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Marburg Soll es die Volkshochschule weiter richten?
Marburg Soll es die Volkshochschule weiter richten?
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15:09 22.02.2021
Viele Ältere leben isoliert. Bedarf es daher zusätzlicher Angeboten? Dazu äußern sich die Spitzenkandidaten.  Foto: Bodo Marks/dpa-tmn
 Viele Ältere leben isoliert. Bedarf es daher zusätzlicher Angeboten? Dazu äußern sich die Spitzenkandidaten.  Quelle: Bodo Marks/dpa-tmn
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Marburg

Viele Kommunen im Landkreis haben ihre Seniorenarbeit in den vergangenen Jahren komplett umgekrempelt und viele neue Angebote entwickelt, die sich an den veränderten Bedürfnissen der älteren Generation orientieren. Bedarf es da noch einer zusätzlichen Seniorenarbeit der Volkshochschule des Kreises oder sollte der Kreis diese Arbeit einstellen und dafür den Kommunen ein Budget für deren Seniorenarbeit zur Verfügung stellen?

Anna Hofmann (Die Linke): Seniorenarbeit im Landkreis ist nach wie vor eine wichtige Aufgabe, die weit über VHS-Kurse hinausgeht. In vielen Dörfern gibt es trotz Seniorenarbeit von Gemeinden keine Anlaufstellen mehr für ältere Menschen: Sparkassen, kleine Einkaufsläden etc. sind als Treffpunkte nicht mehr vorhanden. Der Landkreis müsste hier flächendeckend Senioren-Taxis/Busse anbieten, die flexibel für Arztbesuche sowie politische und kulturelle Veranstaltungen genutzt werden können. Die Gemeinden sollten dabei unterstützt werden ihre Ortskerne (z. B. durch Markt-Treff-Konzepte) zu reaktivieren. Auch für ältere Menschen spielt Digitalisierung eine immer größere Rolle. Gerade in der Coronazeit haben viele entsetzlich unter Einsamkeit und Isolation gelitten. Der Landkreis sollte alle Seniorenheime mit barrierefreien iPads ausstatten und das VHS-Angebot diesbezüglich erweitern. Allerdings darf dies nur ein zusätzliches Angebot sein. Technik sollte niemals menschliche Fürsorge ersetzen. Zuletzt sollte die politische Selbstbestimmung von SeniorInnen gestärkt werden: der Kreisseniorenbeirat müsste ein Antragsrecht im Kreistag bekommen und ein ausreichendes Budget für Inklusions-Aufgaben.

Werner Hesse (SPD): Ja, Seniorenarbeit hat in den Kommunen einen hohen Stellenwert. Aber Seniorinnen und Senioren, die heute aus dem aktiven Arbeitsleben ausscheiden, haben oft noch weitergehende Ansprüche an ein Leben im Ruhestand, etwa den Wunsch, sich in den Bereichen zu bilden, für die während des Arbeitslebens oft zu wenig Zeit blieb. Sie suchen daher nach einem breitgefächerten und qualifizierten Bildungsangebot. Während in Kommunen Seniorenarbeit eine freiwillige Leistung ist, die sich vielfach auf ehrenamtlicher Arbeit gründet, in ihrem Umfang nach Größe der Altersgruppe, jeweiliger Interessen- und letztlich auch Finanzlage ausgerichtet ist, haben Volkshochschulen einen gesetzlichen Auftrag für die Erwachsenenbildung. Daher gibt es hauptberufliche Verwaltungsstrukturen und Volkshochschulen erhalten Landesmittel. Ihr Auftrag erstreckt sich in die Fläche, unabhängig von örtlichen Gegebenheiten. Seniorenarbeit der Volkshochschule Marburg-Biedenkopf und Seniorenarbeit der Kommunen vor Ort stehen keineswegs in Konkurrenz, sondern ergänzen sich durch ihre Aufgabenstellung. Sie bieten Angebote für freizeitliche Aktivitäten, Treffen und Austausch aber auch für qualifizierte Bildungsnachfrage.

Werner Waßmuth (CDU): Die Seniorenbildung der Volkshochschule sollte weder Konkurrenz noch Alternative zur kommunalen Seniorenarbeit sein: Im Gegenteil, beide sollen zusammengehörige Elemente eines umfassenden, ganzheitlichen Angebotes moderner Seniorenbildung sein. Von daher ist es wohl auch kein Zufall, dass die Zusammenarbeit vor Ort nach unserem Eindruck hervorragend ist. Wir halten daher eine Einstellung dieser Arbeit keineswegs für angezeigt: Im Gegenteil, ich denke, in den letzten Jahren ist gerade das Interesse an überörtlichen, vernetzten Bildungsangeboten seitens der Seniorinnen und Senioren gestiegen und die VHS-Seniorenbildung hat darauf auch mit gemeindeübergreifenden kreisweiten Angeboten – auch digital – reagiert. Aus Sicht der CDU ist es eine wesentliche Aufgabe der Seniorenbildung, auch den digitalen Wandel mitzugestalten und mit adäquaten Bildungsangeboten für Seniorinnen und Senioren einen Beitrag zu leisten, damit insbesondere ältere Menschen in der digitalen Welt nicht abgehängt werden, sondern im Gegenteil ihre (Lebens-)Erfahrung auch in eine sich digitalisierende Welt einbringen.

