsprechende Vorfälle in einem mittleren zweistelligen Bereich bekanntgeworden, teilte das LKA mit. Bei den Straftaten handelte es sich insbesondere um Beleidigungsdelikte. Konkrete Fallzahlen sollen im kommenden Jahr veröffentlicht werden.

Professor Benno Hafeneger beobachtet die Entwicklung ebenfalls mit Sorge. Das Internet sei vermehrt voller Hass, Beschimpfungen und Aufforderungen zur Gewalt.

Benno Hafeneger. Quelle: Thorsten Richter

Ein Grund für das Überkochen sei, dass sich die Querdenker-Szene in Eigenwelten bewege, sich gegenseitig mit ihren Ideologien befruchtet, was wiederum eine eigene Dynamik in Gang setzt. „Es ist kein Aufstand der unteren sozialen Schichten“, sagt Hafeneger, der die Szene differenziert betrachtet.

Im Osten dominiere der Rechtsextremismus, der die Szene anheizt, im Westen gebe es eine Mischszene vor allem aus bürgerlichem Protestmilieu, Naturaposteln, auch christlich Evangelikale und Esoterikern, deren Anhänger überwiegend zwischen 40 und 60 Jahre alt sind. Vielen dieser Anhänger gehe es darum, dass der Staat ihnen nichts vorschreibt, oder dass die Impfung einen Eingriff in die Natur darstelle. Also ein „kruder Individualismus“, sagt Hafeneger.

Das Internet bietet diesen Gruppen vor allem mit dem Telegram-Kanal eine neue Dimension im Netzwerken, das bedeutet laut Hafeneger: Die Mobilisierungsfähigkeit steigt exponentiell. „Die Querdenker-Szene weiß das Netz clever zu nutzen“, sagt er.

Wenn – wie zu erwarten ist – nach Weihnachten von Bund und Land härtere Corona-Maßnahmen beschlossen werden, befürchtet auch Hafeneger, dass die Radikalisierung unter den Querdenkern zunimmt. „Die radikalen Querdenker rufen nach Umsturz und fantasieren wir wären auf dem Weg zur Diktatur“, sagt Hafeneger. Sie lehnen mit ihren naturromantischen Vorstellungen die Schulmedizin und das Impfen als Eingriff in den gesunden Körper ab.

Appellieren und moralisieren helfe nicht wirklich weiter, weil aus seiner Sicht nur etwa die Hälfte der Impfgegner, also diejenigen, die noch unsicher oder noch skeptisch sind, überzeugt werden könnten.

Von Silke Pfeifer-Sternke