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Marburg So teuer kommt Standort zu stehen
Marburg So teuer kommt Standort zu stehen
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09:48 27.04.2021
Der Standort Behringwerke. Archivfoto: Georg Kronenberg
Der Standort Behringwerke. Quelle: Georg Kronenberg
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Marburg

Im Hessenvergleich liegt Marburg über dem Niveau des kleineren Fuldas, aber unter dem Niveau der größeren Städte Gießen und Hanau. In den einzelnen Gemeinden im Landkreis Marburg-Biedenkopf liegt der Gewerbesteuersatz meist unter 400, am niedrigsten ist er im Wirtschaftsmotor Stadtallendorf sowie rund um Biedenkopf.

Während die Linken in Marburg seit Jahren eine Gewerbesteuererhöhung auf zuletzt 440 Punkte fordern, deuteten die nun als stärkste Fraktion aus den Kommunalwahlen hervorgegangenen Grünen vor zwei Jahren an, sich unter Umständen – etwa um einen städtischen Gratis-Nahverkehr zu finanzieren – eine minimale Erhöhung auf 410 Punkte vorstellen zu können. Doch grundsätzlich hat es in den vergangenen Jahren nie ernsthafte Bestrebungen gegeben, das Gewerbesteuer-Niveau anzutasten. Auch während des jüngsten Kommunal- und Oberbürgermeister-Wahlkampfs bekräftigten alle Parteien und Kandidaten, die Gewerbesteuer nicht erhöhen zu wollen – außer den Linken und in Ansätzen die Klimaliste. 

Für die Industrie- und Handelskammer Kassel-Marburg ist klar: Kommunale Steuern und Abgaben spielen bei Standortentscheidungen von Unternehmen „eine große Rolle“. Bei der Grundsteuer B, der Abgabe auf Grundstücksbesitz, liegt Marburg indes hessenweit deutlich unter den Hebesätzen anderer vergleichbar großen Kommunen. So gilt in Gießen der Wert 600, in Hanau 595. 

Je nach weiteren Auswirkungen der Corona-Pandemie, mutmaßlichen Firmenpleiten und den Folgen für die Gemeindefinanzen der kommunalen Haushalte könnte sich die Steuersatz-Frage aber in allen Kommunen neu stellen. Beispiel Frankfurt: Die Metropole verzeichnete bereits für 2020 einen Ausfall von mehr als 500 Millionen Euro. Vergangenes Jahr sorgte der größte Arbeitgeber in und um Marburg CSL Behring erst mit einem Einstellungsstopp, kürzlich mit einer Entlassungsankündigung und dem Aus des Logistikzentrum-Plans für Aufruhr.

Hoffen auf 
Biontech-Geldregen

Die Sparkasse Marburg-Biedenkopf sah während der zweiten Corona-Welle mit Blick auf Unternehmensdaten, der Liquidität vieler heimischer Firmen zwar noch keine Insolvenz-Welle auf Mittelhessen zurollen. Das Kreditinstitut betonte aber schon Ende 2020: Mit jeder Woche länger im Lockdown, mit jedem Monat weniger Wirtschaftskraft und lahmem Impftempo nimmt das Risiko für eine Pleitewelle deutlich zu (die OP berichtete). 

Unklar ist indes weiterhin, wie hoch die perspektivische Gewerbesteuerzahlung des Corona-Impfstoff produzierenden Pharmaunternehmens Biontech sein wird. Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) ging zuletzt davon aus, dass trotz Firmensitz in Mainz über die Ex-Novartis-Produktionsanlage auch für Marburgs Stadtkasse „spürbare Beträge hängen bleiben“. Da der Produktions- und Verkaufsstart von bis Jahresende 750 Millionen Vakzin-Dosen im Februar war, dürften entsprechende Zahlungen ab 2022 fällig werden.

Wie wichtig der Pharmastandort schon jetzt und seit Jahrzehnten ist, belegen die Marburger Haushaltszahlen: Die Pharmafirmen, die in den Stadtteilen Marbach und Görzhausen angesiedelt sind, brachten der Stadtkasse zwischen 2015 und 2018 jährlich durchschnittlich 90 Millionen Euro Gewerbesteuer ein.