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Marburg „Gnadenlose Belastung für die Fahrer“
Marburg „Gnadenlose Belastung für die Fahrer“
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11:58 10.07.2019
Marburger Stadtbusfahrer leiden an ihrem Arbeitsplatz unter sommerlichen Temperaturen. Quelle: Thorsten Richter/Archiv
Marburg

Jonas Meier (Name von der Redaktion geändert) ist schon seit vielen Jahren Busfahrer bei der Marburger Verkehrsgesellschaft – 100-prozentige Tochter der Marburger Stadtwerke.

Und seit vielen Jahren erlebt er nach eigenen Angaben immer wieder das selbe: „Sobald die Außentemperaturen auf mehr als 30 Grad steigen, ist das Busfahren in Marburg eigentlich nicht mehr möglich“, sagt Meier.

Der Grund: „Die Klimaanlagen schaffen es nicht, die Busse zu kühlen. Das ist für die Fahrgäste nur schwer erträglich – für uns Fahrer aber gesundheitsgefährdend.“

Er wisse persönlich von Fahrern, die die Fahrt hätten unterbrechen müssen, weil sie keine Luft mehr bekommen hätten – und in der Folge vom Rettungswagenpersonal versorgt werden müssen. Die Temperatur an seinem Arbeitsplatz hinter dem Lenkrad habe in den vergangenen Wochen bereits mehrfach über 41 Grad gelegen, ­„einmal wurde mir so schwummrig, dass ich die Fahrgäste nicht mehr ­gesehen habe – zum Glück 
konnte ich noch rechts ran­fahren“, sagt er.

Alte Busse mit überhitzten Motoren

Das Problem sei vielschichtig: Zum einen schafften die Klimaanlagen es nicht, die Busse zu kühlen, weil schon nach kurzer Zeit die Türen wieder geöffnet würden. Doch, so sagt Meier, gebe es auch einen Wartungsstau – Klimaanlagen seien häufig auch defekt. „Außerdem fahren wir hier mit manchen alten Schleudern, die schon mehr als eine Million Kilometer auf dem Buckel haben. Und: Oft genug bleiben die Busse auch unterwegs stehen, weil die Motoren überhitzen“, zählt Meier auf.

„Das alles ist eines städtischen Unternehmens unwürdig“, findet er – und wundert sich, dass es diese Probleme in Gießen nicht gebe. Er tausche sich regelmäßig mit Kollegen in der Nachbarstadt aus, die von solch extremen Problemen jedoch nicht berichten würden.

Wie in einer Sauna

Dass die Arbeitssituation der Stadtbusfahrer mitunter alles andere als einfach sei, berichtet auch Jan Schalauske, heimischer Landtagsabgeordneter der Linken. Er fuhr Ende Juni eine gesamte Schicht in einem Stadtbus mit, um sich ein Bild von den Arbeitsbedingungen zu machen, und berichtete auf seinem Facebook-Auftritt davon.

„An einer Haltestelle wollen sich die Bremsen nicht lösen. Es ist der bisher heißeste Tag des Jahres. Die Klimaanlage funktioniert nicht. Wir fühlen uns wie in einer Sauna“, schreibt der Landtagsabgeordnete.

Von neun Stunden werden keine acht bezahlt

„Auch Kollegen in anderen Bussen berichten, dass die Anlagen nicht richtig laufen. Es wird richtig heiß. Ein Fahrgast beschwert sich, hat aber Verständnis, dass der Fahrer nichts dafür kann. Das Gebläse macht einen Höllenlärm“, so Schalauske.

Der Fahrer habe versucht, den Bus zu wechseln – „nicht möglich, sagt die Leitstelle. In jeder Richtung unserer Hauptroute verlieren wir rund zehn Minuten – einfach, weil der Bus zu langsam ist. Um diese Minuten verringern sich auch die ,Lenkzeitunterbrechungen‘ und die Pausen. Man ­habe das Gefühl, ständig gegen die Uhr zu fahren, sagt unser Kollege“, berichtet der Politiker.

Schalauske ist dankbar für den Einblick

Und lenkt den Fokus auch noch auf ein anderes Problem: „Fast neun Stunden Schicht, bezahlt werden lediglich sieben Stunden und 47 Minuten.“ Jan Schalauske sei „sehr dankbar für den Einblick, den ich heute bekommen durfte. Er ist ein Ansporn, sich weiter für bessere ­Arbeitsbedingungen und höhere Löhne einzusetzen.“

Doch was sagen die Stadtwerke zu der Problematik? „Die enormen Temperaturen belasten Mensch und Material gleichermaßen“, antwortet Sarah Möller auf die Anfrage der OP.

