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Marburg Schatzkammer der Sprachforscher
Marburg Schatzkammer der Sprachforscher
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14:00 05.08.2021
Dr. Brigitte Ganswindt (links) und die studentische Mitarbeiterin Hannah Seger betrachten die Büchersammlung mit seltenen Publikationen der Sprachwissenschaften.
Dr. Brigitte Ganswindt (links) und die studentische Mitarbeiterin Hannah Seger betrachten die Büchersammlung mit seltenen Publikationen der Sprachwissenschaften. Quelle: Manfred Hitzeroth
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Marburg

Es ist eine Schatzkammer der besonderen Art, die sich im Erdgeschoss des Forschungszentrums Deutscher Sprachatlas in mehreren Räumen befindet. „Die Sammlung ist der Ursprung unserer Institution“, erläutert Dr. Brigitte Ganswindt, die für die Sammlung verantwortlich ist. Denn es sei im ausgehenden 19. Jahrhundert die Sammelleidenschaft des Sprachwissenschaftlers Georg Wenker gewesen, die anschließend über Jahrzehnte hinweg den Grundstock für den Sprachatlas gelegt habe.

Und diese Sammelleidenschaft kommt seit Jahrzehnten auch der Nachwelt in der Wissenschaft zugute. Denn auch den nachfolgenden Forscher-Generationen seien die Materialien Wenkers sehr wichtig gewesen, sodass sie sich immer wieder aufs Neue für die Sicherung aller von dem Gründervater des Instituts erhobenen Daten eingesetzt hätten.

„Wir arbeiten bis heute auch mit den historischen Materialien“, erklärt Ganswindt über den Nutzen der Forschungs- und Lehrsammlung. Die von Georg Wenker in Marburg begonnene flächendeckende Erhebung der deutschen Dialekte anhand der berühmten 40 Wenker-Sätze habe so zum Zusammentragen eines bis heute einmaligen Datenschatzes beigetragen.

Jeweils eine Büste Georg Wenkers und seines wichtigsten wissenschaftlichen Mitarbeiters und Nachfolgers Ferdinand Wrede stehen am Fenster in der großen sprachwissenschaftlichen Bibliothek im Erdgeschoss, dem Vorraum zur in mehreren Räumen untergebrachten Sammlung. Die Büsten erinnern an die große Tradition des Institutes, das mittlerweile als Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas in ganz Deutschland und weltweit anerkannt ist.

In der Sammlung befinden sich beispielsweise die damaligen Arbeitsmittel Wenkers wie die Pausen, die er zum Zeichnen seiner Sprachkarten nutzte. Dass dieses eine sehr akribische akademische Fleißarbeit war, wird schnell deutlich, wenn man Blicke in die Arbeitsmaterialien von damals wirft. Unter anderem soll auch dokumentiert werden, wie und mit welchen Zwischenschritten der Forscher von seinen in ganz Deutschland erhobenen Daten zu seinen Sprachkarten des Deutschen Reichs kam, erläutert Brigitte Ganswindt.

Alles in allem gewinnt man schon bei einer Führung von rund zwei Stunden spannende Einblicke in die Werkstatt der Sprachwissenschaftspioniere. Und weil die Bücher, Sprachkarten und weiteren Objekte in den Räumen der Sammlung rund um die Bibliothek in ihrer Gesamtheit trotz der modernen Lagerungsart auch die Patina des 19. Jahrhunderts vermitteln, meint man fast, dass um die Ecke Wrede und Wenker sitzen könnten.

Tonarchiv umfasst 6 000 Tonaufnahmen

Äußerst interessant ist es für die Sprachwissenschaftler von heute auch, die fast vollständig erhaltene Bibliothek der Gründerväter aus dem 19. Jahrhundert samt der damaligen Anmerkungen nutzen zu können.

Diese Bücher aus dem Nachlass von Wenker und Wrede zeigen unter anderem auch, auf welchem Wissensstand die Pioniere aufbauten. Besonders aufschlussreich findet Ganswindts studentische Mitarbeiterin Hannah Seger, die die Aufarbeitung dieser Nachlässe betreut, die von den beiden Professoren korrigierten Klausuren mit Bewertungen und Anmerkungen von damals.

Bei öffentlichen Führungen durch die Sammlung, die zuletzt teilweise auch in der Corona-Zeit weitergeführt wurden, stehen aber vor allem die noch spektakulärer anzuschauenden Gerätschaften aus dem Phonetischen Kabinett des Anglisten Wilhelm Vietor im Mittelpunkt.

