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Marburg Solarbranche im Aufwind
Marburg Solarbranche im Aufwind
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20:23 11.03.2022
Arbeiter montieren Module einer Fotovoltaikanlage. Solaranlagen sind – auch wegen der immens gestiegenen Energiepreise – stark nachgefragt.
Arbeiter montieren Module einer Fotovoltaikanlage. Solaranlagen sind – auch wegen der immens gestiegenen Energiepreise – stark nachgefragt. Quelle: Stefan Puchner/dpa
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Marburg

Die Solarbranche boomt: „Seit dem ersten Lockdown ist die Nachfrage nach Fotovoltaik extrem angestiegen“, sagt Jojakim Sames, Geschäftsführer von Sames-Solar in Wehrda, im Gespräch mit der OP. Damals wären viele Menschen zwangsweise zu Hause gewesen „und haben sich überlegt, was man denn noch alles an der Immobilie machen kann“, sagt Sames. In der Folge hätten sich viele Hausbesitzer entschieden, in Fotovoltaik zu investieren. Häufig sei auch hinzugekommen, „dass sie sich etwa ein E-Auto angeschafft haben“, sagt Sames – da sei die Solaranlage die logische Konsequenz. Und ohnehin sei das Umweltbewusstsein bei vielen Menschen gestiegen – sie hätten etwa eine neue Heizungsanlage mit Wärmepumpe installiert, „wo Solarstrom ebenfalls absolut sinnvoll ist“.

Angst rund um die Versorgungssicherheit

Dass die Strompreise Ende vergangenen Jahres immens gestiegen seien und Kunden von ihren Stromversorgern quasi rausgeschmissen wurden, habe zu einer vergleichsweise geringen Steigerung geführt, „die aber zum schon bestehenden hohen Aufkommen hinzukam“, sagt Sames.

Seit Beginn des Kriegs in der Ukraine und der damit verbundenen erneuten Erhöhung der Energiekosten „steht das Telefon kaum noch still“, so der Ingenieur. Das Thema Versorgungssicherheit sei bei den Verbrauchern angekommen, „sie sagen sich, dass wir entweder von Assad oder von Putin abhängig sind – also wollen sie dieser Abhängigkeit entgehen, die fossile Heizung rausschmeißen – und dann bleibt nur noch der Strom. Also sind Fotovoltaik und Wärmepumpe das Mittel der Wahl.“

Im Bundestagswahlkampf sei das Thema „Solarpflicht“ aufgekommen – die es auch einmal in Marburg gab, bis sie gerichtlich gekippt wurde. Würde das Solarbranche und Energiewende einen weiteren Auftrieb geben? „Von einer solchen Pflicht halte ich nicht viel. Denn jeder, der das Thema Fotovoltaik durchdenkt, kommt ganz schnell selbst drauf, dass es sinnvoll ist“, meint Jojakim Sames. „Durch den Zwang schreckt man die Leute vielleicht eher ab.“ Die Wichtigkeit würde eine Pflicht jedoch unterstreichen.

Aber lohnt sich Fotovoltaik denn überhaupt noch – in Zeiten einer Einspeisevergütung, die gerade mal noch knapp über sechs Cent je Kilowattstunde beträgt?

„Ja, auf jeden Fall. Denn der Strom aus der Fotovoltaikanlage ist deutlich günstiger als der aus dem Netz. Wir liegen bei Systemen inklusive Batteriespeicher bei ungefähr 15 Cent je Kilowattstunde“, rechnet Sames vor – das sei „deutlich geringer als der bestehende Strompreis. Und da sind Steigerungen noch nicht eingerechnet.“

Bei der extremen Nachfrage in Verbindung mit der Rohstoff- und Lieferkettenkrise – wie sehr ist die Solarbranche davon betroffen? „Solarmodule sind trotz der hohen Nachfrage noch gut und zuverlässig lieferbar“, sagt Sames. Anders sehe es mitunter bei Batteriespeichern aus – je nach gewünschtem Modell. „Wir bekommen schriftliche Zusagen – doch die werden nicht eingehalten. Das macht das Geschäft schlecht planbar.“ Und manchmal scheitert der Einbau auch an Cent-Artikeln: „Neulich gab es keine Kabelbinder – das ist eigentlich völlig absurd.“ Wer heute eine Anlage beauftrage, müsse etwa fünf bis sechs Monate warten – Tendenz steigend.

Ein Quadratmeter Module kostet rund 100 Euro

Die Preise der Solarmodule seien mitunter so stark gesunken, „dass ich schon gedacht habe, eine Glasscheibe im Baumarkt ist teurer“, scherzt Sames. Mittlerweile hätten die Preise aber wieder angezogen, „sie sind aber noch im Rahmen“. Verbraucher könnten davon ausgehen, „dass ein Quadratmeter etwa 100 Euro kostet – das zahlt man ja stellenweise schon für Fliesen, die keinen Strom produzieren“.

Für Jojakim Sames steht fest: Ohne verstärkten Einsatz der Fotovoltaik sei die Energiewende kaum zu schaffen. „Es gibt noch so viele ungenutzte Möglichkeiten. Wenn etwa im gewerblichen Bereich Fassaden saniert würden, „könnte man auch gleich Solarmodule als Fassadenelemente verwenden – dort liegen ungeahnte Flächen brach. Denn Dachflächen gibt es ja gerade bei diesen Bauten nur begrenzt.“

Von Andreas Schmidt