Bernd Schmidt (Freie Wähler): Die Seniorenarbeit ist ein wichtiger Aspekt in unserer Gesellschaft. Dies haben wir als Freie Wähler auch in unser Programm aufgenommen. Wir setzen uns dafür ein, dass der Landkreis die Kommunen mit einer „Senioren-Zulage“ (pro Senior ab 60 Jahre mit 150 €) unterstützt, um die örtliche Seniorenarbeit zu optimieren. Gerade in der jetzigen Krise und nach der Corona-Pandemie besteht in diesem Bereich dringender Handlungsbedarf. Ebenso sind die vorhandenen örtlichen „Bürgerhilfen“, die sich vor allem für die ältere Generation einsetzen, zu unterstützen. Wünschenswert ist eine Landkreis-Stiftung mit dem Zweck einer unabhängigen Aufgabenerledigung mit generationsübergreifenden Themenschwerpunkten, wie Jung hilft Alt und Alt hilft Jung. Hier gibt es viel Potenzial für den Landkreis, denn Seniorenarbeit sollte nicht an den kommunalen Grenzen enden, sondern muss großflächig gesehen werden. Daher wird die Seniorenarbeit der Volkshochschule weiterhin als notwendig gesehen, die über die lokalen Maßnahmen regionale Initiativen und vor allem Bildungsangebote organisiert und realisiert. Hier gilt es, Kooperationen zu erarbeiten und so Synergien für beide Seiten zu gewinnen.

Michael Meinel (Bündnis 90 / Die Grünen): Gute Angebote für ältere Mitbürger sind gerade in eher ländlichen Kommunen wichtig. Erfreulich ist, dass sich zunehmend die Kommunen im Landkreis dieser Herausforderung stellen. Die Verantwortlichen sind gefordert, für diese Altersgruppe ihrer Einwohner ein lebenswertes Umfeld mit individueller Unterstützung zu schaffen. Dazu gehören vielfältige Angebote wie Nachbarschaftshilfe, Fahrdienste und Treffpunkte für Gemeinschaftsaktivitäten. Die ältere Generation ist aktiver und mobiler als früher. Die Nachfrage nach klassischer Unterhaltung wie beim Seniorencafé nimmt ab. Bildungs- und kulturelle Angebote sind zunehmend gefragt. Die Generation, die jetzt die Altersgrenze von 60 überschreitet, bringt eine große Vielfalt an kulturellen und anderen Erfahrungen mit. Das Spektrum an Bedürfnissen kann in seiner ganzen Breite eine Kommune allein nicht stillen. Hier findet sich die Rolle der Volkshochschule des Landkreises. Bestehende Angebote reichen nicht aus und sind in Kooperation mit den Kommunen auszubauen. Dabei sind weniger Konzepte gefragt, als praktische Unterstützungen durch den Kreis sicherzustellen. Wo Hilfe für ein breites Angebot benötigt wird, wissen die Akteure vor Ort am besten.

Jana Groth (Klimaliste): Sowohl die VHS Marburg-Biedenkopf als auch die Kommunen im Landkreis leisten einen wichtigen Beitrag zur Senior*innenarbeit. Um diese Arbeit auszubauen und noch stärker auf die Bedürfnisse der Senior*innen auszurichten, ist eine strukturierte Zusammenarbeit, eine Erhöhung der finanziellen Mittel auf beiden Seiten sowie eine stärkere Beteiligung und Mitbestimmung von Senior*innen nötig. Wichtig ist hier nicht nur, den Kreisseniorenrat bei allen wichtigen Entscheidungen des Landkreises einzubinden, sondern auch die Gründung von Senior*innenräten in allen Kommunen des Landkreises, damit die Senior*innenarbeit stärker lokal ausgerichtet werden kann. Um die Selbstständigkeit von Senior*innen so lang wie möglich zu erhalten, braucht es zudem vom Landkreis bezahlte Bürger*innenbusse und Senior*innentaxis in allen Kommunen sowie ein flächendeckendes Netz an Gemeindeschwestern. Bildung (insbesondere vor dem Hintergrund der Digitalisierung), Gesundheit, Mobilität und soziale Teilhabe sind wertvolle Güter, die wir allen Menschen im Landkreis garantieren müssen, ganz unabhängig von ihrem Alter.