Das Phonetische Kabinett ist eine Sammlung von Apparaturen zur Aufzeichnung von Schallsignalen und Demonstrationsmitteln zur Anatomie des Sprechens. Darunter befindet sich beispielsweise eine einmalige Marburger Erfindung, die ursprünglich zur Blutdruckmessung entwickelt wurde: das Kymographion. Der Physiologe Carl Ludwig (1816-1895) hatte das Gerät am Anatomischen Institut entwickelt, mit dem auf einer mit berußtem Papier bespannten und rotierenden Walze mit Hilfe eines Schreibgerätes Druckveränderungen aufgezeichnet werden konnten. Dass der „Wellenschreiber“ aber auch Schallwellen aufzeichnen und messen konnte, machten sich wiederum die Marburger Sprachwissenschaftler sehr erfinderisch zunutze.

Als einer der ersten Audiorecorder wurde in Marburg aber auch ein von Thomas Alva Edison entwickelter Phonograph zur Aufzeichnung von Schallwellen genutzt. Eine echte Rarität ist auch eine historische Schreibmaschine mit zwei parallel montierten Tastaturen, von denen eine speziell nur für die Darstellung von Lautschrift gedacht war – damals essenziell für sprachwissenschaftliche Forschungsberichte.

Termine

Die 9. Jahrestagung der Gesellschaft für Universitätssammlungen findet vom 15. bis zum 17. September an der Uni Marburg statt. Mit dem Thema der Sammlungstagung 2021 „Digitales Kuratieren“ soll der Blick auf die digitalen Aspekte der Arbeit mit und in wissenschaftlichen Universitätssammlungen gerichtet werden. Die Relevanz des Themas ergibt sich aus der fundamentalen Bedeutung für die Anforderungen an die verwendete Datenbanksoftware von Standards der Anfertigung digitaler Datensätze und Reproduktionen bis hin zur Publikation der Daten und der Recherchierbarkeit im Netz.

Begleitend zur Tagung wird am 15. September die Ausstellung „Spuren lesen: Objekte erzählen. Marburger Universitätssammlungen digital“ eröffnet. Unter Federführung des Museums für Kunst und Kulturgeschichte und der Universitätsbibliothek wird diese Ausstellung Objekte der Marburger Sammlungen im realen und digitalen Raum präsentieren.

In einer besonderen Unterabteilung sind auch weitere Speicherträger für Tonaufnahmen aufbewahrt – von der Schellackplatte über das Tonband und die Audiokassette bis hin zu immer moderneren Medien – mit Hilfe derer gesprochene Texte aufgezeichnet wurden. Das Tonarchiv umfasst insgesamt 6 000 Tonaufnahmen deutscher Dialekte, die zeitlich bis in die Anfänge der Tonaufzeichnung im 19. Jahrhundert zurückreichen.

Apropos Dialekte: Diese stehen auch im Mittelpunkt der weiteren Prunkstücke der Sammlung: Das sind 1668 handgezeichnete Teilkarten des ersten vollständigen Exemplars vom „Sprachatlas des Deutschen Reiches“, den Georg Wenker in Marburg vollendete. Komplettiert wird dieser Sammlungsteil durch die ca. 50 000 dazugehörigen Erhebungsbögen.

Das nach Angaben der Sprachatlas-Verantwortlichen weltweit einzigartige Material machte im ausgehenden 19. Jahrhundert und beginnenden 20. Jahrhundert die flächendeckende Dokumentation der deutschen Dialekte möglich.

Hintergrund

Rund 100 000 historische Dialektdokumentationen, 3000 historische Dialektkarten und 6 000 Tonaufnahmen gehören zu der universitären Sammlung in Marburg, die 1876 gegründet wurde. Sie umfasst Materialien zu den deutschen Dialekten und Regionalsprachen und hat ihren Sitz im vor wenigen Jahren neuen Sprachatlas-Gebäude am Pilgrimstein.

Eine Besonderheit sind die gesammelten Materialien der beiden Großraumprojekte. Mit dem von Georg Wenker (1852-1911) begründeten Sprachatlas des Deutschen Reiches wurde der Versuch einer Totalerhebung des Deutschen durchgeführt. Hierfür konstruierte Wenker 40 Sätze aus der deutschen Hochsprache, die an allen Volksschulen des Deutschen Reichs in den jeweiligen Ortsdialekt übertragen werden sollten.

Im zweiten von Wenker initiierten Projekt, dem Deutschen Wortatlas, wurde wiederum das größte Augenmerk auf die Besonderheiten im deutschen Wortschatz gelegt.

Von Manfred Hitzeroth

05.08.2021
05.08.2021