Die Klimaanlagen der Busse liefen auf Höchsttouren, spürbare Temperaturunterschiede zwischen drinnen und draußen seien dennoch „unter den herrschenden Extrembedingungen nur marginal herzustellen, da die gerade zwischen den Haltestellen abgekühlte Temperatur im Innenraum des Busses durch das Öffnen der Türen wieder entweicht beziehungsweise durch die warme Außenluft wieder erhitzt wird“, so die Kommunikationsbeauftragte.

Arbeitgeber stellt Wasser zur Verfügung

Die Türen hätten bei einem viertürigen Gelenkbus zwischen neun und elf Quadratmetern Fläche, entsprechend groß sei der Luftaustausch. Man wisse, so Möller, dass ein Fahrer wegen Kreislaufproblemen abgelöst und ärztlich versorgt worden sei. „Wir appellieren an die Fahrer, viel zu trinken und sich vor Dienstantritt genügend Mineralwasser mitzunehmen.“ Das stehe den Fahrern unbegrenzt für den persönlichen Bedarf zur Verfügung.

Doch kommt es vermehrt zu Funktionsausfällen der Klimaanlagen? Oder sind die Motoren der Busse häufig überhitzt? 
„Gegenüber den Vorjahren sind keine vermehrten Ausfälle zu verzeichnen. ­Klimaanlagen sind komplizierte und desgleichen empfindliche Systeme, die einen geschlossen Kühlkreislauf aufweisen. Ein Defekt an einer Klimaanlage kann bei guter und regelmäßiger Wartung nicht ausgeschlossen werden“, so Möller.

Stadtwerke weisen Wartungsstau zurück

Anders als die Klimaanlage eines Autos weise die eines Busses ein sehr langes Leitungssystem auf. „Und genau hier liegt das Problem. Bereits kleinste Leckagen, in die unerwünschte Außenluft in das System gelangt, können eine Klimaanlage komplett ausfallen lassen.“

Und was ist mit dem angesprochenen Wartungsstau? Die Mitarbeiter der Werkstätten arbeiteten „mit hoher Priorität daran, bei diesen Temperaturen dafür zu sorgen, dass alle Klimaanlagen der Busse ­funktionstüchtig sind. Jeden Abend nach Einfahrt der Fahrzeuge erfolgt eine Durchsicht, bei der zum Beispiel auch der Ölstand kontrolliert wird, Kühlwasser nachgefüllt wird und so weiter. Einen Wartungsstau gibt es ­derzeit nicht.“

Klimaanlagen sind überfordert

Auch gebe es eine ausreichende Anzahl an Ersatzfahrzeugen, die unabhängig von der Art des Ausfalls zum Einsatz kämen. „Selbstverständlich werden auch aufgrund defekter Klimaanlagen Busse getauscht“, versichert Möller.

Der Betriebsratsvorsitzende der Marburger Verkehrsgesellschaft, Frank Morczinek, versteht die Probleme der Fahrer – 
aber auch die des Unternehmens. „In Marburg sind die Haltestellen sehr dicht beieinander – da schaffen es die Klimaanlagen einfach nicht, in dieser kurzen Fahrzeit die Temperatur zu senken. Wir haben eben keine Reisebusse und fahren auch keine Überlandlinie, wo die Türen wesentlich seltener geöffnet werden“, sagt er im Gespräch mit der OP.

Auf Betreiben des 
Betriebsrats sei im vergangenen Jahr ein zweites Klima­wartungsgerät in der Werkstatt angeschafft worden. „Aber: Wenn eine Klimaanlage defekt ist, dauert es mindesten 24 Stunden, sie zu reparieren“, weiß Morczinek.

Jeden heißen Tag fällt ein Fahrer aus

Immerhin habe der Betriebsrat mit der Geschäftsleitung ausgehandelt, dass Linien auch ausfallen können, wenn ein Fahrer beispielsweise wegen Hitze nicht weiterfahren könne und sie an ihr Limit kämen. „Dann bleibt der Bus eben stehen, die Gesundheit der Fahrer geht vor“, sagt Morczinek – 
dies sei während der heißen 
Tage im Schnitt einmal täglich geschehen. Doch viel 
mehr gehe nicht. „Wir müssen die heißen ­Tage einfach über­stehen“, sagt der Betriebsrats­vorsitzende.

Für ihn steht jedoch auch fest: „Es ist eine gnadenlose Belastung für die Fahrer – sie müssen sich pausen­los konzentrieren, tragen eine hohe Verantwortung. Sie geben sich die größte Mühe.“

von Andreas Schmidt