Dr. Frank Michler (Bürgerliste Weiterdenken): Es ist eminent wichtig, den Kommunen spezifische Gelder für eigene Ideen der Seniorenarbeit zur Verfügung zu stellen; auch auf Kreisebene sollte dies weiterhin geschehen. Jede Idee kommunaler Selbstverwaltung und Autonomie fördert das Selbstverständnis des Bürgers zur Mitsprache und Selbstbestimmung. Wir unterstützen jede Idee, die hilft, Senioren aktiv in die Gesellschaft einzubinden und den Kontakt zwischen den Generationen zu stärken. Wir machen uns stark für Fördermaßnahmen regionaler Projekte von generationsübergreifendem Wohnen und Mehrgenerationshäusern, bzw. Hofprojekten. Wir fordern neue Ideen einer grundlegenden Umgestaltung von Pflege und dem Umgang mit Krankheiten und Isolation im Alter. Es ist eine Schande, wie unsere Alten z.B. durch die unmenschlichen Corona-Maßnahmen entmündigt und eingesperrt werden! Wir fordern in Bezug darauf eine breite Diskussion von Fachleuten und Bürgern über Alternativen zum bisherigen Wegsperren alter Menschen in Pflegeheime! Wir befürworten ganz entschieden neue Ideen, um alte Menschen stärker in die Politik einzubinden, z.B. in Form von Ältestenräten, die eine Stimme bei allen kommunalpolitischen Entscheidungen haben sollten.

Frank Lerche (Piraten und Liberale): Der demografische Wandel unserer Bevölkerung führt dazu, dass für ältere Menschen verstärkt Bedarfe entstehen. Dem versuchen die in der Frage erwähnten Angebote Rechnung zu tragen, allerdings können sie nicht mit den Möglichkeiten der Volkshochschulen in Bezug auf Vielfalt und auch überregionale Angebote Rechnung tragen. Einzelne, insbesondere kleine Gemeinden können das nicht leisten, auch fallen Interessen leicht wegen zu wenig Teilnehmenden unter den Tisch, während die Kreisvolkshochschule gut aufgestellt ist und Interessen überregional bündeln kann. Möchte ein älterer Mensch in einer kleinen Gemeinde beispielsweise Schach oder Go spielen, ist er vielleicht der Einzige. Im Kreis ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass sich Gleichgesinnte finden und eine aktive Gruppe zusammenkommt. Ein Budget für die Gemeinden würde verpuffen, besonders in kleineren Gemeinden nur wenig Vielfalt ermöglichen und insgesamt nicht zielgerichtet wirken. Es ist bei der Kreisvolkshochschule daher effektiver nutzbar und damit besser aufgehoben.

Julian Schmidt (AfD): Grundsätzlich befürwortet die AfD es, Kompetenzen und finanzielle Mittel zurück auf die Kommunen zu verlagern. Die Verantwortlichen in den Städten und Gemeinden können vor Ort am besten beurteilen, an was es fehlt, und wo Verbesserungsbedarf besteht. Die Seniorenarbeit bildet da keine Ausnahme. Alle Bereiche, die das alltägliche Leben unserer Senioren direkt betreffen, wie Begegnungs- und Austauschmöglichkeiten, die Vermittlung von Hilfsangeboten oder sonstige Beratungen sind bei den Kommunen am besten aufgehoben. Es hat sich in den vergangenen Jahren in einigen Kommunen schon viel bewegt, andere haben aber noch deutliches Verbesserungspotenzial. Die Bildungsangebote der Volkshochschule können die Arbeit der Kommunen jedoch sinnvoll ergänzen. Gerade die Online-Angebote sind für Senioren, die nicht mehr ganz so mobil sind, eine sehr gute Möglichkeit der Teilhabe und Weiterbildung. Dieses Angebot sollte weiter ausgebaut werden.

Werner Böhm (FDP): Die beiden Volkshochschulen im Landkreis leisten für uns Bewohner einen wertvollen Beitrag im Rahmen der Erwachsenenbildung. Die dort angebotenen Kurse im Sprach-, Gesundheits-, Kultur- oder Politikbereich werden oftmals intensiv von Seniorinnen und Senioren belegt. Eine Unterstützung der Volkshochschule Marburg-Biedenkopf ist daher auf jeden Fall sinnvoll und auch notwendig. Sie sichert damit gleichzeitig auch die Überlebensfähigkeit der Einrichtung. Auf der anderen Seite leisten die Kommunen ebenfalls wertvolle Beiträge zur Seniorenarbeit. Ganz wichtige Angebote finden meist in den Vereinen statt. Gerade in Pandemiezeiten sind diese Angebote besonders zu unterstützen. Sowohl finanziell als auch ideell bedarf es jetzt einer besonderen Anerkennung und Unterstützung. Da sich die Kommunen darin meist auch besser auskennen, um ideelle und weitere vielfältige Hilfestellungen zu gewährleisten, ist im Einzelfall, bei konkreten Vorhaben, auch eine finanzielle Unterstützung durch den Kreis sinnvoll.

  

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19.02.2021
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